Titel
Spurensuche in der Vergangenheit
Untertitel
Eine Geschichte der frühen Archäologie
Rezension

Die Autorin legt mit diesem Werk eine Art Forschungsgeschichte der deutschen Archäologie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vor, dem Beginn der ersten wissenschaftlichen archäologischen Bodenuntersuchungen, wobei es ihr vor allem darauf ankommt, die Entwicklung und Anwendung von Methoden als Hilfsmittel der archäologischen Forschung zu skizzieren. Methoden deshalb, weil diese für den Erkenntnisgewinn der Archäologie, die zwar als historische Wissenschaft gilt, aber auf der Basis von Daten arbeitet, die durch materielle Verfahren gewonnen wurden, von fundamentaler Bedeutung sind. Dabei hält sich die Verfasserin nicht an die Grenzen der einzelnen archäologischen Disziplinen und geht auch nicht chronologisch vor, sondern orientiert sich an verschiedenen Fundplatztypen, wie Orten mit einer spezifischen Bodenbeschaffenheit oder architektonischen Besonderheiten. So werden ganz unterschiedliche Fundorte zusammengefasst, ob in Deutschland oder im Mittelmeerraum bis in den Nahen Osten, denen gemein ist, dass sie von deutschen Archäologen erforscht wurden. Eberhardt skizziert den Weg der Archäologie über wenig kontrolliertes Sammeln von Gegenständen ' vornehmlich nach deren angenommenem Wert oder ästhetischen Gesichtspunkten ohne Berücksichtigung der Fundumstände ' zu einer ausgearbeiteten Grabungstechnik und Auswertung anhand von immer weiter verfeinerten und adaptierten Methoden.
Das Buch gliedert sich in vier große Kapitel, die vier unterschiedliche Typen von Ausgrabungen mit spezifischen Erfordernissen vorstellen ' Grabungsuntersuchungen an Hügelgräbern und drei verschiedene Arten von Siedlungsgrabungen mit jeweils unterschiedlicher Zeitstellung. Eingerahmt werden die Großkapitel durch eine Einleitung mit dem Titel 'Wege des Wissens. Der Boden als Informationsquelle' und der Zusammenfassung 'Über Gräber und Gelehrte: Epilog'.

Gisela Eberhardt beginnt mit der Schilderung der Entwicklung der Grabhügelforschung in Deutschland, die im 19. Jahrhundert einsetzte, als man sich zunächst für die augenfälligsten und daher am leichtesten zu erforschenden Hinterlassenschaften der Vorzeit interessierte. Indem man anstrebte, die Grabungstechniken immer weiter zu standardisieren und so viele Daten wie möglich zu dokumentieren, erhoffte man sich Erkenntnisse zu Aufbau und Chronologie dieses Gräbertyps.

Im nächsten Kapitel dreht sich alles um die Erforschung prähistorischer Siedlungen, deren Spuren nur aus Bodenverfärbungen, Abfällen im weitesten Sinne und einzelnen Fundgegenständen bestehen, wie das Phänomen der steinzeitlichen Kjökkenmöddinger in Skandinavien (Muschelhaufen als Indikatoren von Siedlungsplätzen), Pfahlbausiedlungen in der Schweiz und am Bodensee und die Limesforschung. Hier ist besonders erwähnenswert, dass am Ende des 19. Jahrhunderts eine an sich banale Entdeckung die Archäologie Mitteleuropas revolutionierte: die so genannte 'Entdeckung des Pfostenlochs' im Rahmen von Ausgrabungen an hölzernen Wachtürmen des obergermanisch-raetischen Limes, zuerst erwähnt in einer Publikation von Karl Schumacher 1896. Nun war es endlich möglich, Hausgrundrisse von ansonsten völlig vergangenen Gebäuden zu rekonstruieren.

Das folgende Kapitel schlägt den Bogen zum Mittelmeerraum und somit zur klassischen Archäologie und befasst sich schwerpunktmäßig mit dem, wonach man im nördlichen Mitteleuropa zur gleichen Zeit meist vergeblich sucht: mit der Steinarchitektur, vor allem von Tempeln. Hier wurde ein ähnlicher Weg wie in der mitteleuropäischen Vorgeschichtsforschung beschritten: vom Ausgraben vermeintlicher Schätze zu weitergehenden Untersuchungen der Fundumstände durch Freilegen größerer Flächen und Einbeziehen der Nachbarwissenschaften wie z.B. der Geografie.

Abschließend widmet sich ein Kapitel der Forschungsgeschichte von Tellsiedlungen mit dem Schwerpunkt Troia, aber auch Babylon und Assur werden behandelt. Vor allem die Bedeutung des Wissens um die Stratigrafie, die ja bei Tellsiedlungen besonders augenfällig ist, für die Entwicklung einer Chronologie wird hier zu Recht betont. Aber es fällt z.B. auch auf, dass die Verfasserin trotz bekannter Kontroversen in neuerer Zeit die Identifikation des Hügels Hissarlik in der Westtürkei als das antike Troia durch Heinrich Schliemann nicht in Frage stellt.

Nach der Fülle der Informationen verwundert das relativ kurze Literaturverzeichnis, das fast nur deutschsprachige Titel enthält und außerdem leider nicht nach den einzelnen Kapiteln gegliedert ist bzw. es wird nicht klar, nach welchen Kriterien die Titel ausgewählt wurden. Was aber noch mehr ins Gewicht fällt, ist das gänzliche Fehlen von Anmerkungen und Registern. Es ist zu vermuten, dass diese in der erwarteten Publikation der Dissertation der Autorin mit dem Titel 'Wissenschaftsgeschichte des archäologischen Ausgrabens ('Grabungsarchäologie') zwischen der Mitte des 19. und dem späten 20. Jahrhundert' zu finden sein werden und hier aus Gründen der besseren Lesbarkeit oder aus Platzmangel darauf verzichtet wurde, trotzdem wären Anmerkungen bei den z.T. recht komplizierten und ausführlich behandelten Themen hilfreich gewesen, zumal die Zielgruppe des Buches wohl kaum in sich schnell und knapp informieren wollenden Laien zu suchen ist. Ein weiterer negativer Aspekt ist das generelle Layout und die Qualität der Abbildungen, vor allem der Fotos. Text und Abbildungen wirken fast wie eine Fotokopie und nicht wie ein gedrucktes Buch, und die Gestaltung der Seiten in verschiedenen Grautönen erscheint optisch wenig ansprechend, zumal das farbige Cover, das ein Flugblatt mit kolorierten Funden aus Schweizer Seeufersiedlungen des Archäologen Ferdinand Keller zeigt, dazu in deutlichem Gegensatz steht und andere Erwartungen weckt.

Insgesamt handelt es sich um ein lesenswertes Buch, dessen umfangreiche Informationen es verdient hätten, etwas gestraffter und strukturierter und in einem ansprechenderen Layout präsentiert zu werden. Aber vielleicht ist gerade das Strukturieren und Systematisieren die große Schwierigkeit in der Archäologie, wie Eberhardt in Ihrem Fazit auch feststellt: 'Doch sind Versuche wie jene der Hügelausgräber des 19. Jahrhunderts, nach naturwissenschaftlichem Vorbild Vorgehensweisen zu standardisieren, heute weitgehend aufgegeben worden, um die Individualität einzelner Fundplätze besser berücksichtigen zu können. Wie viel Festschreibung die Archäologie für ihre Feldforschung braucht, darüber herrscht allerdings auch heute keine Einigung.' (S. 166) Menschliches Leben in seiner Vielfalt ließ und lässt sich eben nicht in Schablonen und Muster pressen, und es ist schwierig, idealisierte Vorstellungen der Gegenwart auf die Vergangenheit zu übertragen. Jeder Fundort muss für sich gesehen und ausgewertet werden.

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