Titel
Erfolgsgeschichte Bundesrepublik?
Untertitel
Die Nachkriegsgesellschaft im langen Schatten des Nationalsozialismus
Rezension

Weithin wird die Geschichte der Bundesrepublik als eine Erfolgsgeschichte erzählt, als 'geglückte Demokratie' (Edgar Wolfrum) am Ende des 'langen Wegs nach Westen' (Heinrich-August Winkler). Auch Hans-Ulrich Wehler bläst mit dem fünften Band seiner groß angelegten Gesellschaftsgeschichte in das gleiche Horn. Dagegen wenden sich die Herausgeber dieses Bandes, die solche Wertungen als Resultat einer Blickverengung betrachten. Die Versäumnisse in der Geschichte der Bundesrepublik würden so weichgezeichnet.
Zentrales Anliegen dieses Sammelbandes ist es daher, eben jene Versäumnisse in den Blick zu nehmen und diejenigen Handlungsbereiche ins Zentrum zu rücken, in denen sich eine starke Wahrnehmungsabwehr gegen das NS-Regime und seine Hinterlassenschaft manifestierte. Hier gebe es mehr Forschungslücken als allgemein angenommen würde.
Dreizehn Beiträge aus den Disziplinen Politik-, Geschichts-, Literatur- und Rechtswissenschaft beschäftigen sich mit der bundesdeutschen 'Nachkriegsgesellschaft im langen Schatten des Nationalsozialismus' aus jeweils eigenen Blickwinkeln anhand verschiedener Fallbeispiele. Die Palette der Themen ist breit, fast schon beliebig, und reicht von den NS-Wurzeln des Naturschutzes, über die antisemitische Schmierwelle 1959/60, die Dämonisierung und Sexualisierung von NS-Täterinnen, das Nachkriegstheater bis hin zur Behandlung von NS-Justizverbrechen durch den Bundesgerichtshof. Am Ende stehen zwei Beiträge, die sich mit den vieldiskutierten Büchern von Götz Aly über 'Hitlers Volksstaat' und von Jörg Friedrich über den alliierten Bombenkrieg auseinandersetzen, hinter denen gleich 'neue Tendenzen in der Geschichtsschreibung' vermutet werden.
Für sich genommen bieten viele Beiträge neue und vertiefte Einblicke in die Nachgeschichte des Nationalsozialismus, allen voran Axel von der Ohes instruktiver Beitrag über den Bundesgerichtshof, der überzeugend Ursachen, Wirkungen und Widersprüche der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs in Bezug auf die Behandlung von NS-Justizverbrechen analysiert. Andere Beiträge hingegen bringen nur wenig mehr als eine neue Illustration des ohnehin schon Bekannten wie etwa Volker Paulmanns Aufsatz über die Studentenbewegung und die NS-Vergangenheit oder Shida Kianis Beitrag über die antisemitische Schmierwelle.
Insgesamt fehlt den doch recht unterschiedlichen Texten eine überzeugende Klammer. Diese liefert auch nicht die von den Herausgebern postulierte Zurückweisung einer Geschichte der Bundesrepublik als Erfolgsgeschichte, scheinen sie doch selbst einer Blickverengung erlegen zu sein. Die gerade in den letzten Jahren 'boomende' Forschung zur Nachgeschichte des Nationalsozialismus als Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte blenden sie offenkundig aus und konzentrieren sich in ihrer Kritik auf die alten Doyens der Zeitgeschichte und ihre Gesamtdarstellungen. Nach der Lektüre drängt sich der Eindruck auf, dass auch in diesem Band letztlich eine Erfolgsgeschichte geschrieben wird, deren Anfang nur um gut zwanzig Jahre später angesetzt wird.

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