Titel
Zwischen Pfahl und Bock
Untertitel
77 Monate in den deutschen Konzentrationslagern
Rezension

65 Jahre nach ihrer Niederschrift erscheinen nun die Erinnerungen des jüdischen Arztes Erich Kohlhagen aus Halle an seine Haftzeit in deutschen Konzentrationslagern gedruckt. In den unmittelbaren Nachkriegsjahren erschienen hunderte Erinnerungsberichte, vornehmlich aus der Feder politischer Häftlinge, in zum Teil hohen Auflagen. Doch nur wenige überdauerten diese Zeit und waren später auch lieferbar. Umso erstaunlicher ist es, dass Kohlhagen nach dem Krieg vergeblich versuchte, auch seinen Text an die Öffentlichkeit zu bringen. Doch verfolgte er nicht nur die Absicht, über den Terror in den Konzentrationslagern aufzuklären, sondern wollte überdies seinen Beitrag zur Bestrafung der Täter leisten. Daher nennt ist er im Text sehr um Genauigkeit bemüht und nennt die Täter beim Namen, differenziert aber zwischen den brutalen Schlägern und manchen, wenn auch sehr wenigen, 'guten' SS-Leuten. In den USA, wohin Kohlhagen nach den Krieg emigriert war, übergab er zudem seinen Text der War Crimes Commission, damit auf seiner Basis die genannten NS-Verbrecher dingfest gemacht werden könnten.
Erich Kohlhagen, der seit 1932 Zahnarzt in Halle war, wurde im Oktober 1938 verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt, die erste Station seiner über sechs Jahre währenden Leidenszeit in den Lagern. Es folgten die Konzentrationslager Groß-Rosen, Auschwitz und Mittelbau-Dora. Kohlhagens Bericht ist in erster Linie ein eindringliches Zeugnis von dem besonderen Leiden der jüdischen Konzentrationslagerhäftlinge. Ihnen wurden die schwersten Arbeiten zugewiesen, sie standen ganz unten in der Hierarchie der Gefangenen. Er bietet nicht nur ein genaues Bild von den SS-Leuten und ihrer Brutalität oder von der schweren Zwangsarbeit, sondern auch von der Hierarchie der Lagerinsassen, von den Funktionshäftlingen und von Machtkämpfen zwischen verschiedenen Häftlingsgruppen.
Neben der Schilderung dessen, was er erlebt und erlitten hat, ist Kohlhagens Bericht zugleich auch immer wieder ein Zeugnis vom Ringen um Worte für die Qualen: 'Es ist mir unmöglich, mit Worten all das zu schildern, was ich gefühlt und erlitten habe. Aber ich glaube, dass es mir dennoch gelingt, einen Eindruck von dem zu vermitteln, was das KZ für uns bedeutet hat. Manchmal möchte ich sogar die Feder mutlos aus der Hand legen, weil ich mir sage, dass es doch kein Mensch glauben wird, was ich hier schildere. Man muss es selbst erlebt haben.' (S. 55)
Es ist ein großer Glücksfall, dass Kohlhagen der Verzweiflung nicht nachgegeben und die Feder aus der Hand gelegt hat. Der Leser erhält so ein eindringliches, in einfacher, aber wirkungsvoller Sprache geschriebenes Zeugnis eines jüdischen Konzentrationslagerhäftlings, das mehr als nur einen Eindruck vom Leid in den Lagern vermittelt.

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