Titel
Kalte Heimat
Untertitel
Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945
Rezension

Rund 14 Millionen Menschen waren von Flucht und Vertreibung betroffen und kamen in die vom Krieg gezeichneten vier Besatzungszonen in Deutschland. Für sie stellte ihre Ankunft 'im Westen' keinesfalls das Ende ihres Elends und der Probleme dar. Diesen Herausforderungen, den Erfolgen und dem Scheitern der Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen aus dem Osten widmet Andreas Kossert nun ' man möchte sagen: endlich ' eine Monographie.
Kossert, Historiker am Deutschen Historischen Institut in Warschau und bisher mit glänzenden Büchern über Masuren und Ostpreußen hervorgetreten, schildert 'Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945' ' so der Untertitel ' auf fundierter Grundlage und mit viel Empathie für die Betroffenen. Mit Verve stemmt er sich gegen zahlreiche Legenden und Vorurteile, mit denen das Thema behaftet ist, und räumt nüchtern mit ihnen auf. Stück für Stück bringt er mit seiner Darstellung den gleichsam zu einem Gründungsmythos der Bundesrepublik gewordenen Mythos von der Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen als Erfolgsgeschichte ins Bröckeln, bis er am Ende ganz darnieder liegt. Diesem Gründungsmythos lag, so Kossert, einzig die Perspektive der Einheimischen zugrunde, während viele der Betroffenen die ersten Jahre als Zeit der Ausgrenzung, Diskriminierung und auch des Hasses erlebten.
Der größte Gewinn von Kosserts Buch ist es, dass er die langjährig eingeübte Perspektivverengung auf Lastenausgleich und Funktionärsebene der Vertriebenenverbände durchbricht und den Blick auf die Sozial- und Alltagsgeschichte der Masse der Flüchtlinge und Vertriebenen lenkt und weitgehend eine Beziehungsgeschichte zwischen Einheimischen und Vertriebenen schreibt. So bereichert er den Leser mit Kapiteln über Kirchen und Frömmigkeit, über das Thema in Literatur und Medien, über das kulturelle Erbe der Vertriebenen bis hin zum kulinarischen Erbe. Da mag es dann als Beckmesserei erscheinen, und wahrscheinlich ist es das auch, das Fehlen eines Kapitels über die nach 1989/90 vielfältig sich entwickelnden Beziehungen in die alte Heimat und über den dortigen Umgang in Nachkriegszeit mit der deutschen Vergangenheit zu bedauern.
Kosserts Buch ist durchgängig glänzend geschrieben, besticht durch eine treffsichere Auswahl plastischer Beispiele für allgemeine Phänomen und Tendenzen und überzeugt durch kluge Argumentation. Ganz zu Recht wurde Andreas Kossert jüngst für sein Buch mit dem Ehrenpreis des Georg Dehio-Kulturpreises 2008 ausgezeichnet.

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