Titel
Das Gericht als Tribunal oder: Wie der NS-Vergangenheit der Prozess gemacht wurde
Rezension

Der von Georg Wamhof herausgegebene Band vereint eine Reihe von Beiträgen, die auf die Jahrestagung des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachsen 2006 zurückgehen. Wie der Untertitel deutlich zu machen versucht, geht es nicht um eine erneute Untersuchung der Ahndung von NS-Verbrechen mit all ihren Problemen in Gesellschaft und Justiz, sondern um die Produktion von Täter- und Tatbildern in den Prozessen und ihre Wirkung auf die Beteiligten und die Öffentlichkeit.
Einem solchen Ansatz ist die Interdisziplinarität gleichsam in die Wiege gelegt, um deren Realisierung sich der Band auch bemüht, indem Medien-, Theater-, Film- und Literaturwissenschaften Berücksichtigung finden, denn sie befassen sich mit den Kanälen, auf denen die im Prozess konstruierten Bilder und Vorstellungen transportiert wurden oder setzten an ihre Stelle eigene. Mit Händen zu greifen ist dies im Falle des Frankfurter Auschwitz-Prozesses in den sechziger Jahre, der wie kein anderes Verfahren Widerhall in Presse, Literatur und Film fand. Doch es wurden nicht nur Dramen über die Prozesse geschrieben, sondern diese selbst können auch als solche interpretiert und verstanden werden.
Der Auschwitz-Prozess nimmt in vielerlei Hinsicht eine singuläre Stellung ein, denn so umfangreich wie manchmal vermutet war die Berichterstattung über NS-Prozesse nicht. Sie beschränkte sich häufig, wenn die Prozesse überhaupt Niederschlag in der Presse fanden, auf Notizen zur Verfahrenseröffnung und zur Urteilsverkündung; die vielfältigen Schwierigkeiten der Justiz, mit dem staatlich organisierten Massenverbrechen fertig zu werden, konnten so für die Gesellschaft kaum nachvollziehbar werden: 'Fünf Jahre Voruntersuchung, so hört man, und eine Anklageschrift von siebentausend Seiten ' wer soll das übersehen, verstehen, verfolgen? Es ist eine Sache für Fachleute. Es ist wie ein Zeitstück, das zehn Jahre zu spät zur Premiere kam: Schon am Tage seiner Uraufführung ist es veraltet', urteilte der Schriftsteller Horst Krüger über den Frankfurter Auschwitz-Prozess und rückt damit die gesellschaftliche Wirkung der NS-Prozesse ein bisschen zurecht.
Der Sammelband widmet sich nun weniger der Frage nach der Reichweite der Gerichtsverfahren in die Gesellschaft, sondern vielmehr nach der Art und Weise wie und welche Bilder vom Geschehen, seinen Tätern und deren Opfern transportiert werden. Dabei richten die Autoren ihren Blick auf die Prozessberichterstatter, auf die Berichterstattung ausländischer Medien über bundesdeutsche Verfahren, filmische Verarbeitungen und ihre Rezeption sowie auf Fernsehdokumentationen und deren pädagogisierende Strategien. Vorangestellt ist den Beiträgen eine herausragende instruktive Einleitung des Herausgebers über 'Performativität ' Narrativität ' Medialität' der Prozesse.
Herausgekommen ist ein recht heterogener Band mit weitgehend isoliert nebeneinanderstehenden Beiträgen aus verschiedenen Disziplinen, die interessante Schlaglichter auf manche Aspekte der NS-Prozesse werfen.

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