Titel
Zürcher Bibel
Rezension

Die Zürcher Bibel ist berechtigt berühmt; ihr Text ist modern, ohne modernistischen Moden hinterherzuhecheln. Bei der Auftragserteilung an das Übersetzungsteam hatte der Kirchenrat des Kantons Zürich 1984 wörtlich festgehalten: 'Die Sprache der Übersetzung soll eine dem Urtext angemessene Sprachebene einhalten und weder antiquiert noch modernistisch sowie weder manieriert noch vulgär wirken. Die sachliche und historische Distanz des Bibeltextes zur heutigen Zeit soll auch in der Übersetzung erkennbar bleiben. Dementsprechend ist von unmittelbaren Aktualisierungen des Bibeltextes Abstand zu nehmen.' Ein gerade heute wichtig gewordener Satz. Die einschlägig zu erwartenden Bedenken werden durch die 'Frauenlesegruppe' abgefedert; sie hat eine spezielle Publikation aus frauenspezifischer Sicht erarbeitet. Sie erscheint nun zusammen mit der Bibel unter dem Titel '... und ihr werdet mir Söhne und Töchter sein. Die neue Zürcher Bibel feministisch gelesen' (nebenbei: die Arbeit an der Neuübersetzung hat 23 Jahre beansprucht!). Selbstredend wird auch darauf geachtet, dass nirgends durch 'die Übersetzung antijüdische oder frauendiskriminierende Akzente' gesetzt werden. Doch eine kleine Anpassung an den Zeitgeist gibt es: 'dass nun in der Anredeform der paulinischen Briefe 'Liebe Brüder und Schwestern' steht. Es ist uns bewusst, dass wir damit etwas von der historischen Sprachform aufgegeben haben.'
Die Zürcher Bibel hat eine lange Tradition. Die erste Zürcher Bibel kam 1531 heraus und war die erste vollständige Bibel in deutscher Sprache in der Reformationszeit, also noch vor der Lutherschen, die vollständig erst drei Jahre später in Wittenberg erschien. Die letzte Neuübersetzung stammt aus dem Jahre 1931 ' an ihr hatte man 24 Jahre gearbeitet; Was die lange Dauer der Übersetzung betrifft, so gilt wohl das Wort des großen deutschen Reformators: 'Uns ist wohl oft begegnet, das wir viertzehen tage, drey, vier wochen haben ein einiges wort gesucht und gefragt, habens dennoch zuweilen nicht gefunden.' (Martin Luther, Tischreden). Diese Bibel von 1931 hat viel zur Reputation der Zürcher Bibel im ganzen deutschsprachigen Raum beigetragen. Die Zürcher Bibel ist eine Übersetzung, die textgetreu sein will, wenngleich sie hier nicht an die Elberfelder Version heranreicht; zugleich will sie aber auch für den heutigen Gläubigen verständlich sein. Im Zweifelsfall will sie die Fremdheit des Textes wiedergeben und ihn möglichst wenig interpretieren; dies im Wissen darum, dass letztlich jede Übersetzung auch Interpretation ist. Der bedeutende Theologe und Platon-Übersetzer Schleiermacher hatte bemerkt, dass jeder Übersetzung 'das Gefühl des Fremden beigemischt' bleiben müsse. So bestimmen die Verantwortlichen: 'Die Übersetzung kann sich nicht unmittelbar an der heutigen Alltagssprache orientieren. Obwohl dies oft gewünscht wird, kann und soll die Bibel nicht so reden wie wir. Es geht darum, um es mit Luthers Diktum zu sagen, den Leuten aufs Maul zu schauen, aber nicht darum, den Leuten nach dem Maul zu reden. Die Sprache der biblischen Bücher war auch zur zeit ihrer Niederschrift alles andere als alltäglich [die Frage bleibt, wie man diese (wahrscheinliche) Feststellung belegen will], sondern hatte einen religiösen und literarischen Anspruch. Das heißt für die Übersetzung, dass Mehrdeutiges nicht vereindeutigt, Fremdes nicht dem bekannten Eigenen angeglichen, Schwieriges nicht banalisiert und Erschreckendes nicht gemildert und beschönigt wird.'
Die Herausgeber berichten detailgenau über ihre konkrete Arbeit: 'Es ist, man muss es immer wieder betonen, nicht das Warten auf den genialen Einfall. Um die Bibel zu übersetzen, braucht es nicht Genialität, sondern tiefe Vertrautheit mit den Sprachen des Originaltextes und des Deutschen samt den dazugehörigen Kulturkreisen sowie hohe theologische und exegetische Kompetenz. zunächst ist es viel handwerkliche Arbeit: das genaue Lesen, das Konsultieren des Wörterbuchs, der Grammatik, der Konkordanz. Ein erster Entwurf entsteht, der laufend überarbeitet wird. Dann kommt der Text in andere Hände. Man berät gemeinsam und sucht weiter nach der bestmöglichen Lösung. Oft ist es leichter zu sagen, was nicht geht, als einen besseren Vorschlag zu finden. In einer Schrift wie der Bibel kommen verschiedene Textsorten vor. Es ist darum wichtig, bei der Übersetzung zu unterscheiden, ob es sich um einen Psalm handelt oder um ein Evangelium, um eine Chronik oder eine Apokalypse, ob es ein argumentierender oder ein poetischer Text ist.'
In der neuen Zürcher Bibel ist jedem biblischen Buch eine Einleitung vorangestellt, die über dessen Stellung und Namen im Kanon, den Inhalt, die historischen Umstände der Entstehung, die literarischen Bezüge und die theologischen Schwerpunkte informiert. Diese Einleitungen dürfen den Anspruch erheben, für eine erste, aber doch schon ausreichende Information des ' sonst nicht weiter theologisch gebildeten ' Lesers auszureichen. Freilich, wer vertiefter einsteigen will, muss sich weiter umschauen. Hier wird aber das Zürcher Bibelwerk mit einem gewaltigen Kommentar weiterhelfen, der im Dezember 2007 erscheinen soll: Bibel (plus) ' erklärt: Der Kommentar zur Zürcher Bibel, hg. von Matthias Krieg und Konrad Schmid, 2400 Seiten; erst mit diesem Kommentar wird man abschließend beurteilen können, was an theologischen Positionen, an dogmatischen Verfestigungen in die Übersetzung eingegangen ist.
Neben den kurzen, als Fußnote gesetzten Erklärungen, erläutert ein Glossar ausführlicher wichtige Begriffe. Es stellt eine Ergänzung zu den Einleitungen in die einzelnen Schriften dar: Anhand der Erklärung wichtiger Namen und Begriffe gibt es Einblick in die Welt der biblischen Texte. Dazu werden sprachliche und sprachgeschichtliche Hintergründe erläutert, wo diese der nuancierten Erfassung eines Begriffes dienen, und es werden historische und religionsgeschichtliche Zusammenhänge aufgezeigt. Dass hier Lücken von jedem Leser eingeklagt werden, ist ohne weiteres klar und nicht zu verhindern. So hätte man, obwohl es Artikel über Tod, Totenreich, Hölle gibt, gern eine Erläuterung zur Unsterblichkeitsvorstellung gesehen.

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