Titel
Magie und Magier im Mittelalter
Rezension

Wissenschaften im modernen Sinne sind den antiken, jüdisch oder keltisch geprägten Kulturen unbekannt. Sie sind dagegen stark abhängig von einer religiösen Komponente, die das Wirken z. B. einer technischen oder medizinischen Errungenschaft verständlich macht. Oft als 'Geheimwissen' tradiert, treffen diese Strömungen verstärkt im Mittelalter auf die christlichen Auslegungen der Welt, in der die vorchristlichen kosmischen Modelle immer weniger eigenständigen Platz mehr haben.
Viele Erkenntnisse und Entdeckungen besonders der hellenistisch-römischen und jüdischen Welt können aus dem christlichen Glauben heraus nicht mehr ausreichend interpretiert werden; die Praktiken werden als 'Magie' diffamiert und die Ausübenden als 'Magier' teilweise verfolgt. Tuczay geht in ihrem hervorragend abgefassten Buch in zehn Kapitel (zzgl. eines 'Ausblicks') den Ursachen der Verfolgung, den verschiedenen Konzepten von Zauberei, den Ausgestaltungen wie Ritualen, und dem Zauber als magische Praktiken ausführlich nach.
Nach einer definitorischen Betrachtung (magus, Magier vs. sacerdos, Priester; Theurgie, Götterverehrung; Nekromantie, Totenbeschwörung; Maleficium, Schadenzauber; Veneficium, Giftmischerei; Hydromantie, Wahrsagerei aus dem Wasser) beschreibt sie das Verhältnis Christentum und Magie, so etwa auch, ob Christus, da er Lazarus wieder zum Leben erweckt, auch unter die Magier zu rechnen sei.
Die durchweg negative Charakterisierung von Magie vollzieht sich bereits im frühen Christentum, denn zwar geschieht eine magische Praktik immer mit Einwilligung Gottes, sie bedient sich aber dämonischer Hilfe in Form eines Paktes zwischen dem Magier und einem Zauberwesen. Wie dies rechtlich umgesetzt wird, erläutert Tuczay anhand einzelner Episoden, die die willkürliche Auslegung des Begriffes 'Magie' durchscheinen lassen. Die Vorbehalte des Westens gegen orientalische Einflüsse spiegeln sich auch bei der Bewertung magischer Künste wieder, deren bevorzugte Opfer Juden werden. Ihre den Christen unbekannten und daher ungewohnten Bräuche z. . beim Begräbnis wurden zur Zaubereianklage genutzt.
Eine Fortführung magischer Praktiken erfährt deren Ausformung in der Ingenieurkunst: Maschinen und ihre Aktionen werden unter 'Magie' subsumiert. Ähnlich wird auch die Medizin und Pharmazie betrachtet, da sie unmittelbar auf den Menschen wirkt, die Wirkweise dem Menschen aber verschlossen blieb.
Mit magischen Kräften ausgestattete und mit magischen Wesen in Verbindung stehende Personen werden von Tuczay summarisch erwähnt. Mehr Raum widmet sie magischen Schriften sowie Sprüchen und der höfischen, magische Ereignisse beschreibenden Literatur (Trug des Nektanebos, Parzival, Liet von Troye, Iwein u.a.).
Tuczays Arbeit ist nicht frei von Redundanzen, dem Leser ist es dadurch jedoch gut möglich, sich unabhängig der Abfolge der Kapitel im Buch rasch in Einzelbetrachtungen vertiefen zu können. Ein flüssiger Schreibstil macht das Lesen angenehm, wenngleich die detaillierten Definitionen an manchen Stellen den Fluss hemmen. Die Bebilderung ist knapp, aber aussagekräftig und ausreichend. Die Fußnoten verweisen größtenteils auf monographische Werke und dienen zugleich als weiterführende Literaturangabe.
Dem Anspruch, die Vorstellungen der mittelalterlichen Welt zum Phänomen 'Magie' ausführlich und umfassend darzustellen und zu dokumentieren, kommt das Buch in vorbildlicher Weise nach. Für die Ideenwelt des Mittelalters ist es eine willkommene Ergänzung und Zusammenfassung bereits vorhandener Werke, und daher ist der Band höchst empfehlenswert.

 

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