Titel
Begegnungen, Vertreibungen, Kriege
Untertitel
Gedenkbuch zur Geschichte der Universität Heidelberg
Rezension

Die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg blickt als zweitälteste Universität im deutschen Sprachraum auf eine 625-jährige Geschichte zurück. Das Jubiläumsjahr 2011 gab den Rahmen für zahlreiche Festveranstaltungen und Veröffentlichungen, darunter auch das Gedenkbuch der evangelischen Universitätsgemeinde Heidelberg, mit dem an Namen und Lebensschicksale von Menschen erinnert werden soll, die mit der Universitätsgeschichte eng verbunden sind. In einer kurzen Einleitung zur 'Geschichte der Universität' von 1386 bis zur Gegenwart werden die verschiedenen Facetten des Heidelberger universitären Lebens mit ihren Höhen und Tiefen skizziert. Hier findet man Hinweise etwa auf Katharina Windscheid, die im Jahre 1895 in Heidelberg als erste Frau zum Dr. phil. mit einer Arbeit zur Geschichte der englischen Hirtendichtung von 1579-1625 promoviert wurde und damit zu den ersten Frauen zählt, die im Deutschen Reich den Doktortitel erwerben konnten. Auch Agathe Lasch, seit 1923 in Hamburg die erste Germanistikprofessorin Deutschlands, deren Lebensweg später im Getto Riga enden sollte, wurde 1909 in Heidelberg promoviert.

Unter den Stichwörtern 'Begegnungen', 'Vertreibungen' und 'Kriege' werden dann einzelne Phasen einer besonderen Verdichtung positiver wie negativer Energien veranschaulicht. 'Begegnungen' stehen hier für die Höhepunkte der Universitätsgeschichte, es spannt sich ein weiter Bogen von den 'Ockhamisten der Gründerzeit', den 'frühen Humanisten' und 'Reformatoren' über die 'Romantiker und ihre Gegner' bis hin zu den einflussreichen akademischen und gesellschaftlichen Zirkeln zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dem religionsgeschichtlich grundierten 'Eranos-Kreis' und dem Kreis um Max Weber. Man nimmt heute an, dass der 'Eranos-Kreis' ein Vorläufer der 1909 gegründeten Heidelberger Akademie der Wissenschaften war, denn die meisten Mitglieder des Kreises trafen sich dort wieder; der Kreis selbst blieb aber noch einige Jahre bestehen und hat wohl zumindest mittelbar auch Pate gestanden für die 'Eranos Tagungen' auf dem Monte Verità über Ascona und ihre berühmten Jahrbücher.

Demgegenüber waren 'Vertreibungen' Tiefpunkte der Universitätsgeschichte. Ein Bogen spannt sich von den Verdrängungen im konfessionellen Zeitalter über Entlassungen im 19. Jahrhundert bis zur Verfolgung und Vertreibung im Nationalsozialismus. Auf einer im Band abgebildeten Gedenktafel im Foyer der Heidelberger Alten Universität werden die Namen der 59 vertriebenen Professoren aufgelistet. Das Gedenkbuch liefert hierzu nun auch kurze biografische Skizzen und ' in Auswahl ' ein Porträt. Welche Auswirkungen Krisen und Kriege auf das gesamte universitäre Leben hatten, veranschaulicht das abschließende Kapitel.

Fast die Hälfte des Gedenkbuchs nimmt sehr zu Recht das Kapitel über die im Nationalsozialismus vertriebenen Professoren ein. Die 66 Kurzbiografien sind eine willkommene Ergänzung zum großen, von W. U. Eckart, V. Sellin und E. Wolgast 2006 herausgegebenen Sammelwerk 'Die Universität Heidelberg im Nationalsozialismus' und ergänzen die Heidelberger Gedenktafel um sieben Namen von aus den Fakultäten ausgeschlossenen Lehrkräften, die sich als Professoren entweder bereits im Ruhestand befanden (Salomon Altmann, Nationalökonomie; Carl Neumann, Kunstgeschichte), selbst aus gesundheitlichen Gründen um die Entlassung gebeten haben, um Schlimmerem zuvorzukommen (Ernst Moro, Medizin), als Lehrbeauftragte tätig waren (Marie Braun, Soziologie; Eberhard Freiherr von Künßberg, Deutsches Rechtswörterbuch, Heidelberger Akademie der Wissenschaften), als Assistenzarzt tätig waren (Hermann Quincke, Medizin) oder kurz vor der Probevorlesung fliehen mussten (Otto Pächt, Kunstgeschichte). Die porträtierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stehen so stellvertretend für die Angehörigen aller Dozentengruppen der Universität. Auch wenn die Kurzbiografien oft nur eine halbe Seite umfassen, so geben sie doch einen Einblick in die vom Nationalsozialismus beschädigten, nicht selten auch zerstörten Lebenswege. Gerade an dieser Stelle hätte man sich daher auch weiterführende Literaturangaben gewünscht. Sie würden nicht zuletzt belegen, wie unterschiedlich die Erinnerung und das Gedenken an diese Personengruppe bisher verlaufen ist. Aus dem Kreis der Sprach- und Literaturwissenschaften wären zu nennen: Die Germanisten Richard Alewyn (entlassen 1933) und Max Freiherr von Waldberg ('Verzicht auf die Professur' 1933, offiziell entlassen 1935), die Romanisten Helmut Anton Hatzfeld (entlassen 1935) und Leonardo Olschky (entlassen 1933), der Altphilologe Samuel Brandt (1935 Entzug der Lehrbefugnis), der Ägyptologe Heinrich Johannes Hermann Ranke (1937 Entzug der Lehrbefugnis) und der Indologe Heinrich Robert Zimmer (1938 Entzug der Lehrbefugnis). Dazu kommen für das Deutsche Rechtswörterbuch an der Akademie der Wissenschaften Eberhard Freiherr von Künßberg und Leopold Emil Erwin Perels.

Der ebenfalls 1933 entlassene Dresdener Romanist Victor Klemperer schreibt in seinen Untersuchungen zum Sprachgebrauch im Nationalsozialismus unter dem Stichwort '10. Oktober' [1933]: '' Tyrannei und Unsicherheit wachsen mit jedem Tag. Entlassungen im verjudeten Kreis der Fachkollegen. Olschki in Heidelberg, Friedmann in Leipzig, Spitzer in Marburg, Lerch, der ganz arische Lerch, in Münster, weil er 'mit einer Jüdin im Konkubinat' lebe. Der blonde und blauäugige Hatzfeld, der fromme Katholik, fragte mich ängstlich an, ob ich noch im Amt sei. In meiner Antwort wollte ich wissen, wieso er für seine, doch gänzlich unsemitische Person Befürchtungen hege. Er schickte mir den Sonderdruck einer Studie; unter seinem Namen stand mit Tinte: 'Herzliche Grüße ' 25 %'' (Victor Klemperer, LTI. Die unbewältigte Sprache, München 1969, S. 40).

Weiterführende Angaben zu den sprachwissenschaftlich tätigen Helmut Anton Hatzfeld (S. 284-289), Leonardo Olschki (S. 555-558), Samuel Brandt (S. 121), Eberhard Freiherr von Künßberg (S. 416f.), Heinrich Johannes Hermann Ranke (S. 612f.) und Heinrich Robert Zimmer (S. 886ff.) finden sich bei Utz Maas, Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher 1933-1945, Bd. 1: Dokumentation, Tübingen 2010. Über die germanistischen Literaturwissenschaftler Richard Alewyn (S. 18-21) und Max Freiherr von Waldberg (S. 1977f.) informiert das Internationale Germanistenlexikon, hg. u. eingeleitet von Christoph König, 3 Bde., Berlin/New York 2003. Hier finden sich auch kurze Hinweise zu Rudolf Fahrner (S. 466f.), der als Nachfolger auf der Professur von Friedrich Gundolf und Richard Alewyn schon 1936 auf eigenen Wunsch beurlaubt wurde. Fahrner, der aus dem George-Kreis stammt und vielleicht in jüngeren Jahren mit dem Nationalsozialismus sympathisiert hatte, gehört durch seinen Verzicht auf die Heidelberger Professur jedoch ebenfalls zum Umkreis der durch das Gedenkbuch erinnerten Personen. Auch durch seine Freundschaft mit den Brüdern von Stauffenberg stand er dem Nationalsozialismus später fern. In seiner Personalakte im Heidelberger Universitätsarchiv findet sich ' ohne weiteren Kontext ' ein lakonisches Schreiben an den Rektor der Universität: 'An den Rektor der Universität Heidelberg. Auf die Anfrage vom 16. Sept. 35 erkläre ich, dass ich nicht Mitglied der NSDAP bin. Fahrner. Heidelberg, d. 20. Sept. 35.' Zu Fahrner siehe auch Maas, S. 184ff. sowie Wilhelm Kühlmann, Germanistik und Deutsche Volkskunde, in: W. U. Eckart, V. Sellin und E. Wolgast (Hg.), Die Universität Heidelberg im Nationalsozialismus, Heidelberg 2006, S. 362ff.

Eine Würdigung des Honorarprofessors und Mitarbeiters am Deutschen Rechtswörterbuch, Leopold Emil Erwin Perels, steht, soweit ich sehe, noch aus. Für diese und viele weitere Anregungen ist man dem 'Gedenkbuch' dankbar. Es findet eine würdige Form, auch in Zeiten der Freude über ein beeindruckendes Jubiläum auch an die dunklen Seiten der Universitätsgeschichte zu erinnern.

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