Titel
Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher 1933 ' 1945, Band II
Rezension

Mit großer Freude hat der Rezensent ' wenngleich verspätet ' vom Erscheinen des 2. Bandes der 'Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher' Kenntnis genommen. Die Bedeutung dieses bio-bibliographischen Werkes ist allerdings so groß, dass der Fortgang des auf drei Bände angelegten Unternehmens dem Leserkreis des WLA wenigstens nachträglich noch angezeigt werden soll.
Über Ziel und Anlage des Werkes informiert der 1996 erschienene 1. Band. Man vergleiche dazu auch die Besprechung des Rezensenten, WLA 2, 1999.
Band 2 enthält zunächst einige 'Einleitende Bemerkungen', 'Ergänzungen zum Literaturverzeichnis in Band I' und ein aktualisiertes Register der insgesamt berücksichtigten Personen, das jetzt auf 275 Namen angewachsen ist. Der eigentliche bio-bibliographische Teil enthält die Buchstabenstrecke G bis Q sowie als Nachtrag zu Band 1 Einträge zu Maria (Marie) Albu-Jahoda (Soziologin), Franz Boas (Ethnologe und Amerikanist), Wilhelm Doegen (Anglist und Phonetiker), Ralph V.W. Elliott (Anglist), Adam Falkenstein (Orientalist), Paul Forchheimer (Allgem. Sprachwissenschaftler und Indogermanist) sowie Walter Fuchs (Sinologe). Schon diese wenigen Nennungen deuten an, welch breites Spektrum von Fach- und Forschungsrichtungen in diesem Werk vertreten ist.
Die Strecke G bis Q enthält nun eine ganze Reihe von in der Fachwelt und darüber hinaus berühmten Namen, etwa John Joseph Gumperz, Käthe Hamburger und Edmund Husserl, Norbert Jokl, Victor Klemperer und Werner Rudolf Krauss, Ernst Lewy, Herbert Marcuse, Eduard Norden, Leonardo Olschki und Herbert Penzl, deren sprachwissenschaftliche Bedeutung differenziert dargestellt wird. Sie enthält aber eben auch ' und das ist vielleicht noch wichtiger ' viele Personen, die heute in Vergessenheit geraten sind, weil ihr wissenschaftliches Werk durch den nationalsozialistischen Terror unterbrochen oder nicht selten ganz zum Stillstand gekommen ist. Erst in den letzten Jahren gibt es vereinzelte Versuche, die Opfer des Nationalsozialismus in das Gedächtnis einer breiteren Öffentlichkeit zurückzuholen. Vorbildlich ist hier beispielsweise die Umbenennung des Kaffweges in Herman-Jacobsohn-Straße als neue Adresse des Marburger Sprachatlasses. Der Marburger Professor für Vergleichende Sprachwissenschaft (man vergleiche dazu Maas 2, 138 ' 142) hatte am 27.4.1933 Selbstmord begangen.
Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aber holt erst Utz Maas durch seine Recherchen erstmals wieder in den Kreis der Fachwelt zurück. Dafür kann ihm nicht genug gedankt werden. Auch bei einigen der bekannteren Wissenschaftler ermöglichen die bio-bibliographischen Artikel jetzt erstmals einen genauen Überblick über den jeweiligen Forschungsstand. Im Falle der in Gettos und Konzentrationslager verschleppten Wissenschaftler sollte es darüber hinaus ein Anliegen der heutigen Fachvertreter sein, zumindest den Zielort der Deportation angeben zu können. Im Falle der Hamburger Germanistik-Professorin Agathe Lasch war dies jedoch bisher nicht möglich. Maas führt in seinem Artikel (2, 225 ' 230) daher nur die in den Nachrufen vermuteten Zielorte auf, die Gettos in Lodz und Riga. Da als Datum ihrer Deportation aus Berlin aber der 12.8.1942 festzustehen scheint, lassen sich die bei Maas zusammengestellten Daten nun bequem mit den Ergebnissen der neuesten historischen Forschung vergleichen. Einer jüngst erschiedenen Studie Alfred Gottwaldts und Diana Schultes (Die 'Judendeportationen' aus dem deutschen Reich 1941 ' 1945, Wiesbaden: Matrix-Verlag 2005) lässt sich entnehmen, dass der einzige Transport an jenem Tage in das Getto Theresienstadt führte. Ob die damals fast 63-jährige Frau den Transport selbst überhaupt noch überlebt hat, ist allerdings weiterhin unklar.
Utz Maas' Sammlung ist der in der Sprachwissenschaft längst überfällige Versuch, die Schicksale der Betroffenen  und ihre wissenschaftliche Bedeutung aufzuhellen. Die 'Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher' hat daher größtmögliche Resonanz verdient.

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