Titel
Wolke und Weide. Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre
Rezension

Über Biographien am lebenden Objekt mag man denken, was man mag, ein Wagnis sind sie in jedem Fall wie nicht zuletzt an der Grass-Biographie von Michael Jürgs zu sehen war. Der zeigte sich über das 'Waffen-SS-Bekenntnis' von Grass tief enttäuscht, hatte er sich doch hauptsächlich auf Gespräche mit Grass selbst beschränkt. Solch eine Enttäuschung wäre durch gründliche Archivrecherchen, wie sie eigentlich selbstverständlich sein sollten, leicht zu vermeiden gewesen. Den Vorwurf nachlässiger Recherche kann man Gerhard Gnauck, Polen-Korrespondent der 'Welt', schwerlich machen.
Gnauck untersucht die 'polnischen Jahre' Marcel Reich-Ranickis, verlässt sich aber nicht allein auf dessen eigene Darstellung, sondern arbeitet sich durch Akten und spricht mit Zeitzeugen. Herausgekommen ist ein spannendes Buch über eine bisweilen schillernde Persönlichkeit in schwierigen Zeiten. Zwar bedarf Reich-Ranickis Selbstdarstellung keiner Totalrevision, Fragezeichen an manchen Stellen und Korrekturen hier und da aber werden sichtbar. Gnaucks Buch, wäre es Jahre früher erschienen, hätte der Mitte der neunziger Jahre aufgeregt und mitunter von Sachkenntnis ungetrübten Debatte um Reich-Ranickis Geheimdienst-Vergangenheit die notwendige sachliche Basis gegeben.
Reich-Ranicki, 1920 im polnischen Włocławek geboren, wuchs überwiegend in Berlin auf, bis er und seine Familie im Herbst 1938 wie tausende Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit in einer Nacht-und-Neben-Aktion nach Polen vertrieben wurden. Während der deutschen Besatzungsherrschaft in Polen konnte er sich zunächst als Übersetzer für den Judenrat im Warschauer Ghetto über Wasser halten. Der Ermordung in den Gaskammern in Treblinka entgingen er und seine Frau durch die Hilfe der polnischen Familie Gawin, die das Ehepaar in ihrem Haus in einem Verlies versteckt hielt. Dieser Teil der Biographie ist weitgehend unumstritten und durch Reich-Ranickis Autobiographie und deren kürzliche Verfilmung weithin bekannt.
Die wirklichen 'polnischen Jahre' jedoch, Reich-Ranickis Karriere in Polen bis zu seiner Ausreise 1958, ließ dieser bislang eher im Vagen und eröffnete Kritikern damit Tür und Tor für mitunter pharisäerhafte Vorwürfe.
Nach einem kurzen Intermezzo in Oberschlesien, in das auch Gnauck kein Licht bringen kann, und der Tätigkeit als Referent für Restitutionsfragen bei der Polnischen Militärmission in Berlin ging Reich-Ranicki 1948 im Dienste des polnischen Geheimdienstes an die Londoner Botschaft. Zwar gelingt Gnauck der Nachweis, dass Reich-Ranickis Arbeit dort weit mehr mit Geheimdienstarbeit zu tun hatte, als dieser in seiner Lebensbeschreibung einzuräumen bereit war, aber ' und das ist das wohltuende bei der Lektüre des Buches ' Gnauck stellt ihn nicht an den Pranger oder bedenkt ihn mit schrillen Vorwürfen, die historische Hintergründe und die ganz persönliche Geschichte Reich-Ranickis unberücksichtigt lassen.
Gnauck ist den Spuren der 'polnischen Jahre' des 'Literaturpapstes' mit Akribie nachgegangen, hat seine Erkenntnisse sorgfältig mit dessen Selbstbeschreibung konfrontiert und daraus ein einfühlsames und zugleich kritisches Porträt geschrieben. Reich-Ranicki ist, das wird darin deutlich, letztlich nur ein (wenn auch das bekannteste) Beispiel für Tiefen deutscher, jüdischer und polnischer Geschichte im Zeitalter der Extreme.

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