Titel
Lexikon Literaturwissenschaft
Untertitel
Hundert Grundbegriffe
Rezension

Man denkt, es gibt genug Lexika literaturwissenschaftlicher Begriffe. Das stimmt, es gibt viel und neue müssen ihren Akkreditierungsanspruch belegen. Besonders auch, wenn ganz alte und ganz wichtige nicht greifbar sind. Die Legitimation dieses Bandes besteht darin, dass z.T. junge (jüngere) Wissenschaftler neue Begriffe behandeln und alte Begriffe neu.

Ein Problem ist bei Lexika und Nachschlagewerken nicht so sehr das Standardproblem: dass die Auswahl der Lemmata immer Lücken aufweist und Wünsche unerfüllt lässt (hier etwa: postcolonial studies).

Das Problem ist, dass die Artikel kurz und knapp und so abstrakt, beispiel- und anschauungsfrei sind, dass der ratsuchende Leser, der ja z.T. aufgrund unserer Bildungslandschaft sehr schlicht an die Themata herangeht, oft hilflos resigniert. Ein konkreter Gewinn bleibt so aus. Das könnte bei den Art. 'Erzählen', 'Erzähltheorie' der Fall sein. Eine wirkliche Verständlichkeit wird behindert oder verhindert, eine konkrete Anwendbarkeit so vermieden, also besser: nicht ermöglicht.

Gern gesehen hätte man, jedenfalls da, wo es wichtig ist, eine kritische Einschätzung oft modernistischer Positionen, deren Halbwertszeit geringer sein dürfte, als mancher ihrer Jünger heute noch meint. Das fällt bei dem sonst hervorragenden Artikel 'Gender' auf. Diese uns zugewehte Tendenz der Forschung kennt weder die Evolution, die zu massiven Mann-Frau-Differenzen führte, die zwischenzeitlich stabil sind, wohl genetisch formiert und nicht allein performativ verhandelbar; noch kennt sie die Gaußsche Normalverteilung. Sie schiebt marginale Phänomene ('nicht-heterosexuelle Symbolisierungspraktiken') ins Zentrum. So verschiebt sie jede vernünftige Sortierung ins Reich einer, teils gefährlichen, Beliebigkeit. Besonders unangenehm und kopfwehbereitend ist die aggressive und obsessive Manie gegen den sog. Essentialismus. Sie lässt völlig beiseit, ohne durch diese Missachtung die berechtigte Achtung der Substanz tangieren zu können, dass da etwas sein muss, was in einem performativen Akt maskiert wird. Einfach sehen lässt sich dieser Widerspruch in dem Art. 'Dramentheorie'. Hier heißt es: 'Gegen Ende des 20. Jh. wird so eine verstärkte Hinwendung von der Text- zur Aufführungsanalyse erkennbar.' Das ist es: die Aufführung, gegen die niemand etwas hat, die performance, muss etwas, einen Text, aufführen. Das 'Wesen' (auch von Mann und Frau) kann nicht in performative Akte aufgelöst werden. Das ist eine nette Idee innovationssüchtiger Avantgardisten. Bei Luhmann lässt sich ein vergleichbarer Trick beobachten: nicht mehr die Sache zu akzeptieren, sondern nur noch deren Funktion. In diesen, aber auch anderen Forschungstendenzen ist viel modernistisches Wortgeklingel, das ' und das ist plausibel extrapolierbar ' schnell verklingen wird, noch bevor es überall gehört wurde.

Aber o Freunde nicht (nur) diese Töne: der Band ist hervorragend strukturiert, mit Personen- und Sachregister (in den meisten Schnellschüssen wird das heute gern vergessen), mit weiterführenden Literaturangaben. Der Studierende (oder kann man hier wieder der Student sagen?) kann das auch in Straßenbahn und Zug lesen, wenn er nicht mit dem eigenen Auto zur Uni kommt.

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