Titel
Kaiser von Amerika
Untertitel
Die große Flucht aus Galizien
Rezension

Der an klassischen Sozialreportagen geschulte Autor schreibt hier über sogenannte 'Amerikagänger', deren Migration aus abträglichen Verhältnissen (aus dem slowakischen Teil Nordungarns, dem 'altösterreichischen' Galizien und der Bukowina) in verheißungsvoll zuträglichere (in die Industriestädte der USA ländliche Regionen Kanadas, Brasiliens, Argentiniens; selbst in die 'entgegengesetzte Richtung', nach Russland).

Pollack umzirkelt konzise das Spektrum von Effekten dieser Auswanderungsbestrebungen, den gewollten wie ungewollten, den erfüllten so sehr wie den enttäuschten Erwartungen, mitunter zu ihren unmittelbar tödlichen Ausgängen. Historisch korrekt muss, gleichsam als Konstante, dabei von einer Drangsal die Rede sein, die ausgerechnet der Linderung ihrer Existenzbedingungen an sich so Bedürftigen allenthalben begleitet. Dem Gesetz nach als Militärpflichtige oder gar als Deserteure, sind viele von ihnen erpressbar; einzig schon der Umstand, dass 'den Leuten alle geographischen Begriffe (fehlen)' (S. 56), provoziert deren Opferrolle (eine besondere nimmt dabei der Mädchenhandel ein). Mühselig gestalten sich auch die jeweiligen Einpassungen in die neue Umgebungen, als 'bohunks' oder 'hunkies' (Schmähbezeichnungen für Osteuropäer) mit minimalen Rechten und Löhnen in Arbeiterkämpfe verwickelt, erstaunt im Grunde, dass es deren auch 'erfolgreiche Pioniersgeschichte[n]' (S. 201) gibt.
Die Ausweglosigkeit für die Hoffnungsvollen vermag angesichts der Beschreibung Pollacks beklemmen, nach-spürbar berichtet durch die Dichte des 'Netzwerks', der Übermacht ihrer Widersacher; ja förmlich mitgerissen könnte man sich fühlen in dem Sog eines durch die spezifische Art der Darstellung vollziehenden 'regelrechte[n] Auswanderungswahnsinn[s]' (S. 218).

Der Autor bietet auch ein Lehrbeispiel für die ambivalente, auch mediatorische Rolle des Staates, im konkreten Fall Österreich Ungarn, als Regulator wie auch Handlangers eigener sowie Interessen von Geschäftsleuten.
Wessen Aufmerksamkeit durch auffällige Analogien und Parallelen zu aktuellem Migrationsgeschehen zu sehr gebunden wird, bringt sich um den Gewinn, hier Genaueres über Wanderungsbewegungen zu 'erfahren', die spezifisch zu existenzsichernden Wanderungen in die Zeit der Jahrhundertwende bis zum 'Großen Krieg' passen. Dabei ist wegen Pollacks Verfahren die erwähnte Versuchung groß, da die vergangenen wie jene mithilfe von Assoziationen erst herzustellenden gegenwärtigen 'Szenarien' in ihrer verschlungenen Verschränkung dargeboten werden, ganz so, wie das zeitlich Ferngerückte gerne wahrgenommen wird. Die Methode dabei, die beiden Zeitebenen nicht zu vermischen/verwischen, überlässt auch zum Teil der Leserschaft die Sonderung von Vergangenem und Gegenwärtigem, gewinnbringend unterscheiden zu können.

Ausgerechnet Oświęcim, Auschwitz also fungiert bei Pollack als erzählerischer gleichermaßen wie migrantischer und kommerzieller Angelpunkt, eine Drehschreibe, wo die vorgeführten mannigfaltigen Schicksale sich kreuzen. Gerade deshalb, weil der Autor mit diesem galizischen Grenzort zu Preußen dessen eminente Funktion als Rampe für eine Massenbewegung aus diesen so weiten Räumen geschichtlich verbürgt aufweisen kann, gelingt es ihm, die vergleichsweise 'harmlosen' Prozeduren der Menschen innerhalb der Lebensverhältnisse gegenüber den etwas späteren Ereignissen von äußerster Drastik, der 'Auschwitz- Epoche', abstechen zu lassen. Und obwohl die Arten von Pein, die einem in Oświęcim von Geschäftemachern bereitet, von Pollack als nicht genug zugespitzt genug beschrieben werden können, verblasst all dies soziale wie kriminelle Elend gegenüber der, eigentlich gar nicht mehr so lange auf sich warten lassenden, Folgeära. Wenn dann Warnungen, sich in Oświęcim übers Ohr hauen zu lassen (vgl. S.171) völlig naiv, fehl am Platze werden; es nach einer aufgenötigten 'warmen Dusche' kein erleichtertes Aufatmen mehr darüber gibt, doch nicht umgebracht worden zu sein (vgl. S.262); und das Ersticken an 'desinfizierenden Gasen' (S.263) sicher nicht einem Unfall zuzuschreiben sein wird, so schwingen stets die Ereignisse etwa eine Generation später mit.

Martin Pollack ist Träger des 'Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 2011'. ' 'Ein' Grund für die Juryentscheidung ist sicher seine 'spezifische Arbeit an der Vergangenheit', die die Gegenwart, zusammen mit den Leserinnen und Lesern, unangestrengt zu verstehen lehrt.

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