Titel
Die Kabbala
Untertitel
Eine kleine Einführung
Rezension

Preisgünstige Einführungen sind immer ein Hingucker. Viele ' allzu viele ' Verlage haben sich inzwischen darauf spezialisiert, entweder veraltete Skripte neu aufzulegen oder nicht für einen deutschen Markt konzipiertes, angloamerikanisches Material (zwecks Kosteneinsparung) in Übersetzung zu veröffentlichen. Der Verlag Reclam ist hierbei keine Ausnahme. Nun hat er sich einem Werk angenommen, das 2006 bei Oxford University Press erscheinen ist, und aus der Feder eines der renommiertesten Fachwissenschaftler zur Kabbala stammt ' ein Glücksfall ist zudem, dass der Verfasser auch noch über einen gut lesbaren Stil verfügt.
Historisch betrachtet dürfte der Anfang der Kabbala um 1200 v. Chr. liegen, wenn er denn überhaupt geschichtlich greifbar ist. Ort des Geschehens ist der Berg Sinai, wo Moses gerade die zehn Gebote empfängt, die Offenbarung Gottes an sein Volk. Von nun an wird dieses Wissen von Generation auf Generation vererbt, als überkommene Kenntnis der göttlichen Wahrheit. Mündlich tradiert ist sie nicht aus Erfahrung gewonnenes Wissen, sondern das 'was man eben macht', weil es die Vorväter auch so taten. Im Mittelalter firmiert sie als die jahrtausende alte göttliche Wahrheit, die sich im Laufe der Jahrhunderte allerdings in verschiedene Linien aufgespaltet hat, da sie zwar niemals neu ist, aber immer wieder neue entdeckt oder neu empfangen werden kann. Diese neuen Empfängnisse werden ab dem 13. Jahrhundert im Geschriebenen manifestiert und die geheimen Kenntnisse erstmals fixiert.
Teilweise wurde und wird Kabbala als gnostische Werke bezeichnet, sie dient als Archetyp zum Verständnis der menschlichen Psyche u.a. Allgemein ist sie Synonym für Mystik, Magie und Spiritualität geworden.
Nach einer differenzierenden Definition und kulturhistorischen Betrachtung (S. 11ff.), setzt sich Dan mit der antiken jüdischen Mystik auseinander, um daraus die Entstehung der Kabbala nachzuzeichnen und die wichtigsten Werke vorzustellen (S. 24ff.). Dem geheimen Wissen geht ein verbot voraus, nämlich die Lektüre jener Kapitel in der heiligen Schrift, die den Himmel und das Universum beschreiben: im Buch Genesis die Erschaffung des Alls und im Buch Ezechiel das 'Werk des Thronwagens'. Denn eine öffentliche Auslegung und ein Studium in kleinen Gruppen berge eine psychische und physische Gefahr! Kabbalisten sind nun diejenigen, die sich dennoch damit beschäftigen, wobei sie Kosmologie, Kosmogonie, Magie, Gottes Wohnstätte und Gott schauen zu Lehren entwickelten.
Ausgehend vom nicht-kabbalistischen Werk 'Sefer Jezira', eine vielleicht frühmittelalterliche Kosmogonie, entsteht im askenatischen Judentum unter dem Eindruck der ersten Verfolgungen durch die Kreuzfahrer das Buch 'Sefer Bakir', das mehrere biblische Verse interpretiert. Viele Rabbiner des 2. Jahrhunderts sollen daran gearbeitet haben, verfasst wurde es jedoch erst um 1185 in Frankreich oder Spanien. Seelenwanderung, Weltbestehen aus Hypostasen, Geschlechterdualismus und die Vorstellung der Welt als BAum finden sich hier erstmals in der kabbalistischen Literatur.
Hauptsächlich von Moses de Léon in den letzten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts abgefasst, ist der 'Sohar' eine Sammlung einer Vielzahl von Abhandlungen. Zwei Motive prägen das Werk: ein Gesamtmythos, der Theogonie, Kosmogonie und Kosmologie vereint, sowie die Idee der Widerspiegelung, konkret der Frage, wie göttliche Welt und jüdische Gebote einander reflektieren.
Über die Werke gelangt Dan zur Definition zentraler Begriffe (S. 54ff.), passt diese zeitlich in die Entwicklung der Kabbala ein und ordnet sie inhaltlich bestimmten Schriften zu.
Trotz der angestrebten und umgesetzten Kürze überrascht Dan äußerst positiv durch eine Vielzahl an Details und einen immensen Tiefgang an Vorder- und Hintergrundskenntnissen bei der Schilderung der Kabbala über alle Einzelkapitel hinweg. Seine Sprache - in diese gesamt positive Wertung muss die lebhaft-frische Übersetzung einbezogen werden - bildet den durch Esoterik und Mystik verkomplizierten Sachverhalt sehr gut verständlich ab, seine religionsgeschichtlichen Vergleiche sind detailliert und treffsicher, seine Deutungen und Erläuterungen präzise und leicht nachvollziehbar und seinen Schlussfolgerungen kann man leicht folgen: Nachdem er seine Einführung durch Werkanalyse und Begriffsklärung auf ein solides Fundament gesetzt hat, beginnt er etappenweise jeweils neuere, erweiternde Erkenntnisse stufenartig aufeinander zusetzen, die dem Leser ein langsam wachsendes, immer weiter werdendes Spektrum zu der Kabbala vermittelt. Den Abschluss hiervon bildet Dans Charakterisierung der anfänglich jüdisch-religiösen Tradition zu einer modern-europäischen Konzeption (S. 83ff.). Mit dieser Wendung hin in die Gegenwart hinein unterstreicht er die lange Wirkungsgeschichte der Kabbala, deren Beschäftigung ausgehend von Dans Einführung lohnt.

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