Titel
Simon Wiesenthal. Die Biographie
Rezension

Simon Wiesenthal, dem manches Etikett angeklebt wurde ('Nazi-Jäger' war wohl das mit der stärksten Haftung), hat zeitlebens viel und in verschiedenen Variationen aus seinem Leben erzählt und veröffentlicht. Das ist Segen und Fluch zugleich für den Biographen, kann er sich einerseits auf eine Fülle an Selbstdarstellungen stützen und muss andererseits mit voneinander abweichenden Versionen und Widersprüchen kämpfen. Tom Segev, bekannter israelischer Historiker, der etliche Bücher über die Geschichte Israels, den Umgang der israelischen Gesellschaft mit dem Holocaust und den Überlebenden sowie über die KZ-Kommandanten vorgelegt hat, hat diese Herausforderung angenommen und sich durch die Unmengen an Unterlagen aus Wiesenthals Archiv und Nachlass gearbeitet.
Wiesenthal, der 1908 im ostgalizischen Buczacz geboren wurde, machte während der NS-Herrschaft eine Odyssee durch verschiedene Gettos und Lager durch, bevor im Konzentrationslager Mauthausen von amerikanischen Truppen befreit wurde. Bald nach der Befreiung widmete er sich im Dienste der Amerikaner der Verfolgung von NS-Verbrechern, was sich zu seiner Lebensaufgabe, wenn nicht gar Obsession, entwickeln sollte. Wiesenthals Leben und Wirken nach 1945 war stets umrankt von Legenden und manchen Übertreibungen, an denen er selbst kräftig mitwirkte. Dabei spielte sicherlich zum einen das Motiv, die Täter fortlaufend zu verunsichern, etwa durch übertriebene Darstellungen seines Apparats (der doch fast immer ein Ein-Mann-Unternehmen war), eine wichtige Rolle. Zum anderen war Wiesenthal ein ausgesprochen eitler Mensch, der mancher Versuchung nicht widerstehen konnte. Segev kann hier, gestützt auf umfangreiche Archivrecherchen, Licht ins Dunkle bringen und Wiesenthals Beziehungen zum israelischen Geheimdienst empirisch untersuchen oder seine Rolle bei der Verhaftung Adolf Eichmanns durch ein Geheimdienstkommando des Mossad erhellen.
Spannend wie ein Krimi, packend geschrieben und elegant in den breiteren Kontext eingebettet, erzählt Segev die Geschichte des oft einsamen Kämpfers Wiesenthal, der unermüdlich die Erinnerung an die Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns wach hielt.

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