Titel
Warum Denken traurig macht
Untertitel
Zehn (mögliche) Gründe
Rezension

Der berühmte Literatur- und Kulturwissenschaftler George Steiner legt bei Suhrkamp zehn Gründe vor, warum Denken traurig macht. Spontan will man vehement widersprechen: Denken macht nicht traurig, das Gegenteil: heiter. Adorno hat betont, das Glück sublunar Lebender sei die Theorie, so also auch die denkende Anstrengung. Und schon die alten Griechen, die doch auch pessimistisch waren, empfanden die Schau des Kosmos als Glück. Denken lässt, wie ein Marathonlauf, wie Trekking im Himalaya Endomorphine entstehen, Glückshormone, Glücklichmacher. 'Le corps fabrique des endorphines (endomorphines) pour compenser la douleur, d'où effet euphorisant.'
Was also meint George Steiner, und inwiefern hat er recht? Vorab: es gibt zwei Sorten von Menschen, Optimisten und Pessimisten ' die ersten werden im Leben und im Denken glücklich, die andern grausen sich und verfinstern ihren Blick. Sie flüchten aus Kölle, wenn Carneval ist. Alle Steinersche Traurigkeitsgründe hat der preußische Junker zusammengefasst, Heinrich von Kleist: es ist die allgemeine menschliche Gebrechlichkeit, die Trauer über die Vergängnis, Krankheit. Alter, Tod. So nennt etwa auch die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen, die Sterblichkeit sei die größte Kränkung des Menschen [größer als die durch die sonst genannten üblichen Verdächtigen hervorgerufene: Kopernikus, Darwin, Freud].
Steiner blättert die Kleistsche allgemeine Gebrechlichkeit auf, er differenziert aus: er nennt als Gründe für Traurigkeit, Schwermut, Melancholie, tristitia, tristesse, Betrübnis,

- dass es keine evidente, absolute Wahrheit gibt, keine Antworten auf wesentliche Fragen [gibt es Gott? Was ist nach dem Tod? Etc.],
- dass Denken chaotisch ist, das Ich nicht Herr seiner Gedanken, dass Abstruses auftaucht und abgewehrt werden muss.
- Das persönliche, individuelle Denken ist abgenutzt, es ist allgemein, immer schon dagewesen. Was wir privat wähnen, ist doch bei allen da. Ben Akiba winkt von weitem!
- Eine immer vieldeutige Sprache werkelt sich müde an der doch erwarteten monochromen Wahrheit. Unsere (Er-)Kenntnisse sind und bleiben unvollkommen. Hugo von Hofmannsthal hatte diese allgemeine Verstimmung über die schwachen Leistungen der Sprache in einem Brief an Lord Chandos artikuliert.
- Gute Ideen, die es da und dort gibt, gehen verloren, noch bevor sie festgehalten oder weitergegeben werden können.
- Zwischen dem Denken und seiner Verwirklichung gibt es viel misslingende Beziehungen, mehr jedenfalls als gewünscht sind. Scheiternde Hoffnung ist überall, Schiller hatte diese Lebensgrundstimmung in seinem Drama von den Räubern poetisch formatiert.
- Ein Schleier der Schwermut liegt über allem, weil das Denken mehr ver- denn enthüllt.
- Es gibt keine je ganz gelingende Einfühlung in den Andern, es gibt nur scheiternde Intersubjektivität. 'Noch die einander nächststehenden, aufrichtigsten Menschen bleiben Fremde füreinander [...]'.
- Die große Differenz zwischen dem Genie und der Normalität irritiert. Heidegger hatte gesagt, dass die Menschheit als ganze die Vorgeschichte des Denkens noch nicht verlassen habe.
- Wissenschaft kann auf die substantiellen Fragen, das hatte Wittgenstein schon betont, keine Antworten geben. Das richtet sich gegen aktuelle Bestseller-Autoren wie Richard Dawking; vlg. diese Ausgabe des WLA.

Nebenbei findet man auch solche Sätze bei Steiner: 'Kinder vom Auswendiglernen abzuhalten lähmt, vielleicht auf Dauer, die Muskeln ihres Geistes.' Es besteht Hoffnung, dass deutschen Didaktikern das zwischenzeitlich auch schon dunkel dämmert. Und, was auch Basiswissen anthropologischer Reflexion ist, 'es gibt keinen pädagogischen Schlüssel zum Kreativen'.

Zurück