Titel
Der Fall Demjanjuk. Der letzte große NS-Prozess.
Untertitel
Das Leben. Der Prozess. Das Urteil
Rezension

Die Zeit der großen und spektakulären Prozesse gegen NS-Täter wähnten die meisten schon lange vergangen. Insofern ist der seit Jahren schon bei jedem Prozess gebräuchliche Topos vom 'letzten großen NS-Pozess' vielleicht zutreffend. Prozesse mit dieser medialen Beachtung, die das Verfahren gegen John Demjanjuk in München erfuhr, sind vielleicht tatsächlich nicht mehr zu erwarten. Dass gerade dieser Prozess derartige Aufmerksamkeit und Aufregung hervorrief, ist nicht weiter verwunderlich, handelt es sich doch um ein in mehrerer Hinsicht besonderes Verfahren mit einer besonders verwickelten Vorgeschichte.

Heinrich Wefing von der Wochenzeitung 'Die Zeit' rollt diesen langen Vorlauf des Münchener Prozesses auf und schildert Demjanjuks Leben, die ersten Vorwürfe gegen ihn in den USA, die Auslieferung an Israel, den dortigen Prozess gegen den vermeintlichen 'Iwan den Schrecklichen' aus dem Vernichtungslager Treblinka, die Widersprüche, die Diskussionen um seine Identität und schließlich die Aufhebung des Urteils und seine Rückkehr in die USA. Wefing gelingt es hier, minutiös die entscheidenden Details, Entscheidungen sowie die juristischen und politischen Fallstricke und Motivationen in einer packenden Erzählung darzustellen und damit eine solide Grundlage für das Verständnis des Prozesses in Deutschland zu erarbeiten. Deutlich arbeitet er die zahlreichen Fehler heraus, die über die Jahre passiert sind und die Verschwörungstheorien Tür und Tor geöffnet haben, aber auch ernsthafte Zweifel am letzten Prozess gegen Demjanjuk zulassen.

Im Mittelpunkt des Buches aber steht das von November 2009 bis Mai 2011 in München geführte Verfahren. Dabei sind es vor allem drei Fragen, die Wefing beschäftigen: Über Demjanjuks Taten ist nichts Genaues bekannt, im Prozess wurde daher mehr mit Wahrscheinlichkeiten als mit (gerichtsfesten) Gewissheiten operiert. Weiter die Frage, ob Ankläger und Richter es sich bei der Schuldfrage nicht zu leicht gemacht haben und die Frage nach der Zwangslage zu rasch beiseitegeschoben haben. Und schließlich die schon im Zusammenhang mit anderen Verfahren der letzten Jahre gestellte Frage, ob solch ein Prozess nicht viel zu spät kommt? Eindeutige Antworten auf diese am Schluss des Buches aufgeworfenen Fragen will und kann Wefing hier nicht geben, vielmehr sind sie Ausdruck eines Unbehagens, die manche Aspekte des Prozesses hervorgerufen haben, und sollen den Leser zum Nachdenken anregen.

Das durchweg gut lesbare, über weite Passagen packende Buch zeichnet sich durch eine leicht verständliche, wohl austarierte, abwägende Argumentation aus, die an vielen Punkten den Leser geeignet ist, ein Überdenken bereits sicher Geglaubten anzustoßen. An manchen Stellen jedoch schlägt Wefing über die Strenge bzw. widerspricht sich: So bezeichnet er Demjanjuks drohende Ausweisung aus den USA Anfang der achtziger Jahre als 'Deportation' (S. 52), eine Wortwahl, die er dem Wahlpflichtverteidiger Demjanjuks in München gleich an zwei Stellen im Buch später vorwirft. An anderer Stelle spricht Wefing im Zusammenhang mit Prozessen in Israel gegen Mitglieder von Judenräten und gegen Kapos völlig undifferenziert und demagogisch von 'Nazi-Schergen' (S. 56). Diese wenigen und wohl auch dem schnellen Erscheinen geschuldeten 'Ausrutscher' schmälern jedoch den Wert des Buches kaum.

Zurück