Titel
Maribor/Marburg an der Drau. Eine kleine Stadtgeschichte
Rezension

Im deutschsprachigen Raum ist jenes Marburg vornehmlich als eine Stadt, an der man im Nord-Süd-Transfer (oft bloß) vorüberfährt, bekannt.

Die 350 Seiten beinhalten mehr als eine ‚kleine Stadtgeschichte‘, denn sie vermag durchaus eine Stadtbesichtigung illustrativ und profund zu begleiten. – Warum?

Einmal, weil es, geht man von der geostrategischen Situierung der Ansiedlung aus, zahlreiche, nicht unbedingt synchrone Parallelentwicklungen in der Urbangeschichte ‚Zwischeneuropas‘ festzustellen gibt; zum anderen daraus die wesentlichen wie unwesentlicheren Differenzen Marburg erst die besondere Charakteristik verleihen.

Besagter Raum des dann entstehenden Marburgs kennt die geschichtsmächtige Rolle der Römer, Germanen, Hunnen, Awaren, die Bildung des (alpen)slawischen Fürstentums Karantanien, das schließlich die Souveränität an besiedelnde, missionierende und feudalisierende Baiern und Franken abgibt. Von diesen Adelsgeschlechtern wird die ‚Burg in der Mark‘, als Grenzgrafschaft errichtet; dergleichen vollzieht sich im 12. und 13. Jahrhundert auch anderswo. Ebenfalls andernorts kommt es zu einem sukzessiven Hineinwachsen in die politische Verwaltung des ‚Hauses Österreich‘ der Habsburger. Das Privileg seiner Lage grundiert stets das Kapital Marburgs; zu wechselseitigem Profit für Stadt und Landesherrn ist es ein wehrhaft freizuhaltender (von osmanischen, napoleonischen Truppen; von Gewerbe-, Handels- und Zollbeschränkungen) Verkehrsknotenpunkt. – Die Bilanz einer sich quer durch die Jahrhunderte ziehenden prosperierenden Entwicklung könnte sich noch mehr sehen lassen, hätten nicht auch die in anderen Teilen Europas auftretenden Erscheinungen der konfessionellen (dauerhafte Ausweisung der Juden Ende des 15. Jahrhunderts), nationalistischen wie ideologischen Zwistigkeiten stets Einbrüche im Wohlstand gebracht; vornehmlich die Zäsur von 1918, als die ‚deutsche‘ Bevölkerung zum Verschwinden gebracht wird. Konzise zeichnet die Autorin die dazu führende Entwicklung nach:

Einmal die ihr Slowenentum erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts in die politische Waagschale werfende Bevölkerung, deren deutscher Teil mit eifriger Besitzstandswahrung antwortet. Rabiat wird letztere Haltung während des 1. Weltkrieges, mit deutscher Ansiedlungspolitik sowie der pauschalen Denunziation der Slowenen als Staatsverräter. Andererseits ist die auch zwischen den Ethnien vermittelnde Rolle des politischen Katholizismus zu nennen, konstitutiv für die slowenische Emanzipation. Kennzeichnend für das Marburg im chaotischen Umbruch ist, dass der k.u.k. Major, Rudolf Maister, im Jänner 1919 aus der (deutschen) Stadtbürgerschaft 21 Geiseln nimmt, um den Schlussakt der deutschen Sprachinsel durchzusetzen, und das unter Aufbietung zersprengter Truppenteile aus der Weite der Monarchie.

Die Erfahrungen der nun slowenisch bevölkerten Stadt während des so kurzen wie traumatisierenden ‚Zwischenspiels‘ eines auf ‚ewig deutsch‘ propagierten Marburgs (1938-1945; meistzerstörte Stadt Jugoslawiens), hat noch rückwirkend die ethnische ‚Bereinigung‘ von 1918 gerechtfertigt.

Merkwürdig unterbelichtet bleibt bei der Autorin die privilegierte Stellung Marburgs innerhalb der Teilrepublik Slowenien, die überhaupt wirtschaftlich vom Gesamtstaat Jugoslawien profitieren konnte. Den Strukturmaßnahmen zur Fortsetzung von kultureller und ökonomischer Prosperität bescheinigt sie viel Bemühung, nicht aber dezidierten Erfolg. – Folgt man der zu zwei Drittel des Buches gewidmeten ‚langen Dauer‘ (vor 1918) ihrer Stadtgeschichte, so ist diese eine Vergangenheit, die für sie nicht unbedingt vergehen hätte sollen. Die Kritik der habsburgischen verschwindet bei ihr hinter jener der jugoslawischen Ära.         

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