Titel
Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte
Untertitel
Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker
Rezension

Als ein immerhin zur Repräsentanz Österreichs zur Wahl anstehender Kandidat, Kurt Waldheim, sich für zu viele als nicht repräsentativ genug zeigte, weil eben zu unbedarft, verschwiegen, ausflüchtig in Bezug auf das eigene Wirken im 'Dritten Reich', war dies in der Folge Anlass genug, dass das Fach Zeitgeschichte, wie die Politik überhaupt, den dringlichen Bedarf konkreter Handlungen erkannte, umsetzte und in bislang ungeübter Beredtheit die Rolle Österreichs in nationalsozialistischer Zeit und das damit verbundene Bild zurechtrückte, darin zuweilen sogar die Flucht nach vorne antrat. Diesen Prozess der 'Umpflügung' dokumentiert der vorliegende Sammelband, insbesondere mit seinem Nachwort.

Die, wenn man so will auch ethische, Stärkung mithilfe dieser nachgezeichneten Skizze besteht darin, im bewussten Aufholprozess bewusster österreichischer Verantwortlichkeit letztlich 'beträchtliche Veränderungen' positiv bilanzieren zu können. Angenehm ernüchternd ist dabei von einer ' noch vor dem Kollaps der Sowjetunion ' internationalen Trendwende die Rede, in der sich, allerdings nicht ohne finanziellen, politischen, moralischen Druck, die Einsichtigkeit in Österreich (selbst bei der parteipolitischen Rechten) in staatlichen Maßnahmen wie jene der Entschädigungsfonds zu Buche schlug. Interessant genug, wird doch in der Darstellung des gerecht Werdens ihrer diese selbst legitimierende 'Zeitgeschichte', die Funktion: nämlich auch unmittelbar konsequenzhafte 'Einsichten' zu befördern, deren eigene bedrohlich schwindende Existenzbasis, plausibel; so haben beispielsweise die eingesetzten Historikerkommissionen, dem 'budget- und personalmäßig größten historischen Forschungsunternehmen Österreichs' (S. 610), in denen viele andere Nachbardisziplinen zum Zug kamen, die 'Zeitgeschichte' in den Hintergrund gedrängt. Prophetisch ist also die Aussage des Lehrstuhlinhabers Botz aus dem Jahr 1986, die Krise der Zeitgeschichte stünde vielleicht erst an ihrem Anfang (S. 66).
Mögen jene 'mit dem Nationalsozialismus verknüpften geschichtspolitischen Konflikte' zwar 'abgeflaut' (S. 632) sein, was gar die Forschungsschwerpunkte gegenüber anderen die Proportionen zu verschieben verstand, sind die dabei gewonnenen Profile zu spezifischen Merkmalen sowie einer eigens österreichischen Perspektivierung seiner Geschichte heute grundlegend. Diese Profile mit ihrer mitunter sehr divergierenden Logik der Argumentation in diesem Band zu präsentieren, ist der womöglich größte daraus zu ziehende Gewinn. Letzteres ungeachtet der jeweiligen Position, die die Beiträge zur Verhandlung über die 'Selbständigkeit Österreichs' als ein 'Element der deutschen Frage' (Fellner, S. 217) im 20. Jahrhundert einnehmen. Selbst Grete Klingenstein spricht in ihrer Zurückweisung der gängigen Fügung: 'unbewältigte Vergangenheit' als einem 'zeitgeschichtlichen Begriffsklumpen' (S. 419) ex negativo die Drangsal nach heilsamer Klärung in dieser von Österreich trennscharf zu konturierenden 'deutschen Frage'; man könnte sich an Handkes 'Das Fette, an dem ich würge ' Österreich' erinnern.
Benannt werden hier im Rahmen einer Österreich gemäß(er)en Form seiner historischen Betrachtung jene Leitlinien, wie sie für eine mittlerweile allgemein zur 'Kulturwissenschaft' ausgeweiteten Perspektivierung richtungsweisend sind. So etwa Haas: 'Das österreichische Deutschtum lebte vom Gegensatz zu den heimischen Slawen und nicht aus einer dichten Kommunikation und intensiven sozialen Interaktion mit Deutschland' (S. 203); es biete das Beispiel einer 'verspäteten Nation' (S. 206), ein Österreich, das in 'dieser Hinsicht Ostmitteleuropa möglicherweise näher steht als Westeuropa' (so Botz). Stourzh führt in diesem Zusammenhang ins Treffen, dass es 'eben auch andere, mit der Sprachkultur räumlich keineswegs übereinstimmende Kulturbereiche' (S. 314) gebe. Ardelt spricht die willensgeleitete soziale Konstrukthaftigkeit bei der Nationsbildung an, wenn er für die jüngeren Generationen die 'deutsche Geschichte' als ein 'subjektiv relevantes Bezugsobjekt'(S. 272) als überhaupt nicht zwingend hervorhebt.

Die Beiträge in Summe: Aus einem wahrhaft akuten, staatskrisenhaften Anlassfall heraus entstanden, sind sie heute tatsächlich ein 'Klassiker' (S. 10), lichten sie doch ' unter der Hand ' eigentlich Kontroversen um eine zeitgemäße Geschichte Österreichs ab.

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