Titel
The Yad Vashem Encyclopedia of the Ghettos during the Holocaust
Rezension

Weit mehr als 1.000 Gettos bildeten die nationalsozialistischen Besatzer in ihrem Herrschaftsbereich, vor allem in den unterjochten Ländern Ostmitteleuropas. Die Gettos waren ein zentrales Instrument der NS-Verfolgungspolitik gegen all die Menschen, die sie als Juden verfolgten, ausplünderten, hungern ließen und schließlich ermordeten. In der Rückschau scheinen die Gettos als Vorstufe der Vernichtung einem lang schon ausgefeilten Plan mit klarer Zielsetzung entsprungen zu sein. Daher verwundert es auch kaum, dass landläufig, auch in Teilen der Forschung, die Gettos als gezielte Etappe des Massenmords gesehen werden, die überdies vom Herrschaftszentrum systematisch installiert worden seien. Gerne und viel zitierter Beleg ist der Schnellbrief Reinhard Heydrichs an die Führer der Einsatzgruppen im September 1939. Tatsächlich aber resultierte die Masse der Gettos wohl aus der Initiative und den Bedürfnissen der lokal und regional herrschenden Verantwortlichen. Das zeigt sich nicht zuletzt an den regional sehr stark voneinander abweichenden Geschwindigkeiten der Gettoisierung.
So wichtig die Gettos für die NS-Judenpolitik auch waren und so sehr sie das Leben von zahllosen Menschen prägten, so wenig kann man aber von einer ' etwa analog zur Täterforschung ' etablierten Gettoforschung sprechen. Über einzelne, vornehmlich große Gettos wie Lodz/Litzmannstadt, Riga, Warschau u.a. weiß man relativ viel. Die vielen kleinen, manchmal nur wenige Monate existierenden Gettos aber sind weitgehend unbekannt, von vielen weiß man bis heute kaum mehr, als dass es sie überhaupt gegeben hat. In vielen Fällen ändert sich das nun mit dem vorliegenden Werk, das überdies reichhaltig illustriert ist und zahlreiche Pläne und Karten enthält. Freilich muss auch hier manches im Ungefähren und Ungewissen bleiben.
Man kann gar nicht hoch genug schätzen, dass sich die israelische Forschungs- und Gedenkstätte Yad Vashem dazu entschlossen hat, eine Enzyklopädie aller Gettos herauszugeben. Hier wurde also der umgekehrte Weg gewählt: Nicht Summe bzw. Essenz einer ausdifferenzierten Forschungslandschaft ist dieses Nachschlagewerk, sondern eine Pionierleistung ungeheuerlichen Ausmaßes. Fehler, die das Werk auch aufweist, fallen angesichts dessen kaum ins Gewicht. Manches ist schon in Bewegung geraten in der Erforschung der NS-Gettos, zu hoffen ist, dass weitere Impulse von dieser Großtat ausgehen werden.

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