Titel
Unbequeme Wahrheiten
Untertitel
Polen und sein Verhältnis zu den Juden
Rezension

Kein anderes beziehungsgeschichtliches Thema ist in Polen im 20. Jahrhundert bis heute so präsent wie das polnisch-jüdische Verhältnis. Kein anderes ' auch nicht das deutsch-polnische ' ist derart von gegenseitigen Stereotypen geprägt. Die zahlreichen seit mehr als zwanzig Jahren zyklisch wiederkehrenden Debatten um das polnisch-jüdische Verhältnis, fokussiert vor allem auf die sowjetische und die deutsche Besatzungszeit sowie die unmittelbaren Nachkriegsjahre, zeugen davon, dass dies bis heute nicht bewältigt ist.
In einem Sammelband präsentieren Barbara Engelking, Leiterin des Zentrums zur Erforschung der Ermordung der Juden in Warschau, und Helga Hirsch, langjährige Polenkorrespondentin der 'Zeit', nun auch dem deutschen Publikum die wichtigsten Beiträge der Debatten in Polen der letzten zwanzig Jahre. Im Kern geht es um fünf Auseinandersetzungen, zu denen wichtige Wortmeldungen veröffentlicht werden. Jedem dieser fünf Kapitel stellen die Herausgeberinnen eine knappe und informative Einführung voran, die den Lesern hierzulande den Zugang enorm erleichtern.
Dieser Band ist umso mehr zu begrüßen als Polen nicht selten verzerrt als ein reaktionäres und komplexbeladenes Land erscheint, vor allem in der einseitig auf die Kaczyńskis und ihre Umtriebe ausgerichteten Berichterstattung. Auch der Wiederhall der Diskussionen um die Bücher von Jan Tomasz Gross über die Ermordung der Juden in Jedwabne durch ihre polnischen Nachbarn oder über den Pogrom von Kielce war nicht immer dazu angetan, deutschen Lesern ein differenziertes Bild von der Ernsthaftigkeit und Differenziertheit, aber auch von der Streitlust, zu vermitteln, mit denen diese Themen in Polen sehr lebhaft diskutiert worden sind. Dem schaffen die in diesem Band versammelten Beiträge und vor allem auch die klugen Hinführungen der Herausgeberinnen Abhilfe.
Bedauerlich ist einzig, dass gerade der Debatte, die letztlich die Initialzündung für alle folgenden war, mit zwei veröffentlichten Beiträgen der kleinste Raum gegeben wird. Das gilt umso mehr als gerade die Diskussion um die Thesen des kürzlich verstorbenen polnischen Literaturwissenschaftlers Jan Błoński eine der unbekanntesten der hier repräsentierten fünf großen Auseinandersetzungen ist.
Das polnisch-jüdische Verhältnis, die Auseinandersetzung im gegenwärtigen Polen auch mit dunklen Seiten dieser Beziehungsgeschichte wird wohl auch in absehbarer Zeit aktuell bleiben. Der vorliegende Band liefert einen wichtigen Beitrag dazu, zukünftige Debatten vor dem Hintergrund der vergangenen besser verstehen zu können.

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