Titel
Gaza
Untertitel
Brücke zwischen Kulturen. 6000 Jahre Geschichte
Rezension

Aktuelle Schlagzeilen um Gaza vermitteln das Bild eines kriegszerstörten, religiös-diktatorisch regierten Landes nahe dem wirtschaftlichen und kulturellen Abgrund. Die lange Geschichte eines blühenden Landstrichs ist angesichts der gegenwärtigen politischen Lage unwirklich und schwer vorstellbar. Eine Brücke dorthin will der Ausstellungskatalog Gaza schlagen, der von Mamoun Faza und Karen Aydin konzipiert Beiträge von Christina Wawrzinek, Aydin und Detlev Quintern vereinigt. Sie zeichnen ein historisches Bild von der Region, beginnend mit der Frühgeschichte und in islamischer Zeit endend.
Ungewöhnlich ' dennoch reizvoll ' ist es, dass der Hauptleihgeber, Jawdat Khoudary, ein eigenes Grußwort für den Katalog verfasst hat, der seine Sammelintention wie auch das Ziel der Ausstellung beschreibt: 'Die heutigen Menschen haben alles über die Schönheit dieser Küstenstadt am Mittelmeer und seine Völker vergessen.' (S. 10) Dieses Vergessen käme einer Zerstörung des kulturellen Erbes dieser Region gleich und würde eine Botschaft der Hoffnung (Mahmoud Abbas, S. 8) zunichtemachen, Menschen verschiedener Religionen und Kulturen an einem Ort friedlich leben zu lassen. Dieses Ziel an Ausstellung und Katalog zu stellen mag etwas sehr hoch gegriffen zu sein, es spiegelt aber gut die aktuellen Ängste der Verantwortlichen von Gaza und seiner Menschen wieder, eine von der Welt vergessene Region zu werden, die doch so sehr auf Hilfe von außen angewiesen ist. Mit einem denkmalpflegerischen Rechenschaftsbericht skizziert Hamdan Taha die Leistungsfähigkeit und die Ergebnisse der palästinensischen Altertümerverwaltung, mit deutlicher (unreflektierter) Kritik an der (fehlenden) Kooperationsbereitschaft israelitischer Stellen. Einige Anmerkungen darin sind zudem redundant.
Der Sammelband bietet historisch und thematisch aufgeschlüsselte Übersichten. Der Abschnitt 'Frühgeschichte' beginnt mit Fundkomplexen aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrtausends v. Chr. und endet mit der Eroberung des Gebietes durch Alexander d. Gr. Die Geschichte des heute 360 Quadratkilometer großen Gazastreifens (das damit etwas kleiner als das Bundesland Bremen ist, in etwa aber so dicht bevölkert ist wie die bayerische Hauptstadt München) wird seit der vorgeschichtlichen Zeit von seinem Verhältnis zu Ägypten geprägt. Dies gilt für die kulturellen Kontakte, in besonderem Maße aber für den Handel. Als Grundlage für ihre Ausführungen dient der Verfasserin Wawrzinek das Handbuch der Archäologie, anhand dessen sie die einzelnen Entwicklungs- und Kontaktstufen nachzeichnet. Im Vordergrund stehen dabei die Städte Tell es-Sakan ' eine seit 1998 freigelegte Siedlung, um 3300 v. Chr., gegründet, in der altägyptische Keramik und ein Namensfragment des Pharaos Nar(-meher) zu Tage kamen ' Tell el-`Agul und Tell Harubak, der Vorläufer von Gaza-Stadt, der bereits in dieser Epoche administrative Hauptstadt geworden war. Ab dem 12. Jahrhundert v. Chr. werden dann die Philister in der Region archäologisch greifbar, bis dann im 8. Jahrhundert vor unserer Zeit die Assyrer die Oberherrschaft für sich gewinnen. Seit dieser Epoche kommen immer mehr schriftliche Zeugnisse auf uns, die ein detaillierteres Bild jener Zeiten vermitteln.
Den Begriff 'Antike' beginnt Aydin mit den Eroberungen Alexanders III. Eine Übersicht auf den Seiten 60 f. stellt den beschriebenen historischen Rahmen dar. Gaza fiel in dieser Periode mehrfach unter wechselnde Herrschaften, und es wurde durch durchziehende Heere immer wieder in seiner Entwicklung gehemmt. Nachdem die Hauptstadt wohl unter die Regierung der Hasmonäer gefallen war, erlangte sie in den 60-er Jahren des 1. Jahrhunderts v. Chr. unter den Römern eine gewisse Autonomie zurück. Münzprägungen beweisen eine wirtschaftliche Prosperität; für das 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. gibt es dann kaum noch aussagekräftige Quellen mehr. Bevorzugte Tauschwaren jener Zeit waren Gewürze, Weihrauch, Myrrhe und Weizen, die gegen (ägyptische) Produkte wie Papyrus, Glas und Textilien verhandelt wurden.
Quintern legt in seiner Schilderung der byzantinischen Zeit das Hauptaugenmerk auf die christliche Entwicklung Gazas zwischen den Antipoden Alexandria und Konstantinopel, vor allem auf den Konflikt zwischen beiden Zentren um die Ein- bzw. Zwei-Naturen-Lehre Christi. Die christliche und pagane Geschichte Gazas in byzantinischer und islamischer Zeit bildet den Abschluss der kulturhistorischen Beiträge des Bandes.
Das Kartenmaterial im Katalog ist ausreichend, zwei chronologische Übersichten (S. 40 f., 60 f.) decken insgesamt 3800 Jahre ab. Eine Kurzübersicht über die islamische Zeit (unter Einbezug der im Text genannten Personen wie z. B. die Kalifen) wäre wünschenswert gewesen. Die beigegebenen Abbildungen sind hervorragend, auf den Seiten 107 (Abb. 1) und 123 (Abb. 2) fallen sie vielleicht ein wenig zu klein aus. Fremdsprachliche Zitate bereiten in einem populärwissenschaftlichen Buch, wie dem hier besprochenen, einigen deutschsprachigen Lesern Verständnisprobleme. Nicht unbedingt zwingend notwendig, hätten sie zusammengefasst oder übertragen wiedergegeben werden können.
Die Relikte der verschiedenen Kulturen im Gazastreifen werden in einem gesonderten Aufsatz zum Weltkulturerbe gewürdigt. Recht einseitig werden dabei die widrigen Umstände geschildert, unter denen die palästinensische Autonomiebehörde mit internationalen Partnern zusammenarbeitet. Quintern macht Israel als Hauptverursacher aus ' und er hat unbenommen recht, die großen Zerstörungen durch israelisches Militär in Gaza anzuprangern und deren Missachtung international geschützten Kulturgutes. Angesichts der instabilen politischen, finanziellen und rechtlichen Situation in den Palästinensergebieten sind die etwa '30 000 Objekte aus dem Fundus palästinensischen Kulturerbes' (S. 138) in Israel gegenwärtig aber sicher besser aufgehoben als in Gaza-Stadt. Denn das Verhältnis der im Gazastreifen faktisch herrschenden Hamas zu vor- und islamischem Kulturgut ist nicht vergleichbar mit einer europäischen Sichtweise, Hinterlassenschaften welcher Kultur auch immer als gleichrangig erhaltenswert einzustufen.
Ein derart kleines Gebiet wie Gaza wird zukünftig ohne Kooperationen mit seinen Nachbarregionen nicht überlebensfähig sein. Dies spricht nicht gegen eine politische Autonomie, sollte aber seine Grenzen da haben, wo zu kleinteilige Organisationsformen statt Überschaubarkeit zu schaffen, den Blick auf das größere Ganze zerstören. Die Verbindungen Gazas nach Ägypten, Israel und in die weiter entfernt liegenden arabischen Ländern als historisches Erbe zu begreifen, könnte bedeuten, gerade im kulturellen Bereich Kooperationen mit diesen Staaten zu suchen. Sicher kann das Department of Antiquities and Cultural Heritage (DACH) nicht einen politischen Konflikt lösen, bezieht es aber die Altertümerverwaltungen von Ägypten und Israel in seine zukünftigen Vorhaben mit ein, gelingt ihm vielleicht, wozu die Politiker derzeit nicht fähig sind: den Nahen Osten als eine zusammenhängende und sich gegenseitig beeinflussende Kulturregion zu verstehen und zu begreifen.

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