Titel
A Short History of Private Life
Rezension

Bereits mit 'Einer kurzen Geschichte von fast allem' hat Bill Bryson 2003 bewiesen, dass er es beispiellos versteht, Sach- und Wissenschaftsthemen vielfältigster Disziplinen auf unterhaltsame und verständliche Art und Weise zu vermitteln. Das Buch war 2005 in England das meistverkaufte Sachbuch und gelangte auch in Deutschland schnell in die Bestsellerlisten. Mit 'At Home', das bisher nur auf Englisch vorliegt, hat Bryson nun erneut einen geschichtlichen Rundumschlag unternommen, diesmal geht es um die Dinge und Gegenstände des Alltäglichen und Privaten. Denn: 'Houses aren't refuges from history. They are where history ends up.' (S. 5).

Das Buch folgt zunächst einer einfachen Struktur: Bryson wandert von Zimmer zu Zimmer in seinem alten Pfarrhaus in einem kleinen Ort im englischen Norfolk. Jeder Raum ist ein eigenes Kapitel und nimmt einen oder mehrere Gegenstände oder Aspekte in den Blick. Dabei entdeckt Bryson zum Teil absurde und kuriose Details der Alltagsgeschichte der letzten 150 Jahre. Dieser Zeitabschnitt entspricht dem Alter des Hauses, bei Bedarf geht Bryson aber bis ins Mittelalter oder, wie etwa im Badezimmer, zu den Römern zurück. 'Really serious bathing ' languorous bathing ' starts with Rome. Nobody has ever bathed with as much devotion and precision as the Romans did'. (S. 369)

An viele der Gegenstände, die uns im Haus umgeben und die wir täglich benutzen, verlieren wir so gut wie nie einen Gedanken. Bryson reinterpretiert altbekanntes Wissen und hinterfragt die selbstverständlichen Dinge unseres Alltags. Warum haben Gabeln vier Zacken und nicht drei oder fünf? Woher hat die Toilette ihren Namen? Seit wann gibt es Treppen? Jedes Thema bringt eine Flut neuer Verknüpfungen. Bryson streift dabei die geschichtliche Entwicklung der Architektur, des Handwerks und der Künste, immer mit einem besonderen Fokus auf das Ungewöhnliche. Das gilt auch für die zahlreichen Anekdoten über britische Persönlichkeiten des 18 und 19. Jahrhunderts.

Komfort, so wird schnell klar, ist geschichtlich ein sehr neuer Zustand. Noch bis ins 18. Jahrhundert war die Idee' es 'bequem' haben zu wollen, so fremd, dass es noch nicht einmal ein Wort für diesen Zustand gab. ''Comfortable' meant merely 'capable of being consoled'. Comfort was something you gave to the wounded and distressed', wie Bryson ausführt. (S. 147) Häuser waren tendenziell kalt, feucht und dunkel. Die meisten Dinge darin waren gesundheitsschädigend und aus heutiger Sicht ekelerregend. Die hygienischen Zustände begünstigten den Ausbruch von Seuchen. Ende des 19. Jahrhundert enthielten Tapeten neben giftigen Farben zudem größtenteils hohe Dosen Arsen, was zu verschiedenen Krankheits- und Vergiftungssymptomen führte. Auch Betten waren Jahrhunderte lang unbequeme, stinkende und pathogene Objekte. Sie waren das Zuhause von unzähligem Ungeziefer wie Wanzen, Flöhen und sogar Mäusen und Ratten. Komfort ist demnach nicht denkbar ohne die Entwicklung zahlreicher (technischer) Hilfsmittel und Gegenstände des modernen Haushalts. Bryson fasst es in einem Satz zusammen: '(The) history of private life is a history of getting comfortable slowly'. (S. 147)

'At Home' ist ein höchst unterhaltsamer und lehrreicher, unbedingt lesenswerter Beitrag zur Alltags- und Sozialgeschichte Englands, die in weiten Teilen eine europäische ist. Die Geschichten, die Bryson erzählt, erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder strenge Wissenschaftlichkeit. Bryson hat sein Themengebiet hier nur scheinbar vom gesamten Universum auf das vermeintlich überschaubarere alltägliche Leben eingeschränkt. Manche Exkurse führen sehr weit weg vom Häuslichen, Alltäglichen und Privaten, aber das ist kein Makel. Bryson ist wie immer ein ausgezeichneter Erzähler. Viele Gegenstände des alltäglichen Lebens wird man nach der Lektüre mit ganz neuen Augen betrachten.

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