Titel
Hitlers Imperium
Untertitel
Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus
Rezension

Regalreihe um Regalreihe füllt sich in den Bibliotheken mit empirischen Spezialuntersuchungen zu den verschiedensten Aspekten der NS-Besatzungsherrschaft in den unterschiedlichen Ländern und Regionen. Kaum ein Jahr, in dem nicht mindestens ein Dutzend oder mehr Bücher auf Deutsch hierzu erschienen. Trotzdem auch der Markt an Gesamtdarstellungen zur NS-Herrschaft insgesamt beinahe schon als übersättigt bezeichnet werden könnte, mangelt es doch an Synthesen speziell zur Besatzungspolitik ' zumal manche Regionen, zumindest auf Deutsch, weiterhin fast terra incognita sind. Auf lange Zeit einzigartig dürfte Czesław Madajczyks große zweibändige Überblicksanalyse über Faschismus und Okkupation bleiben, die neben NS-Deutschland auch die Achsenmächte und ihre Besatzungspolitik im Blick hatte, aber leider nur auf Polnisch vorliegt.
Mark Mazower, Historiker an der Columbia University in New York, hat bereits gezeigt, dass er beides kann, den großen Überblick und die Regionalstudie. Hierzulande ist er durch seine Geschichte Europas im 20. Jahrhunderts bekannt geworden, er hat sich aber auch mit einem dieser lange Zeit noch 'weißen Flecken' beschäftigt, mit Griechenland unter deutscher Besatzung. Seine Fähigkeit, eigentlich schon seine Begabung zur großen Synthese stellt er nun mit 'Hitlers Imperium' erneut unter Beweis.
Er teilt den überwältigenden Stoff in drei große Abschnitte ein. Im ersten, über 200 Seiten starken Teil zeichnet Mazower den 'Weg nach Großdeutschland' nach, die lange Vorgeschichte vor allem gen Osten gerichteter Expansionspolitik seit 1848 sowie die Etappen der Eroberungen des NS-Regimes bis zum Überfall auf die Sowjetunion. Mazower geht es hier keineswegs darum, die 'Lebensraum'-Politik der Nationalsozialisten in einem vermeintlich sehr viel weiter zurückreichenden Kontinuum einzuebnen, sondern vielmehr darum, zwar auch Kontinuitäten und Traditionslinien aufzuzeigen, an die Hitler und Konsorten anknüpfen konnten, aber auch Diskontinuitäten und Brüche klar zu benennen und den neuartigen Charakter der nationalsozialistischen Expansionspolitik eindeutig zu fassen. Im zweiten Teil, 'Die neue Ordnung', wendet sich Mazower den zentralen Bereichen deutscher Besatzungspolitik zu: der Ausbeutung der unterdrückten Menschen, der Raubpolitik, der Kollaboration, dem Widerstand und natürlich auch der Ermordung der Juden.
Mazower gelingt es dabei, immer auf der Höhe der vorwiegend westlichen Forschung, seinen ebenso umfassenden wie schwierigen Gegenstand souverän im Griff zu behalten und den Leser zielsicher durch das Thema zu führen und Orientierung zu bieten. Damit bietet er eine überzeugende, gut lesbare Gesamtdarstellung nationalsozialistischer Besatzungspolitik vornehmlich in Ostmitteleuropa, ihrer Ursprünge und Auswirkungen, deren Lektüre unbedingt zu empfehlen ist. Das geht fast unweigerlich mit Leerstellen einher, deren Behandlung das Buch gut und gerne doppelt so umfangreich gemacht hätte. Hier bleiben Ansatzpunkte für weitere, auf bestimmte Bereiche fokussierte Überblicksdarstellungen, etwa zur Kulturpolitik im deutsch besetzten Europa. Desgleichen fehlt auch nach Mazowers Buch weiterhin eine konzise vergleichende Analyse der NS-Besatzungsregime in Europa.

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