Titel
Der Tod auf der Schippe - oder was Archäologen sonst so finden
Rezension

Der Titel und das Titelbild des zu besprechenden Bandes zeigen schon deutlich, welches Zielpublikum angesprochen werden soll. Ein Hinweis, dass die Publikation für den kuriosesten Buchtitel des Jahres 2010 nominiert wurde, geht in die gleiche Richtung. Besonders der Untertitel 'Was Archäologen sonst so finden' umreißt ziemlich genau, womit sich die Publikation beschäftigt: Mit einer Aneinanderreihung archäologischer Entdeckungen, die in schneller Folge vorgestellt werden und sowohl zeitlich als auch räumlich weit über den Globus streuen. Die Schlagworte auf der Buchrückseite treffen es ebenfalls genau: 'Hippies ' Hexen ' Piraten: Das Spannendste aus der Archäologie'. Und das wird auch geboten: Die sechs Kapitel, die in zahlreiche, schnell zu überfliegende Kurzabschnitte eingeteilt sind, lassen sich flüssig und unterhaltsam lesen. Interessant ist, dass die wichtige Frage an den Anfang gestellt wird, warum sich ausgerechnet der Archäologenberuf immer noch einer ernormen Faszination erfreut und warum ihn gewissermaßen ein Nimbus umgibt. Dies dürfte ja auch das Kaufinteresse der meisten Leser an diesem Titel ausgelöst haben. Die Antwort darauf gibt Angelika Franz auch sogleich ' weil sich die Archäologie mit den Menschen beschäftigt und so jeden von uns angeht, wenn unsere Wurzeln freigelegt werden und im günstigsten Fall der Einfluss der Vergangenheit auf die Zukunft deutlich wird. Dies ist aber die einzige Antwort, die die Autorin zu solch theoretischen, hinterfragenden Themen gibt. Das Buch ist in der Folge nichts anderes als eine Sammlung von Entdeckungen und Anekdoten, die die tatsächliche Arbeit der Archäologen nicht genügend berücksichtigt. Es verklärt gewissermaßen den Archäologenberuf, so dass sich beim Leser leicht der Eindruck einschleichen kann, archäologisches Arbeiten bringe wirklich etwas aus den Indiana-Jones-Filmen (die in einem Kapitel auch gestreift werden) mit sich: abenteuerlich, ungewöhnlich, mit schnellen, aufsehenerregenden Ergebnissen. Dass die Wirklichkeit eher aus unspektakulären, alltäglichen Arbeiten wie unbequeme Ausgrabungen an Autobahntrassen im Bau besteht und das anschließende Auswerten unzähliger Pläne und der oft reichlich gefundenen Keramik (in Ermangelung auf den ersten Blick 'spannender' Funde), was selten, zumindest für die Öffentlichkeit, wirklich außergewöhnliche Ergebnisse liefert, zumal nicht von heute auf morgen, wird in diesem Buch ausgeklammert. Die Orte und archäologischen Zusammenhänge, die in diesem Buch vorgestellt werden, sind derart weit in Zeit und Raum gestreut, dass sie wie eine Auswahl möglichst kurioser, oft grausamer und spektakulärer Dinge anmuten, die man zusammengestellt hat, um ein 'Event' zu schaffen. Dass man es in der Archäologie zwangsläufig fast immer mit dem Tod zu tun bekommt, gibt dem Ganzen einen Grusel, der durch die Vergangenheit mehr oder weniger gemildert wird. Wahrscheinlich ist dies auch der eigentliche Zweck der Publikation: Zu fesseln, zu unterhalten und das breite Spektrum der Funde vorzustellen, das weltweit bei archäologischen Ausgrabungen oder Zufallsentdeckungen gemacht werden kann. Dieses Ziel hat Franz auch auf jeden Fall erfüllt: Sie schreibt kurzweilig und versteht es, Interesse zu wecken, man kann sich die Fundorte anhand ihrer Schilderungen gut vorstellen, die kurzen Überschriften sind gut gewählt und machen Lust, weiterzulesen, die eingestreuten Zitate der Archäologen sorgen für Lebendigkeit und Authentizität. Auffallend ist auch, dass sehr viele der von der Autorin vorgestellten Themen und Kurzthemen einen Bezug zur Gegenwart haben, so z. B. die Ausgrabung einer Hippie-Kommune nördlich von San Francisco oder die Entdeckung eines bizarren Hexenkultes in Cornwall, der bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts reichte und sich in kleinen Gruben manifestierte, die mit Vogelfedern, Eiern und anderen Gegenständen gefüllt waren. Gerade im letzten Fall lässt sich der kultische Charakter des Fundortes anhand von Legenden und Gerüchten, die bis in die 1950er Jahre im Umlauf waren, ziemlich eindeutig bestimmen. Dass dies ein absoluter Glücksfall in der archäologischen Arbeit ist ' in sehr vielen Fällen kommen solche rätselhaften Strukturen vor, und sie wurden zumindest in der Vergangenheit allzu schnell mit dem Etikett 'kultisch' belegt, obwohl dies in den seltensten Fällen belegbar ist ' wird nicht deutlich herausgestellt. Bei diesem Kapitel ('Mumien, Hexen und Piraten') fällt außerdem auf, dass Inhalte, die bereits im ersten Unterkapitel ('Die Hexengruben von Cornwall') zitiert werden, dann im Laufe des nächsten Unterkapitels ('Hexenkult bis in die Fünfzigerjahre') noch mal fast wörtlich wiederholt werden.
Insgesamt ist das zu besprechende Buch eine kurzweilige und durchaus lesenswerte Sammlung von Einzelaspekten der langen Vergangenheit des Menschen auf der Erde. Als unterhaltsame Ergänzung zu anderer, fundierter Einführungslektüre über archäologisches Arbeiten ' hier sei zu diesem Zweck der Titel 'Ur- und frühgeschichtliche Archäologie' von M.K.H. Eggert und S. Samida (Tübingen [u.a.]: Francke, 2009, ISBN 978-3-8252-3254-2) empfohlen - kann es verwendet werden, gerade um sich klar zu machen, welche enorme Spannweite Archäologie haben kann, gerade weil sie sich mit der Geschichte des Menschen befasst: von den neolithischen Knochenfunden mit Anzeichen von Kannibalismus von Herxheim in der Pfalz über neuzeitliche Mumien in Italien bis zu Ground Zero, wo sich Archäologie und Forensik vermischen und die mildernde Vergangenheit plötzlich schmerzhaft zurücktritt.

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