Titel
Ringelblums Vermächtnis
Untertitel
Das geheime Archiv des Warschauer Ghettos
Rezension

Hat man die Bilder des von den deutschen Besatzern nahezu vollständig zerstörten Warschau vor Augen, das eine gigantische Trümmerwüste darstellte, gleicht es einem Wunder, dass das schier unmöglich scheinende gelang: Zwei umfangreiche Teile des von dem Historiker Emanuel Ringelblum initiierten Untergrundarchivs aus dem Warschauer Getto wurden geborgen, ein bewegendes Zeugnis vom Leben und Sterben im größten Getto Europas, vom Widerstand und dem unbedingten Willen, Zeugnis abzulegen. Weiß man um die Lebensumstände im Getto, den Hunger und das Elend, das tägliche Sterben und schließlich die brutalen Massendeportationen in das Vernichtungslager Treblinka, ist die bloße Existenz eines solchen umfangreichen Archivs eine Sensation, vor der man immer noch, nach so vielen Jahrzehnten, fassungslos steht. Die Geschichte dieses einmaligen Unterfangens und die Geschichte derjenigen Menschen, die es beharrlich vorangetrieben haben, hat nun der amerikanische Historiker Samuel D. Kassow in einem packenden Buch erzählt.
Kassow vereint mehrere Bücher in einem. Zum einen ist es eine Biographie des 1900 in Ostgalizien geborenen Historikers Emanuel Ringelblum, der bereits vor dem Krieg durch zahlreiche Arbeiten über die Geschichte der Juden in Polen und ein ausgeprägtes soziales Engagement auf sich aufmerksam gemacht hat. Doch nicht nur Ringelblums Leben und Werk, sondern auch das all der anderen Mitarbeiter des Untergrundarchivs rekonstruiert Kassow und legt damit zugleich eine Kollektivbiographie einer vorwiegend jungen Generation vor, der es um eine sozial motivierte und politisch engagierte Dokumentation und Analyse ihrer Zeit ging, mit schwindender Überlebenshoffnung mehr und mehr als ein Zeugnis für die Nachwelt verstanden. Viele der Beteiligten waren vor dem Krieg im Umfeld des umtriebigen YIVO aktiv, dem es unter anderem um eine moderne Alltags- und Sozialgeschichte des Judentums in Osteuropa ging, geschrieben auf Grundlage jüdischer Quellen, die erstmals systematisch zu sammeln, ihnen ein wichtiges Anliegen war.
Vor allem aber ist Kassows Buch eine Geschichte der Dokumentationstätigkeit des Archivs und damit immer auch eine Geschichte des Warschauer Gettos und auch anderer Orte im besetzten Polen 'von unten' . Aus allen Bereichen des Lebens hinter der Gettomauer sammelte der Kreis um Ringelblum Materialien, um das politische, soziale, religiöse und kulturelle Leben zu dokumentieren. Sie verfassten Reportagen, Analysen, sammelten Flugblätter, Eintrittskarten, Aufsätze von Kindern, erhoben Umfragen und vieles mehr. Innerhalb kürzester Zeit trugen sie so eine der vielfältigsten und umfangreichsten Sammlungen zur Geschichte der Juden unter deutscher Besatzung zusammen.
Ringelblum selbst betätigte sich als Chronist, ab 1943 im Versteck außerhalb des Gettos lebend nahm er seine letzte große Arbeit in Angriff ' eine Untersuchung über das polnisch-jüdische Verhältnis im Zweiten Weltkrieg. Über die Zeit im Versteck ist relativ wenig bekannt, umso begrüßenswerter ist es, dass mit einer Veröffentlichung von Yad Vashem nun Briefe Ringelblums und seiner Frau aus dieser Zeit ediert vorliegen. Der von Israel Gutman, selbst Überlebender des Warschauer Gettos, herausgegebene Band nähert sich der Person und dem Wirken Ringelblums von verschiedenen Seiten. David Engel widmet sich in einem instruktiven Text den historiographischen Wurzeln Ringelblums, Lea Prais rückt Ringelblums Aktivitäten abseits des Untergrundarchivs, sein soziales Engagement also in den Vordergrund während sich Samuel Kassow und Havi Dreifuss einzelnen Themen bzw. Perioden seines Schaffens zuwenden: Ringelblums Arbeiten über das polnisch-jüdische Verhältnis sowie seinen Arbeiten, die vom Sommer 1942, der Zeit der Massendeportationen nach Treblinka, bis zum Getto-Aufstand entstanden sind.
Wer fundierte Wissenschaft über eines der faszinierendsten Kapitel des Holocaust packend erzählt erfahren möchte, dem sei Kassows Buch dringend anempfohlen. Es ist zweifellos eines der besten historischen Bücher der letzten Jahre. Die von Gutman versammelten Beiträge bieten einen gezielten Zugriff auf manche Themen, fokussiert auf die Person Ringelblum.

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