Titel
Nationalsozialistische Macht in Ostpreußen
Rezension

Lange Zeit war Ostpreußen ein blinder Fleck auf der Landkarte der seriösen und kritischen NS-Geschichtsschreibung. Das hat sich in den vergangenen Jahren langsam gewandelt, wie nicht zuletzt die beiden jüngst erschienenen Bände aus dem Meidenbauer Verlag zeigen: Zum einen Christian Rohrers voluminöse Freiburger Dissertation über 'Nationalsozialistische Macht in Ostpreußen' für die Jahre 1933 bis 1939 und zum anderen der von Christian Pletzing herausgegebene Sammelband.

Dieser geht auf eine Konferenz gleichen Namens 2001 in Lübeck-Travemünde zurück, deren ' zum Glück aktualisierte ' Beiträge er beinhaltet. Historiker aus Polen, Litauen und Deutschland sowie zwei Zeitzeugen präsentieren die Ergebnisse ihrer zum Teil jüngst abgeschlossenen Forschungen. Der Band kann nicht nur als Zusammenfassung des erreichten Forschungsstandes verstanden werden, sondern vielmehr als Impuls für weitere Untersuchungen, derer es noch einige bedarf. Eine eingehende Erforschung der Polenpolitik im Regierungsbezirk Zichenau und der anderen polnischen Gebiete, die nach dem Sieg über Polen an Ostpreußen angeschlossen wurden, steht nach wie vor ebenso aus wie Untersuchungen zu verschiedenen Aspekten Ostpreußens im Zweiten Weltkrieg, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Thematisch zeichnet sich das Buch durch eine große Bandbreite oder, anders ausgedrückt, Beliebigkeit aus, sie umfasst u.a. die NSDAP in Ostpreußen, Gauleiter Erich Koch, die jüdische Gemeinde Königsbergs, die Geschichte der Universität Königsberg von 1932 bis 1934, einen Zeitzeugenbericht zum Massaker in Palmnicken 1945 und einen kurzen Werkstattbericht über ein oral-history-Projekt zur Jugendzeit in Ostpreußen. So sind es vor allem die Lücken, die sich zwischen den einzelnen Aufsätzen auftun, die Anregungen für weitere Forschungsarbeit liefern, weniger die Beiträge selbst, was den Verfassern keineswegs zum Vorwurf gemacht werden kann.

Eine wichtige Forschungslücke hat nun Christian Rohrer, der in dem Sammelband auch mit einem Beitrag zur 'Arisierung' vertreten ist, mit seiner Monographie geschlossen. Auf breiter Quellengrundlage verfolgt Rohrer das Ziel, die Macht von Gauleiter Erich Koch in Ostpreußen und im Gefüge des NS-Staates auszuloten. Indem er zwölf chronologisch angeordnete Fallstudien hierzu anstellt, versucht er zudem, die Macht Kochs nicht als statisches Phänomen zu begreifen und darzustellen, sondern die Machtfülle zeitlich differenziert als dynamischen Entwicklungen unterworfenes Element nachvollziehbar zu machen. Dazu hat er einen schematischen Aufbau der Kapitel gewählt, in denen auf die Skizzierung der spezifischen Problemstellung jeweils eine fundierte Fallanalyse folgt, abgeschlossen von einem konsequent auf die Zielrichtung der Arbeit ausgerichteten Zwischenfazit.
Auf diese Weise gelingt Rohrer zweierlei: Er bietet eine in die Tiefe gehende Darstellung Ostpreußens während des Nationalsozialismus und vor allem auch eine erhellende Analyse der inneren Entwicklung der NSDAP. Zudem legt er minutiös die Mechanismen von Kochs Machtausbau, -entfaltung und -sicherung offen. Das System oder 'Gefüge' Koch basierte auf Faktoren wie einem funktionierenden Netzwerk aus ihm loyal ergebenen Mitarbeitern auf allen Ebenen der ostpreußischen Parteiorganisation, wichtigen Kontakten bis in die Berliner Zentrale, vitalen ökonomischen Interessen, einer soliden materiellen Basis und schließlich einem propagandistischem Geschick. Gerade letzteres erwies sich als wichtig zur Steigerung der Machtzuschreibung von außen, die wiederum Mittel zur Sicherung und zum Ausbau der Macht wurde.

Rohrer schließt mit seiner Arbeit nicht nur eine bislang klaffende Lücke in der Forschung zum Nationalsozialismus in Ostpreußen. Er liefert zudem einen wichtigen Beitrag zur Untersuchung der Stellung der Gauleiter im NS-System und innerhalb der NSDAP. Eine solche Arbeit wäre für die Kriegszeit, die Rohrer ausspart, dringend geboten.

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