Titel
Der Herr ist kein Hirte
Untertitel
Wie Religion die Welt vergiftet
Rezension

Vorab sollte man den Titel loben, bewundern: das war ein genialer Einfall, das englische 'God is not great' mit einer Anspielung auf den berühmten Psalm Davids: 'der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln' [Ps 23,1], zu übersetzen.
Mit dem im UK und in den USA Aufsehen erregenden Buch ' ein unersetzliches Pendant zur überweit verbreiteten evangelikalen Mentalität ' steht der Autor [geb. 1949 in England, heute als Journalist in Washington D.C. lebend] in einer langen Tradition, die in der Bibel selbst beginnt, wo in den Zusätzen zum Buch Daniel der Betrug der Baalspriester aufgedeckt wird, sie lässt sich als roter Faden durch die abendländische Geistesgeschichte verfolgen.
Kritias von Athen, der zu den vorsokratischen Philosophen gehört, hat im berühmten Fragment 25, das heute freilich dem Euripides zugeschrieben wird, Religion als Volksdisziplinierungsmittel erkannt. 'Es gab eine Zeit, da war der Menschen Leben ungeordnet und tierhaft und der Stärke untertan, da gab es keinen Preis für die Edlen noch auch ward Züchtigung den Schlechten zuteil. Und dann scheinen mir die Menschen Gesetze aufgestellt zu haben als Züchtiger, auf daß das Recht Herrscherin sei  und die Frevelei zur Sklavin habe. Und bestraft wurde jeder, der sich nur verging. Dann als zwar die Gesetze sie hinderten, offen Gewalttaten zu begehen, sie aber im Verborgnen solche begingen, da, scheint mir, hat (zuerst) ein schlauer und gedankenkluger Mann die Götterfurcht den Sterblichen erfunden, auf daß ein Schreckmittel da sei für die Schlechten, auch wenn sie im Verborgnen etwas täten oder sprächen oder dächten. Von dieser Überlegung also aus führte er das Überirdische ein.' Der Gedanke dieser politischen Funktionalisierung von Religion wird bald zu antikem Gemeingut; um einen Beleg anzuführen: Der berühmte griechische Geschichtsschreiber Polybios, der von 205 bis 123 v. Chr. lebte, hatte z.B. erkannt: 'die Alten scheinen die Vorstellungen von Göttern und den Glauben an den Hades wohlüberlegt der Masse eingeflößt zu haben. Die Masse ist leichtfertig und voller rechtswidriger Begierden [Buddha: Durst; die Bibel sagt: der Mensch ist böse von Grund auf], und so bleibt nichts übrig, als sie durch unklare Angstvorstellungen und ein solches Schauspiel [die Tragödie] im Zaum zu halten. [...] Es wäre höchst unvernünftig, wenn die heutigen [Herrschenden] sie [die Angst] der Masse austreiben würden.'
Bei Hitchens findet man all diese Argumente versammelt, die besonders in der Neuzeit immer wieder von verschiedenen Autoren vorgetragen wurden. Zugleich steht Hitchens in einer neueren englischen Tradition; Bertrand Russell hatte 1927 mitgeteilt, 'warum er kein Christ sei'.
Ab und an schießt Hitchens im Eifer des Gefechts über sein so sympathisches Ziel hinaus; das rührt daher, dass er überhaupt keine Ader hat für das, was Dichtung ist und leistet. Die 'Aufforderung 'lass deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut'' gilt ihm als 'belangloser Pseudotiefsinn'. Der Satz darf, wohlverstanden als Poesie begriffen, als einer der klügsten genannt werden, die überhaupt je formuliert wurden. Er kann u.a. etwa meinen: gib, verteil dein Vermögen an die Armen, die Witwen, die Waisen [die üblichen Verdächtigen in der Bibel, die vor dem Sozialamt stehen], verteil viel, verteil alles, kontrolliere deine Verteilung nicht rational, gib irrational, wenn Tsunami war in Südostasien, nicht betriebswirtschaftlich abgesichert. Solche übereifrigen Attacken, etwa gar mit Schaum vorm Mund, diskreditieren das berechtigte Anliegen des Autors: die Heiligen Schriften der [kleinen und] großen [Welt-] Religionen müssen als evolutionär gewonnene Sedimente menschlicher Erfahrungen gelesen werden. Sie sind Hort einer Weisheit, die wir, ohne Verluste zu erleiden, nicht vergessen dürfen. Dass diese Weisheit sich in abstrusen, nur historisch zu erklärenden begrifflichen, bildlichen, mythischen Monstern verbirgt, macht ihre Beerbbarkeit nicht unmöglich.

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