Titel
Verbrecher und andere Deutsche
Untertitel
Ein Bericht aus Deutschland 1946
Rezension

Kaum ein deutscher Politiker ist von seinen Gegnern derart angefeindet worden wie Willy Brandt, sei es wegen der unehelichen Geburt, wegen seiner Flucht aus Nazi-Deutschland, wegen seines Kniefalls in Warschau oder wegen der Ostpolitik insgesamt. Teile der Anti-Brandt-Kampagnen bezogen sich auch auf das vorliegende Buch.
1945/46 bereiste Willy Brandt als Korrespondent mehrerer norwegischer Arbeiterzeitungen Deutschland. Bald nach seiner Rückkehr nach Norwegen erschien dort sein 'Bericht aus Deutschland', wenig später auch in Schweden. Erst sechs Jahrzehnte später, lange nachdem die üblen Schmähungen wegen dieses Buches weitgehend verstummt sind, liegt es nun erstmals komplett in deutscher Übersetzung vor. Endlich ' muss man nach der Lektüre sagen.
Brandt schreibt über das darniederliegende Deutschland nicht mit dem Zorn dessen, der den Häschern 1933 nur knapp entronnen war, seither unfreiwillig in der Emigration leben musste und Freunde und politische Wegbegleiter durch den NS-Terror verloren hat, sondern überaus differenziert, informativ und anschaulich.
Wichtiges Anliegen war es ihm, dem norwegischen Leser ein vielschichtiges Bild von Deutschland und den Deutschen zu zeichnen, jenseits von Kollektivschuldvorwürfen. Solchen tritt er bereits im ersten Kapitel entgegen, in dem er ein Plädoyer für das 'andere Deutschland' hält, ohne allerdings den starken Rückhalt des Nationalsozialismus in der deutschen Gesellschaft zu verschweigen. Eine Kollektivschuld lehnte er zwar ab, eine Kollektivverantwortung hingegen sah er bei allen, auch bei den NS-Gegnern. Dazu, so Brandt, müssten auch die deutschen Demokraten stehen und ihren Worten Taten folgen lassen, nur ' hielt er den Alliierten vor ' müssten sie dazu auch die Chance erhalten.
Zwei Kapitel widmet Brandt dem Nürnberger Prozess, der zum Zeitpunkt der Niederschrift des Buches noch nicht abgeschlossen war. Daher konnte und wollte Brandt keinen Prozessbericht vorlegen. Er beschränkte sich weitgehend auf die Darstellung des Beweismaterials, das die Alliierten bis dahin vorgebracht hatten, und berichtete ausführlicher über die Resonanz des Prozesses.
Den weitaus größten Teil des Buches macht der Bericht über die aktuelle Situation in Deutschland 1945/46 aus. Wohl informiert, sachlich, aber nicht ohne Mitgefühl schildert Brandt die aktuelle Lage und die Perspektive. Er behandelt dabei alle wichtigen Themenfelder von der Wirtschaft über die Politik, Parteien, die Jugend, Schule und Bildung, die Entnazifizierung und Umerziehung, das Schicksal der Flüchtlinge bis hin zur Grenzfrage. Manch einer der Vertriebenenfunktionäre der sechziger und siebziger Jahre, die Brandt als Verzichtspolitiker verunglimpften, hätte gut daran getan, Brandts mitfühlende und realitätsnahe Schilderung des Flüchtlings- und Vertriebenenelends im Nachkriegsdeutschland zu lesen.
Brandts Bericht ist eine Momentaufnahme aus dem ersten Nachkriegswinter. Gerade das macht den Reiz und den Gewinn des Buches aus, zeigt es doch, wie offen die weitere Entwicklung war. Anschaulich führt es die Stimmungen und die Lage der deutschen Bevölkerung vor Augen. Mit einer instruktiven Einleitung führt Einhart Lorenz in den Text und seinen Entstehungszusammenhang ein, rekapituliert die Rezeption in Norwegen und Schweden und schildert die Diffamierungen, die Brandt wegen des Buches ' ohne dass die Kritiker es je gelesen hätten ' ertragen musste. Zudem hat Lorenz den Text umsichtig kommentiert. Kurzum: Ein interessantes und wichtiges Buch, dem viele Leser zu wünschen sind.

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