Titel
Säubern und Vernichten
Untertitel
Die politische Dimension von Massakern und Völkermorden
Rezension

Der Pariser Politikwissenschaftler Jacques Sémelin stemmt sich mit seiner dichten Studie gegen die weithin verbreitete Meinung, Völkermorde entzögen sich dem rationalen Verständnis. Dass dem nicht so ist, zeigt Sémelin auf beeindruckende Weise ' wenngleich ein Rest Fassungslosigkeit und Verständnislosigkeit angesichts grausamer Massaker und Völkermorde wohl immer bleiben werden.
Nüchtern geht Sémelin den Mechanismen kollektiver Gewalt auf den Grund. Seine Perspektive ist interdisziplinär im besten Sinne; souverän bedient er sich der Instrumentarien und Erkenntnisse der Soziologie, der Psychologie, der Geschichtswissenschaft und anderer Disziplinen. Verbunden ist dieser Versuch, ein Erklärungsmodell zu schaffen, mit dem Blick auf historische Massaker und Völkermorde: den Mord an den europäischen Juden, Jugoslawien in den 1990er Jahren und den Völkermord in Ruanda 1994.
Besonderes Gewicht legt Sémelin auf die Untersuchung des Übergangs vom Gedanken zur Tat, auf den Weg von den Gewaltdiskursen zum Massaker. Hier sieht er einen vielschichtigen Prozess am Werke, ein Ineinandergreifen kollektiver und individueller Dynamiken, die politischer, sozialer oder psychologischer Art sind. Am Anfang des Massakers steht seiner Meinung nach das 'Imaginäre sozialer Vernichtungswut', d.h. die Stigmatisierung und Demütigung der Opfer, in der Regel über einen längeren Zeitraum hinweg.
Bei der Untersuchung des Umschlagens des Gewaltdiskurses in Hass und der Vernichtungsphantasien bis hin zur Tat selbst schlägt Sémelin vor, bestimmte Grundfragen bezüglich der Entwicklung der Gesellschaft auf vier entscheidenden Gebieten zu stellen, dem geistigen, politischen, religiösen und sozialen Gebiet. Dabei geht es um die Konstruktion ideologischer Feindbilder basierend auf Mythen und Ängsten der Gesellschaft; die Projektion der mythischen ideologischen Konstrukte auf die politische Ebene, wo sie dann die staatliche Politik beeinflussen; die Bestärkung oder auch Legitimierung dieser politischen Entwicklung durch moralische, vor allem religiöse Autoritäten; und schließlich die Frage, ob und inwieweit die Individuen und Gruppen eines Landes sich empfänglich für eine solche Politik und ihre Propaganda zeigen und wie belastbar die sozialen Verknüpfungen mit den Opfern sind. In einer Verzahnung dieser Bereiche sieht Sémelin eine entscheidende Bedingung für den Weg zum Massaker. Begünstigt wird eine solche unheilvolle Entwicklung immer von Kriegen, die nicht nur die Hemmschwelle zur Gewalt senken, sondern in deren Schatten Massaker 'geräuschloser' und eher vor der Weltöffentlichkeit verborgen ablaufen können.
Wie aber wird aus einzelnen Massakern schließlich ein Massenmord? Notwendig ist nach Sémelin das Zusammenspiel verschiedener Achsen: ein zentraler Impuls ist notwendig, d.h. die Ausweitung der Massaker aufgrund einer bewusst betriebenen Vernichtungspolitik; die Mobilisierung staatlicher Exekutivkräfte und paramilitärischer Einheiten und schließlich die Frage nach der Haltung der Öffentlichkeit. Aber auch hier laufen die Prozesse und das Zusammenspiel nicht geradlinig ab. Es gibt Brüche, Spielräume, Verzögerungen oder Beschleunigungen ' je nach internationaler Konstellation oder auch Haltung der Akteure.
Sémelin ist es gelungen, an konkreten Beispielen ausgerichtet, durch umsichtige und nachvollziehbare Argumentation viel zum Verständnis des verschlungenen und vielschichtigen Wegs vom Gedanken zur Tat beigetragen zu haben. Seine klare, kaum theoriegeschwängerte Sprache und seine sorgfältig abwägende Reflexion machen das Buch zu einem intellektuellen Genuss ' trotz aller Grausamkeit, von der es handelt.

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