Titel
Heinrich Himmler. Biographie
Rezension

Wer bislang glaubte, Himmler und sein Macht- und Terrorapparat seien bereits 'ausgeforscht', und wer überdies an den Vorzügen einer Biographie zweifelte, kann sich nun eines Besseren belehrt sehen. Peter Longerich, ein anerkannter und ausgewiesener Experte des 'Dritten Reiches' und des Holocaust, widerlegt Zweifler mit seiner monumentalen Himmler-Biographie.
Auf beeindruckend breit recherchierter Quellengrundlage schildert Longerich die Lebensgeschichte Heinrich Himmlers und gibt tiefe Einblicke in dessen Persönlichkeit. Die war tief geprägt von der Kindheit in einem nationalkonservativen bayerischen Elternhaus und der stetigen autoritären Kontrolle durch den strengen Vater. In den zwanziger Jahren formte sich beim jungen Himmler immer stärker sein Weltbild, das auf Verschwörungstheorien gegen Juden und Freimaurer fußte. Himmler hoffte lange auf seine 'Bewährungschance' als Soldat im Krieg, die ihm aber verwehrt blieb. Schon früh tummelte er sich nach dem Krieg im radikal aufgeladenen Milieu der Einwohnerwehren und Freikorps. 1923 nahm er am 'Hitler-Putsch' teil und fand schließlich den Weg in die NSDAP, für die er rastlos propagandistisch tätig war.
Dass dieser unscheinbare, gehemmte und pedantische Parteiaktivist einmal zu den mächtigsten Männern Deutschlands aufsteigen würde, war zu dieser Zeit nicht im Entferntesten zu vermuten. Wichtige Weichenstellung auf dem Weg dorthin war die Übernahme der Führung der SS 1929, aus der er zielstrebig eine elitäre NS-Organisation formte. Longerichs anschaulich und plausibel argumentierende Biographie geht nun weit über die bloße Lebensgeschichte Himmlers hinaus. Dem Leser wird eng verzahnt mit der Biographie zusätzlich eine glänzende Geschichte der SS von ihren unscheinbaren Anfängen bis zum schier grenzenlosen Terror- und Mordinstrument vor allem während des Krieges geboten.
Minutiös schildert Longerich den Aufstieg Himmlers, der sich nach dem Machtantritt Hitlers Schritt für Schritt die Polizei unterstellte und mit dem Auf- und Ausbau des Konzentrationslagersystems ein zentrales Terrorinstrument des NS-Regimes schuf. Nach innen entfaltete Himmler sich in seinen Organisationen als ein strenger, ideologisch unnachgiebiger, pedantischer, aber durchaus auch fürsorglicher Chef, darin seinem eigenen Vater sehr ähnlich. Durch die stetige Ausweitung der Gegnergruppen erschloss er seinem Apparat neue Handlungsfelder und damit neue Macht. Vollends zur Entfaltung kam der Polizei- und SS-Terror während des Krieges. Himmler stand an vorderster Front, wenn es darum ging, die Ziele Hitlers und des Regimes praktisch umzusetzen und radikal voranzutreiben, sei es die Ermordung der Juden, die Versklavung ganzer Völker oder der Schaffung neuen 'Lebensraumes' durch rücksichtslose Vertreibungen einheimischer Bevölkerungen und die Ansiedlung von Volksdeutschen. Nach Kriegsende versuchte er zunächst, mit falscher Identität unterzutauchen, wurde jedoch bald schon verhaftet und nahm sich dann, nachdem er erkannt worden war, das Leben.
Longerich hat ein schwergewichtiges, ein bedeutendes Werk der Zeitgeschichte vorgelegt, das die Vorzüge einer Biographie glänzend mit strukturgeschichtlichen Zugängen verknüpft.

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