Titel
Deutsch-jüdische Geschichte als Geschlechtergeschichte
Untertitel
Studien zum 19. und 20. Jahrhundert
Rezension

'Die Geschichte der deutschen Juden im 19. und ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ist die Geschichte eines rasanten kollektiven sozialen Aufstiegs und einer ebenso rasanten und kollektiven Modernisierung' (S. 10), so die allgemein anerkannte These der jüdischen Bürgertumsforschung und auch die Grundannahme der Herausgeberinnen und zum Teil namhaften Autorinnen des vorliegenden Bandes. Davon ausgehend untersuchen sie die mit dem Prozess der Verbürgerlichung und Modernisierung verbundenen Wandlungen der Geschlechterrollen und -bilder. Die Zeit des Nationalsozialismus wird bewusst ausgespart, weil sie eine ganz eigene Auseinandersetzung fordert, wie die Herausgeberinnen richtig konstatieren. Insbesondere wollen sie dazu beitragen 'Frauen in die Geschichte einzuschreiben' (S. 9). Dabei bemängeln sie zu Recht, dass nur Frauen mit frauen- und geschlechterspezifischen Fragestellungen arbeiten. Auch in diesem Band sind (leider) alle Beiträge von weiblichen Autorinnen.
Grundlage der Studien bildet ein Workshop der unter dem Thema 'Rethinking Jewish Women's and Gender History' im Oktober 2003 in Hamburg stattfand.
Der Band enthält dreizehn sehr heterogene Beiträge, die grob in vier Abschnitte unterteilt sind und sich mit der Modernisierung aus geschlechterhistorischer sowie sozial- und kulturgeschichtlicher Perspektive befassen und Diskussionen zum Umgang mit autobiographischen Texten deutsch-jüdischer Frauen in der Geschichtsschreibung und Sozialgeschichte enthalten.
Übereinstimmend gehen nahezu alle Autorinnen davon aus, dass deutsch-jüdische Frauen im Zuge der Verbürgerlichung und Akkulturation als 'Hüterinnen der Tradition' (S. 233) für den Erhalt des jüdischen Brauchtums sorgten und als 'Vermittlerinnen der Moderne' (S. 233) sich durch einen Rückzug aus der Öffentlichkeit dem bürgerlichen Status anpassten. So erörtert Monika Richarz, wie sich die Rolle von Mann und Frau in Bezug auf die Erwerbstätigkeit gegen Ende des 18. Jahrhunderts wandelte. Im rabbinischen Judentum der Vormoderne war das Studium von Tora und Talmud noch wichtigste Aufgabe des jüdischen Mannes. Um ihn zu entlasten und die Ausübung seiner religiösen Pflichten zu ermöglichen, waren Frauen, die von den zentralen religiösen Elementen ausgeschlossen blieben, häufig ebenfalls erwerbstätig oder sogar alleine für den Unterhalt der Familie zuständig, erläutert sie. Im Verlauf der Etablierung der bürgerlichen Geschlechterbeziehung seien Frauen dann aus der öffentlichen Sphäre zurückgedrängt worden, hätten aber gleichzeitig innerhalb der Familie deutlich an Status, Macht und Einfluss gewonnen. Das Judentum wandelte sich so fast zwangsläufig von einer 'Religion der Männer zur Familienreligion' (S. 59), die den Frauen die Rolle der 'Priesterin des Hauses' (S. 71) zuwies, so Simone Lässig, die den Geschlechterdiskurs im Zuge der religiösen Modernisierung und der kulturellen Verbürgerlichung untersucht. Andererseits war damit auch gleichzeitig eine generelle Abwertung der Religiosität verbunden. Gleichzeitig wurde der weibliche Körper zum entscheidenden Medium für das Überleben der jüdischen Gemeinschaft, wie Sharon Gillerman in ihrer Studie zur jüdischen Körperpolitik in der Weimarer Republik darlegt. Die unabhängige 'neue Frau', die nur ihren eigenen Bedürfnissen nach Selbstverwirklichung nachkam, stand 'dabei sowohl für das geschwächte moralische Rückgrat des Volkes als auch für den Niedergang seiner Geburtenrate' (S. 211); dagegen wurde die 'häusliche, fruchtbare Mutter, die ihrer 'natürlichen' Berufung als Gebärerin nachkam' (S. 211) zum Symbol 'für gesellschaftliche Gesundung und zum Mittel sozialer Neubelebung' (S. 197).
Wichtigste und vielseitigste Quelle für die deutsch-jüdische Frauengeschichte sind die autobiographischen Texte jüdischer Frauen in Deutschland, argumentiert Marion A. Kaplan. Deren Interpretation ist jedoch problematisch. So hinterfragt Miriam Gebhardt überzeugend die allgemein gängige These von der Doppelfunktion der Frau als 'Sachverwalterin der Tradition und der Modernisierung' (S. 246). Bei einer anderen Lesart der autobiographischen Schriften, die die Quellen nicht nur als 'Faktensteinbruch' (S. 236) in Anspruch nimmt und diese dort, wo sie passen, 'als Mosaiksteinchen in das Narrativ der Historikerinnen' (S. 238) einsetzen, könnten diese auch als Versuch verstanden werden 'eine an sich machtlose Stellung aufzuwerten' (S. 248). Stattdessen plädiert sie dafür, die Schriften hinsichtlich ihrer kommunikativen, historisch-kulturellen und lebensgeschichtlichen Perspektive zu betrachten und als grundsätzlich relationale Erinnerungstexte zu lesen.
Trotz kleinerer struktureller Mängel ' so fehlt z.B. weitgehend eine thematische Verknüpfung der sehr heterogenen Beiträge und die Zuordnung der Aufsätze in die vier Themenkomplexe erscheint teilweise etwas willkürlich ' sind die Herausgeberinnen und Autorinnen ihrem Anspruch gerecht geworden, einen Beitrag für die deutsch-jüdische Geschlechtergeschichte ' insbesondere der Frauengeschichte ' zu leisten, ohne dabei jedoch abschließende und 'fertige' Antworten zu präsentieren. Es sind vielmehr interessante, lesenswerte, innovative und teilweise auch streitbare Studien, die einen Überblick über verschiedene Forschungsfelder der deutsch-jüdischen Geschlechtergeschichte liefern, Fragen aufwerfen und Anstöße zu weiteren Studien und Auseinandersetzungen geben.

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