Titel
Zwischen Deutschland und Amerika
Untertitel
Mein Lebensweg
Rezension

Der 1938 bei Wittenberg geborene und in Hildesheim aufgewachsene Literaturwissenschaftler Dieter Sevin entflieht 1958 der „verkrampften Nachkriegsatmosphäre“ in Deutschland, um in den Vereinigten Staaten ein neues Leben zu beginnen. Dabei halfen dem 20jährigen verwandtschaftliche Beziehungen, neue Freundschaften und auch eine Sehnsucht nach Amerika, die er schon als Kind verspürte. Daß es Dieter Sevin nach einer schwierigen Schulzeit und einer landwirtschaftlichen Lehre in Deutschland einmal zum „Chair of the Department“ des Instituts für Germanistik und Slavistik an der Vanderbilt Universität in Nashville bringen würde, konnte damals niemand voraussehen. Weil er sich schon früh als „Vermittler zwischen den Kulturen“ sah, war sein Germanistikstudium in den USA aber doch wohl folgerichtig. Sein Doktorvater an der University of Washington in Seattle wurde William Rey, der selbst in Frankfurt/Main promoviert wurde und einst für die „Frankfurter Zeitung“ geschrieben hatte. Gegenstand dieser Arbeit war Theodor Plieviers Romantrilogie „Stalingrad“, „Moskau“ (Der Einmarsch nach Russland) und „Berlin“ (Der Untergang und die Eroberung durch die Russen). Sevin wählte dieses Thema auf Anregung Reys, und zwar „weil ich mich einfach mit diesem schrecklichen Geschehen – von dem ich als kleiner Junge noch selbst betroffen war – beschäftigen wollte“ (S. 104).

„Durch Theodor Plievier stieß ich auf die Exilliteratur, die sich damals gerade erst als neues Interessengebiet der Germanistik entwickelte und in Amerika seinen Ursprung hat. Das war ganz natürlich, da so viele Exilautoren in den Staaten Zuflucht fanden, wie zum Beispiel Bertolt Brecht, Thomas Mann, Heinrich Mann, Carl Zuckmayer, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Oskar Maria Graf usw. Viele verbrachten die Kriegsjahre in den USA; einige blieben sogar permanent hier. Ich selbst wurde dann aufmerksam auf den Autor Joachim Maass, ein Immigrant, über den noch niemand geschrieben hatte. Er war weniger bekannt, aber durchaus faszinierend – unter anderem, weil es ihm vor dem Verlassen von Deutschland gelang, seinen Roman Ein Testament noch in Abschnitten in der Berliner Zeitung zu veröffentlichen. Dieser Roman, den Maass in den Dreißigerjahren in Deutschland schrieb, war konzipiert und gemeint als ein Testament an das deutsche Volk, worin er unter anderem darauf hinwies, dass es zur großen Katastrophe kommen müsse wenn die politische Lage sich so weiterentwickelte, was dann ja auch wirklich geschah. Er sprach davon, dass alle Gemeinheiten und bösen Taten schließlich wie ein Bumerang zurückschlagen. Über Maass verfasst ich mehrere Aufsätze und dachte auch einmal daran, ein größeres Buch über ihn zu schreiben; aber dazu ist es leider nie gekommen“ (S. 107). Der Rezensent hat diese Aufsätze über Joachim Maass während seiner Studienzeit mit Gewinn gelesen; ein „größeres Buch“ über diesen Autor und seine Werke („Der Fall Gouffé“, „Die unwiederbringliche Zeit“, „Das magische Jahr“, „Kleist, die Fackel Preußens“ u.a.) steht bis heute noch aus.

Auch Dieter Sevins zweites Forschungsgebiet hat biographische Bezüge. „Ende der Siebzigerjahre fing ich an, mich für DDR-Literatur zu interessieren – wohl auch, weil ich bei Wittenberg geboren bin, also in der späteren DDR“ (S. 107). Sein Buch „Textstrategien in DDR-Prosatexten“ von 1994 fasst die Summe seiner Arbeiten zu diesem Thema zusammen. Unter dem Titel „Trotzdem schreiben. Studien zur deutschsprachigen Literatur der Moderne“ veröffentlicht er im Jahr 2010 schließlich einen Band „Gesammelter Schriften“, der, ausgehend von diesen beiden Forschungsschwerpunkten, sein Lebensthema umreißt: Warum greifen Schriftsteller trotz schwierigster äußerer Bedingungen immer wieder zur Feder? Was motiviert den Künstler, selbst unter persönlicher Bedrohung und mit geringer Aussicht auf Veröffentlichung, trotzdem zu schreiben? Sind es gerade jene prekären und zuweilen lebensbedrohlichen Umstände, die den schöpferischen Menschen zur künstlerischen Arbeit zwingen, um das, was ihn innerlich bedrängt, in Form zu fassen? Es sind dies Fragen, die das gemeinsame Erkenntnisinteresse von Literatur- und Sprachwissenschaft deutlich zum Ausdruck bringen.

Beim Rückblick auf sein Leben stellt Dieter Sevin allerdings fest, dass die wissenschaftliche Forschung vielleicht gar nicht unbedingt zu den wichtigsten Dingen in seinem Leben gehört hat. Er schreibt seine Lebenserinnerungen nämlich – und das macht das Buch zu einer besonderen, einer ungewöhnlichen Veröffentlichung – als Reaktion auf die „Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs“ und so lautet auch die Überschrift des ersten Kapitels. Nachdem die Leser auf diese Weise über Dieter Sevins Schreibsituation aufgeklärt sind, folgt die Aufzeichnung seines Lebenswegs, in chronologischer Form, oft durch Vor- und Rückblenden aufgebrochen. An den Kapitelenden werden aber immer wieder auch Einschübe in Kursivschrift eingeflochten, in denen Dieter Sevin den Fortschritt der Krankheit und seine davon abhängige Gefühlslage beschreibt. Dieser Wechsel von Erinnerungen, die manche Einblicke in das Nachkriegsdeutschland und vor allem die 60er Jahre in den USA und ihre Universitätslandschaft erlauben, und kurzen Berichten über den Krankheitsverlauf enthält bewegende Momente, die auch selbst für den Sinn und Wert des „Trotzdem schreiben“ sprechen. Am Lebensende zählen Freundschaften und die Familie, Vieles, was im Alltag wichtig war, verblasst viel schneller als erwartet. Das Vorwort zu seinen Lebenserinnerungen schrieb Dieter Sevin am 1. Mai 2012, im Juli 2012 ist er seiner Krankheit erlegen. 

Zurück