Titel
Etymologisches Wörterbuch des deutschen Grundwortschatzes
Rezension

'Sprache ist wie ein Fluß. Man hat nie dasselbe Wasser vor sich, aber immer denselben Fluß. Ein etymologisches Wörterbuch vereinigt beide Aspekte. Es zeigt die Wörter der Gegenwart und wie sie sich entwickelt haben, wie ihr Lautstand sich über die Jahrhunderte ändert und wie aus einer alten Bedeutung eine neue entsteht. Es löst den Widerspruch zwischen dem Wandel des Wortkörpers und der Konstante der Verständigung'. Die auf dem hinteren Einband des 'Etymologisches Wörterbuch des deutschen Grundwortschatzes' gesetzten Worte geben eine treffende Begründung für das Interesse an Sprachgeschichte, Etymologie und Wortgeschichte, das weit über den engeren der Sprachwissenschaft hinausreicht. Von diesem Interesse zeugt nicht zuletzt auch der DUDEN-Band 'Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache', der als einziger der 12-bändigen Dudenreihe ein sprachhistorisches Thema zum Gegenstand hat. Ein großes mehrbändiges etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, das sich an Spezialisten wendet und allen wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, gibt es bis heute allerdings nicht. Ein solches Wörterbuch wäre allerdings die notwendige Grundlage zur Herstellung einbändiger allgemeinverständlicher etymologischer Wörterbücher und wird daher schmerzlich vermisst. Maßgeblich unter den Einbändern sind Elmar Seebolds Bearbeitung von Friedrich Kluges zuerst 1883 vorgelegtem 'Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache' (24. Auflage 2002, die 25. Aufl. ist für September 2011 angekündigt) sowie das schon genannte DUDEN-Herkunftswörterbuch, das seinen Schwerpunkt auf die neuere Wortgeschichte legt. Dazu kommt Wolfgang Pfeifers noch zu DDR-Zeiten entstandenen 'Etymologisches Wörterbuch des Deutschen' von 1989 (als Taschenbuch, 8. Aufl., München 2006). Der Anlauf zu einem groß angelegten mehrbändigen etymologischen Wörterbuch des Deutschen ist nach dem Tod des Bearbeiters Rolf Hiersche mit den Buchstaben A und D 1990 zum Stillstand gekommen. Nur für das Althochdeutsche erscheint unter der Leitung von Rosemarie Lühr, begonnen in den USA 1988ff. von Albert Lloyd und Otto Springer, ein allen Ansprüchen genügendes etymologisches Großwörterbuch zumindest eines historischen Sprachstadiums.

Auf der ' noch nicht vorhandenen ' Grundlage eines etymologischen Großwörterbuchs der deutschen Gegenwartssprache könnten dann in einem zweiten Schritt etymologische Wörterbücher entstehen, die nicht nur nach herkömmlicher Art Erläuterungen zu Einzelwörtern in alphabetischer Abfolge präsentieren, sondern nach Sachgruppen geordnete Bereiche des Wortschatzes einer vergleichenden Beschreibung unterziehen. Zumindest in Ansätzen hat dies der Indogermanist Hermann Hirt in seiner 'Etymologie der neuhochdeutschen Sprache' von 1909 versucht, in zweiter erweiterter Auflage München 1921. Dieser Ansatz wurde jedoch bisher nicht weiter verfolgt.
Eine Ergänzung der Wörterbuchlandschaft auf diesem Felde ist also grundsätzlich zu begrüßen; vor allem dann, wenn solche nicht alphabetischen gliedernden Organisationsprinzipien in den Vordergrund gestellt werden. Bei Hermann Bluhmes Wörterbuch ist dies auf der ersten Ebene das Stichwort 'Grundwortschatz', auf einer tieferen Ebene erfolgen Gliederungen unter anderem nach den Kriterien 'Lehnwörter', 'lautmalende Wörter', 'Palindrome', 'Wanderwörter' und 'Bedeutungsfelder'. Damit könnten die etymologischen Interessen auch eines breiteren Publikums durchaus befriedigt werden. Man hat allerdings insgesamt den Eindruck, dass hier eine mit den Angaben der bisher vorliegenden Wörterbücher ' jedoch nicht Pfeifers ' gefüllte Datenbank zum Abdruck freigegeben wurde, ohne dass eine Erschließung der Daten ' über erste Ansätze hinaus ' geleistet wird. Zwar ist dem Verfasser zuzustimmen, wenn er schreibt: 'Die Teilung einer Datenbank erleichtert es, Zusammenhänge zu erkennen und vergleichbare Daten heranzuziehen' (S. 9). Die zu Grunde liegenden Kriterien, schon für die Ermittlung der eher intuitiv erfassten Größe 'Grundwortschatz' mit 3.800 Lexemen, bleiben aber oft undurchsichtig. Nützlich sind etwa die Angaben zum Jiddischen, aber schon der Umgang mit sog. innerdeutschen Entlehnungen, also 'Entlehnungen' aus deutschen Dialekten, bedürfte einer viel genaueren Erläuterung. Wenn sich die Angaben der herangezogenen Wörterbücher widersprechen, etwa beim Zusammenhang von Buche und Buch, entstehen Probleme der Einordnung, so etwa unter Buch: 'Nhd. nicht unbedingt zu nhd. Buche' (S. 178). Damit ist dem Leser aber nicht unbedingt geholfen, der Band ist daher trotz einiger Anregungen letztlich doch nur für Spezialisten brauchbar, die seine Vor- und Nachteile einschätzen können.

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