Titel
Propaganda und Terror in Weißrussland 1941-1944
Rezension

Weißrussland und seine Bevölkerung hatten im Zweiten Weltkrieg unter einem deutschen Terrorregime sondergleichen zu leiden. Hunderte von Dörfern wurden vollständig dem Erdboden gleich gemacht, die Bewohner getötet oder zur Zwangsarbeit deportiert. Als Vorwand zogen die Besatzer und ihre Mordkommandos immer wieder die Partisanenbekämpfung heran. Diese diente auch als Deckmantel bei der Auslöschung der jüdischen Gemeinden in Weißrussland.
Nachdem die Besatzungs- und Vernichtungspolitik und auch der 'Alltag hinter der Front' (Bernhard Chiari) in Weißrussland seit den 1990er Jahren zunehmend erforscht worden sind, erschließt Babette Quinkert mit ihrer Berliner Dissertation nun ein neues Feld: die Propaganda, die sich an die Bevölkerung Weißrusslands richtete. Quinkert interessiert sich für den Propagandaapparat, die Adressaten sowie die Inhalte und Mittel der Propaganda. Überdies untersucht sie die Verschiebungen im Laufe der Zeit und die Gründe dafür. Schließlich stellt sie die Gretchenfrage jedweder Propaganda, nämlich die nach ihrer Wirkung.
Propaganda war keine Erfindung der Nationalsozialisten. Die Lehre, dass der Propaganda an die eigene und an die besetzte Bevölkerung ein stärkeres Gewicht bekommen müsse, wurde bereits in den 1920er und 1930er Jahren aus dem Ersten Weltkrieg gezogen. Ihr Stellenwert, ihre Ansatzpunkte, Grenzen und Möglichkeiten wurden breit diskutiert ' bruchlos über 1933 hinaus. Allerdings erhielt sie im NS-Regime einen besonderen Stellenwert, denn Hitler, Goebbels und andere wussten sehr gut um das Potential der Propaganda. Im Militär etablierte sich, auch das ein Teil der Kriegsvorbereitungen, ein Apparat zur psychologischen Kriegsführung, das Heer der Kriegs-, Bild- und Filmberichterstatter wurde aufgebaut. Diese Entwicklung bis hin zur Ausdehnung der Propagandainfrastruktur auf Weißrussland schildert Quinkert ausführlich und quellengesättigt.
Auf dieser Grundlage aufbauend analysiert sie Inhalte, Entwicklung und Wirkung der Propaganda im besetzten Weißrussland und lässt dabei die Quellen ausführlich zur Sprache kommen. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion verkauften sich die neuen Herren als die Befreier von Bolschewismus und Judentum und versuchten, mal offen, mal verdeckt, die Bevölkerung zu Pogromen aufzustacheln. Bereits von Anfang an richtete sich die Propaganda gegen Partisanen und Saboteure, denen präventiv, bevor sie auch nur in Erscheinung getreten waren, die Schuld an möglichen Versorgungsengpässen in die Schuhe geschoben wurde.
Die erzielte Wirkung ist zum Teil bekannt. Letztlich konterkarierten die Besatzer mit ihrem Handeln die eigene Propaganda. Zwar gab es anfangs Freude über das Ende der kommunistischen Herrschaft und manch einer leistete Unterstützung bei der Suche nach versprengten Rotarmisten. Doch schon die Aufstachelung zu Pogromen und Morden scheiterte weitgehend. Der Befreiungspropaganda schließlich entzogen die Nationalsozialisten vollkommen den Boden durch ihre Terrorpolitik.
Nachdem der 'Blitzkrieg' gescheitert war, veränderte sich auch die Propaganda, wenn auch nur in sehr engen Grenzen. Die vielgeschmähte Kollektivierung der Landwirtschaft konnte während des Krieges nicht rückgängig gemacht werden, tauchte in der Propaganda nun aber als Silberstreif am Horizont für die Nachkriegszeit auf. Doch auch dies konnte auf Bauern kaum überzeugend gewirkt haben, wenn zugleich die Ernteerträge ' propagandistisch begleitet freilich ' aus ihnen herausgepresst und Familienmitglieder zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert wurden. Auch auf anderen Feldern, etwa der propagandistischen Flankierung des Partisanenkampfes, blieb die Propaganda scheinbar wirkungslos.
Quinkert hat zahlreiche neue Quellen erschlossen, aus denen heraus sie einen überzeugenden Beitrag zur Geschichte der NS-Besatzungspolitik in Weißrussland geschrieben hat. Die Frage nach den Wirkungen der deutschen Propaganda muss in Teilen aber letztlich offen bleiben, zumal sie diese nur durch die Brille der Besatzer sieht, indem sie deren Berichte als Quelle hierfür heranzieht.

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