Titel
Von Lier nach Brüssel: Schlüsseljahre österreichischer Geschichte (1496-1995)
Rezension

Ein Beispiel, gerade nicht der Magie von Jahreszahlen zu unterliegen, bietet diese Sammlung von Beiträgen, die eine Darstellung von rund 500 Jahren österreichischer Geschichte justament anhand von Schlüsseldaten unternimmt. Dezidiert als 'Basiswissen für Studierende, Lehrende und die historisch interessierte Öffentlichkeit' (S. 7) gedacht, weiß sie den Beweis des eminenten Nutzens von Jahresmarken als Kristallisationspunkte jenseits ihrer Verwertbarkeit von Quizsendungen instruktiv zu führen.

Absichtsvoll, zumal notgedrungen, möchte der Band seinem Thema durch die Berücksichtigung mehrerer Räume, mit ihrer je 'eigenen Entwicklungslogik' beikommen ' 'multiperspektivisch' also ' und so auch 'mehrere österreichische Geschichten' bieten. '[S]elbstverständlich', heißt es da, 'berücksichtigt' die Befassung mit diesen Räumen auch 'die Genese der österreichischen Nation' (S. 21).

Die 'einprägsame und strukturierte Vermittlung' (S. 25) eines halben Jahrtausends scheint gelungen. Zunächst durch das Strukturprinzip, die zum jeweiligen Schlüsseljahr hin- sowie wieder wegführenden Entwicklungsstränge genauso darzulegen, wie die Triftigkeit der Rolle dieses Jahres zu erklären. Dem Charakter von Zwangsläufigkeit, einer inhärenten Schwäche jeder Fixierung auf Jahreszahlen, wird gleichsam mithilfe eines beinahe stillen Erzählers begegnet, indem darauf verwiesen wird, 'welche Entwicklungspfade zwar vorhanden [sind], aber nicht beschritten wurden' (S. 25). Umso mehr können sie als kontrafaktische, alternative Geschichte imaginiert werden.
Das Zeug zu Wendemarken geschichtlicher Verläufe leuchtet ein, wenn privateste Wechselfälle (Geburten, Tod, Krankheiten, Unfruchtbarkeit) in Dynastien ihr Potenzial für (Herrschafts-)Politik entfalten (A. Strohmeyer). Empfohlen wird jedoch auch, sich in dem entsprechenden Konflikt 'eine ständische Staatsbildung' nicht verlustreich, vielmehr als triumphierend, als 'eine Alternative zum fürstlichen Absolutismus' (J. Bahlcke, S. 83) zu denken; die Entwicklung einer schon im 16. Jahrhundert anhebenden mehr regionalen Verfasstheit auch jenes Österreichs in den heutigen Grenzen. So ruht denn der Sieg der Zentralgewalt der Habsburger auch mehr und mehr auf dem von anderen politischen Formationen in Europa, deren 'internationalen' Anerkennung, so wie sich diese etappenweise 1648 und 1713 festigte (G. Haug-Moritz, M. Scheutz, K. Vocelka). Dies relativ konzise und trotzdem nicht zwingend darzustellen, ist Thema jener Beiträge, die sich mit der kumulativen Machtentfaltung der Habsburger, über auch Reformen auslösende Risiken eben dieser Suprematie hinweg, befassen (H. Reinalter, R.S Tauber, H.P. Hye). Alle hier auch aufgelisteten zeitweise (teil-)erfolgreichen Maßnahmen unter Franz Joseph I., 'die Attraktivität der Habsburgermonarchie' für ihre zahlreiche Bewohnerschaft 'zu erhöhen' (S. 219), änderten nichts daran, ein 'alternatives Modell', 'beispielsweise ein gewähltes Abgeordnetenhaus mit einer gleichfalls gewählten Landeskammer kombiniert' (S. 225), politisch völlig außer Acht gelassen zu haben (H. Haas).

Zum März 1938 werden die Ereignisse auch so präsentiert (I. Bandhauer-Schöffmann), unter anderen Umständen 'die Volksbefragung für die Eigenstaatlichkeit' (S. 275) ausgehen zu lassen, dann jedoch etwa zu konstatieren, dass zur Verfolgung von Zigeunern und Juden 'entscheidende Impulse zu einer Radikalisierung der Politik im Gesamtreich von Österreich aus[gegangen]' (S. 284) seien.

Die das Österreich nach 1945/55 betreffenden Beiträge (W. Mueller, M. Gehler) zeigen das Land schon unter sehr eingeschränkt mit gestaltbaren Rahmenbedingungen, geprägt durch einen Schwebezustand; sei es die 'schleichende Wandlung der bewaffneten Neutralität in eine de facto unbewaffnete' (S. 317), sei es die Haltung zur europäischen 'Politikintegration', die 'zwar grundsätzlich gutgeheißen, selbst aber gemieden' (S. 337) wird, im Gegensatz zur 'Wirtschaftskooperation' und 'Marktintegration'.

Dass alternative Sichten in diesem Band teilhaben, ist lediglich eine seiner speziellen Offerten. Ungewöhnlich sind auch die historisierenden Konzessionen zur anheimgestellten Bewertung: 'Die Habsburgermonarchie wagte das Experiment Demokratie unter immens schwierigen Bedingungen zunehmender Basisbedingungen.' (H. Haas, S. 229)
Im Ergebnis jedenfalls zeigt der Band die 'spezifische' Schnittmengenhaftigkeit der österreichischen Geschichte mit jener anderer sozialer, nationaler und politischer Formationen, und zwar so, dass die österreichische Geschichte einer anderen nicht mehr (so leicht) zum Verwechseln ähnlich sieht. ' Als 'österreichische' Geschichte, und dies als Gewinn der vorliegenden Darstellung, steht sie (ihr) gut zu ihren 'Gesichtern'.

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