Titel
Max Kommerell
Untertitel
Eine intellektuelle Biographie
Rezension

Christian Weber stellt seine Biographie in die Tradition der „Intellektuellen Biographien“ und betont damit sein Interesse am wissenschaftlichen Wirken Kommerells. Das Privatleben des 1944 im Alter von 42 Jahren früh verstorbenen Germanisten tritt demgegenüber in den Hintergrund. Der kurze Lebemsweg Max Kommerells bietet nun allerdings genügend Stoff für eine eingehende Untersuchung für die — wie Weber es etwas umständlich nennt — „Rekonstruktion der Erkenntnisproduktion in der Wissenschaftsgeschichte“ (S. 3). Dies umso mehr, da es sich bei Kommerell um eine „Doppelbegabung“ als Wissenschaftler und Schriftsteller handelt, dessen berufliche Entfaltung als Germanist nach der Habilitation von 1930 zudem in die Zeit des Nationalsozialismus fällt. Die Konzentration auf die wissenschaftliche Biographie hebt allerdings Kommerells „Wissenschaftsverständnis in Dissertation und Habilitationsschrift“ und die sich anschließende akademische Karriere hervor, der „Schriftsteller Kommerell“ bleibt demgegenüber im Hintergrund und auch seine langjährige Nähe zum George-Kreis (1921-1929) und seine kurzzeitige Berührung mit dem Nationalsozialismus (1930-1933) beschäftigen Weber kaum. Die minutiöse Darstellung der Spanne von Kommerells Frankfurter Habilitation über Vertretungen in Bonn, Gießen und Köln und dem schwierigen, aber letztlich doch erfolgreichen Marburger Berufungsverfahren von 1939-1941 gehört sicherlich zu den Höhepunkten dieser „Intellektuellen Biographie“. Zahlreiche Quellenzitate, vor allem aus Unterlagen des Hessischen Staatsarchivs Marburg, lassen das wissenschaftsgeschichtlich bedeutsame Verfahren heute noch einmal lebendig werden. Für heutige Leser überraschend ist die Tatsache, dass 1939 der Gießener Sprachwissenschaftler Alfred Götze um ein vergleichendes Gutachten für die Neubesetzung eines Marburger literaturwissenschaftlichen Lehrstuhls gebeten wird. Die bei Weber abgedruckte, auf Kommerell zielende wohlwollend-freundliche Passage, gehört vermutlich zu den klügsten Texten, die der heute umstrittene Alfred Götze in der Zeit des Nationalsozialismus geschrieben hat. Dies scheint Christian Weber allerdings zu entgehen, weil er, für den offensichtlich „Germanist“ und „Literaturwissenschaftler“ Synonyme sind, auch Götze stets nur allgemein als „Germanist“ bezeichnet. Der Eingriff in den Sprachgebrauch der Zeit, wenn auch durch eckige Klammern gekennzeichnet, ist zudem überflüssig (S. 356).

Die Mehrzahl der acht Hauptkapitel gruppiert sich dann um die literaturwissenschaftlichen Forschungsschwerpunkte Kommerells und um das geistige Umfeld, in denen sie gewachsen sind: „Die Jean-Paul-Rezeption im Dialog mit Karl Reinhardt und Walter F. Otto (1930-1934)“; „Die Hofmannsthal-Rezeption im Dialog mit Heinrich Zimmer (1930-1940)“; „Die Goethe und Kleist-Rezeption im Dialog mit Heinrich Zimmer (1931-1943)“; „Die Rezeption Calderóns und der ‚Weltliteratur‘ im Dialog mit Ernst Robert Curtius, Fritz Schalk und Werner Krauss (1934-1944)“ und schließlich, im Anschluss an das Marburger Berufungskapitel, „Die Hölderlin-Rezeption im Dialog mit Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer (1941-1943)“ und „Die Rilke-Rezeption im Dialog mit Julius Ebbinghaus, Kurt Reidemeister und Rudolf Bultmann (1941-1944)“. Schon diese Überschriften deuten an, welch einen großen und vielfältigen Kreis von Freunden und Kollegen sich Max Kommerell in wenigen Jahren erschließen konnte, zumal er sicher keine ganz einfache Persönlichkeit war. Zur wissenschaftlichen oder intellektuellen Biographie in diesem Sinne gehört dann aber selbst für Weber die Beschäftigung mit Max Kommerells Roman „Der Lampenschirm aus den drei Taschentüchern. Eine Erzählung von gestern“ (1940), dessen Hauptfigur, der Professor für vergleichende Seelenforschung Prof. Dr. Neander, der nur wenig verschlüsselte väterliche Freund Heinrich Zimmer ist. Wissenschaft und Literatur sind hier so eng verflochten, dass Weber den Roman besprechen muss. Eine akribische Sammlung von Zitaten aus zeitgenössischen Besprechungen und Briefwechseln geben Auskünfte zu der Frage, „wie Kommerell seinen Korrespondenzpartner Zimmer im Roman, also im Medium der Fiktion, in der Figur Professor Neanders abbildet und damit seinen wissenschaftlichen Austausch reflektiert“ (S. 185). Eine „Gesamtinterpretation des Romans“ sei daher „nicht relevant“ (ebd.). Weber kann so vorgehen, denn: „Die wissenschaftlichen Arbeiten nehmen das Primat ein, die Dichtungen dienen der Ablenkung und dem Ausgleich“ (S. 545). Dies ist nun wieder nicht gerade sehr schön formuliert, zudem jetzt aber auch reichlich schlicht gedacht.

Der ebenfalls – im amerikanischen Exil 1943 – früh verstorbene Heinrich Zimmer kam in Kommerells Blickfeld als Schwiegersohn Hugo von Hofmannstal und als dessen Nachlassverwalter. Der charismatische Heidelberger Indologe hat dann aber im Leben Kommerells eine wichtige Rolle gespielt und seine Ablösung aus dem George-Kreis wesentlich erleichtert. Christian Weber gibt hier wichtige Einblicke in die Bedeutung solcher Freundschaften für die wissenschaftliche Persönlichkeitsbildung. Hier und an vielen anderen Stellen nimmt man die umfangreiche Auswertung von im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrten Briefen dankbar zur Kenntnis.

Ein wenig problematisch scheint aber insgesamt die Anlage des Buches als Dissertation zu sein. Sie verleitet den Autor nicht ganz selten, wohl zum Nachweis seines eigenen richtigen Textverständnisses, Zitate, die für sich selbst sprechen, ausführlich zu paraphrasieren. Lesefluss und Lesevergnügen, für das der Stoff ansonsten reichlich sorgt, geraten so gelegentlich ins Stocken. Geradezu ärgerlich wird es aber dann, wenn Weber Formulierungen Kommerells ohne Begründung (fehl)deutet. Wenn Kommerell an Heinrich Zimmer schreibt, „auch ich bin an Aristoteles geraten“, so schließt Weber daraus, „daß Kommerell keinen inneren Antrieb für dieses Thema besitzt, sondern es mit Blick auf die Karriere angeht“ (S. 373). An mehreren Stellen wird der Sprachgebrauch der 1940er Jahre, auch ein gewisser, heute selten gewordener Wissenschaftsjargon, in dem man an seinen Gedanken „herumwürgt“ (Kommerell), ohne dies als Zeichen von „Langeweile“ (Weber) zu deuten, schlicht nicht verstanden. Auch dass Weber Kommerells Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus als „opportunistisch“ aburteilt (S. 547), wird der Komplexität des Themas nicht ganz gerecht.

Es handelt sich aber insgesamt zweifellos um eine sehr verdienstvolle Arbeit, die für die Geschichtsschreibung der literaturwissenschaftlichen Germanistik neue Impulse setzt. Über das wissenschaftsgeschichtlich Bedeutsame hinaus gibt Christian Weber weiterführende Hinweise auf die Anfänge und Vorform der werkimmanenten Textinterpretation und beschreibt Max Kommerell als einen Wissenschaftler, der die Moderne als Krise empfunden hat. Damit bietet Weber einen Schlüssel, der für das Verständnis vieler Literatur- und Sprachwissenschaftler des 20. Jahrhunderts – und ihrer Texte – einen Interpretationsansatz eröffnet. Die Trennung von „intellektueller Biographie“ und einer Biographie im herkömmlichen Sinne erweist sich aber gerade bei Max Kommerell als Fehlschlag. Wenn man nicht versteht, warum sich der Mensch Kommerell für Literatur interessiert, dann versteht man auch den Wissenschaftler Kommerell nicht.

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