Titel
[Die] Bibel in gerechter Sprache
Rezension

'Denn sie wissen nicht, was sie tun.'
Nach Georg Lukács von Karl Marx

Da man nie weiß, was die Zukunft noch bringt: diese fast zweieinhalbtausend Seiten könnten ' verrückt wie diese Welt nun einmal ist ' so mächtig werden wie das Werk Luthers. Wenn man dann, in revidierten Fassungen, Juden beteiligt ' deren Nichtbeteiligung die Aktiven als Mangel empfinden ' wenn man Schwarze beteiligt, überhaupt Farbige (Gott, ist das gerecht formuliert?), also Nicht-Weiße, Behinderte (die in der Bibel bislang nicht gut wegkommen). Homosexuelle wird man auch nicht vergessen dürfen. Wir bräuchten auch eine postkoloniale Übersetzung, die alle Partialitäten, die sich herrschend dominant setzten, ablöst: endlich werden die Rechte der bislang marginalisierten Gruppen sprachlich zur Geltung gebracht, angemaßte besserwisserische Bevormundung liegt dann ad acta, indem man sie einfach selbst macht.

Das nämlich will man im vorliegenden Fall der 'Bibel in gerechter Sprache': eine Übersetzung, die einmal dem 'Ursprungstext gerecht' wird, der dann aber die 'Geschlechtergerechtigkeit' verwirklicht und der den 'christlich-jüdischen Dialog' fortführt (und die antijüdischen Stellen im NT gerecht macht), der schließlich im Blick auf Soziales gerecht ist. Eine 'philologisch korrekte Wiedergabe' müsse nicht 'sachlich richtig' sein, formulieren die Initiatorinnen. Ein mutiger Satz fürwahr, bleiben wir ruhig, sehen wir genau hin. Wenn man eine Wertewägung wagt, und die sog. sachliche Richtigkeit der philologischen Richtigkeit vorzieht, dann hat man eine Tür geöffnet; Tür und Tor geöffnet für Akrobaten, die machen werden, was sie wollen.

Die Argumente sind, was sie sind. In Lev 6,11 stehe: 'alles Männliche unter den Söhnen Aarons [...]'. Luther etwa hatte noch übersetzt: 'wer männlich ist unter den Kindern Aarons [...]'. Also sind es die Nachkommen, Kinder, Enkel, Mädchen und Jungen oder wird nur an die Jungen gedacht? Die sog. Übersetzung der gerechten Bibel unterstellt logische Blindheit, denn 'Männliche unter den Söhnen' ist paradox ' es sei denn, und das ist die Kraft poetischer Sprache, man begreife die Männlichen unter den Söhnen metaphorisch als die Tapferen, die Mutigen, die richtigen Männer, nicht die Memmen. Man mag daran schon sehen, wie es weitergeht: man will eine gerechte Bibel, auch wenn sie es selbst nicht ist. Darum fragt jetzt Klein Erna, die neben mir sitzt und mitliest: wann werden aus den Kamelen der Bibel Jeeps und wann wird das Schwert, das Joschua so erfolgreich gebraucht, zur Kalaschnikow? Tatsächlich steht im hebräischen Text der eben zitierten Stelle (im status constructus) 'benej Aaron'; das muß aber selbstredend übersetzt werden mit: 'die Kinder Aarons'. Also: 'wer männlich ist unter den Kindern Aarons [...]'. So weist auch das große hebräische Wörterbuch von Gesenius Belege nach, wo benej, gerade im Plural, 'Kinder' bedeutet, dann 'die Mitglieder eines Volkes oder Geschlechtes', 'die Kinder Israels'. Die von den gerechten Übersetzern gewählte Verdeutschung dürfte in der Prüfung zum Hebraicum nicht durchgehen; sie muß als falsch bewertet werden. Sie deutet, sie interpretiert, mehr als erlaubt ist. Hier wird in der wirklichen Untat das italienische Wortspiel bestätigt: der tradutore (Übersetzer) wird zum traditore (Verräter). Hier ist nicht das Verständnis des Heiligen Textes am Übersetzen sondern das Vor-Verständnis, die Übersetzung ist nicht gerecht sondern selbstgerecht.

Schauen wir noch auf ein Beispiel, aus demJohannesevangelium (15,1): 'Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist Weingärtner' [gr. ego eimi hä ampelos hä aläthinä, kai ho patär mou ho georgios estin]. Die guten Frauen dichten frei: 'Ich bin der wahre Weinstock und Gott [es heißt aber: ho patär mou, mein Vater] ist meine Weingärtnerin [es heißt aber: ist der Bauer, ho georgios]'. Hier gilt es, einen Mut zur Abstrusität zu bewundern, hier wird der Text unzulässig gebeugt, vergewaltigt. Tiefenpsychologisch holt man in Form der Übertragung am Text das nach, was Frauen real in der Geschichte zugefügt wurde und was sie zu dulden und leiden hatten.
Konsequent wird in der 'gerechten Bibel' dagegen vom 'Einzug ins versprochene/verheißene Land' geredet (nach dem Auszug aus Ägypten, also der Flucht, schwerbepackt mit den spolia Ägyptiorum, dem erschwindelten Schmuck der Fronherren): mit 'Einzug' aber wird verschleiert ' und zwar ungerecht. Der harte Text, besonders Joschua 1-12, ist auch durch inständige Beteuerungen, es sei nicht Geschichte, was da erzählt wird, sondern Gottes Handeln mit den Menschen, nicht aufzuweichen. Es geht um [hebr.] häräm und das ist Vernichtungskrieg, Männer. Frauen, Rinder, Kinder, für alles, was lebt, gilt: Kopf ab. Die Theologie windelt sich seit Jahrhunderten, meist läßt sie die schwierigen Stellen unbeachtet, dann erfindet sie Bürgerkriege, schwächt ab, holt die Archäologie zu Hilfe, die solche Kriege nicht bestätigen könne usw. usf. Verdeckt wird so eine Erfahrung, die von den Israeliten damals, als sie Ägypten verließen, dem Sklavenhalter entflohen, zu machen war: die Erfahrung der vollzogenen Verteilung. Da war schon jemand im Gelobten Land, wo immer auch herkommend. Gerade wenn man die Übersetzung, die allein mit der Philologie nicht auskomme und Sachkenntnis benötige, durch kulturwissenschaftliche Erkenntnisse absichern will, und so dazu kommt, Frauen auch dort zu sehen, wo sie nicht genannt sind, dann wird man diese Ur-Erfahrung der Menschheit nicht vergessen dürfen; es waren schon, als man vorgeblich quasi feierlich einzog (wie Jesus auf dem Esel in Jerusalem), einige da. Die üblichen Verdächtigen, Ammoniter, Moabiter, die Bibel nennt hier eine ganze Latte.

Die biblische Geschichte ist auch (weltliche) Geschichte, die, als Heilsgeschichte konstruiert, erfahren wird (von gläubigen Subjekten). So aber, wie die Sachen jetzt in die Worte geschlüpft sind, empört sich die Vernunft. Man, also Frau, blendet etwas aus, was zu den Ur-Erfahrungen der Menschheit gehört: daß der Igel schon immer da war. Hören wir, was da geraunt wird: 'Die hier aufgezählten Völker hat es zur Zeit der Entstehung des 5. Buches der Tora gar nicht mehr gegeben' ' o Sancta Simplicitas! Gott, kann man so betriebsblind sein? Aber doch zur erzählten Zeit hat es sie gegeben, freilich wurden die Texte Jahrhunderte nach ihrer Berichtszeit abgefaßt. 'Das nachfolgende Gebot, diese Völker zu vernichten (das sogenannte 'Banngebot' [jedes Kind lernt doch schon im Kindergarten, daß 'sogenannt' dann überflüssig ist, wenn ' ...' folgen]) hat nachweislich in Israel nie Anwendung gefunden.' (S. 2286) Wer liefert diesen Nachweis? Die gerechten Übersetzer sonnen sich im Bewußtsein, daß diese Sätze fiktiv sind (was sie als literarischer Text sowieso sind). Darum geht es doch theologisch gar nicht: ob solche Ereignisse wirklich stattgefunden haben. Daß sie billigend in Kauf genommen werden (juristisch formuliert), ja, daß sie bewußt erfunden werden, genauer noch: daß sie als gewolltes Moment in die Identität ' um die es doch gehen soll ' aufgenommen werden, läßt die Vernunft thaumazein (Platon, staunen). Selbst wenn häräm nicht stattgefunden haben sollte, wenn es z.B. Assimilation gab: umso schlimmer, daß so getan wird, als sei das geschehen, als ob man heldisch, immer unterstützt von JHWH, dem Gott der militärischen Gewalt, zu den Siegern der Geschichte gehöre. Daß Gewalt ausdrücklich als Mittel der Subsistenzsicherung legitimiert wird, läßt das Denken schaudern. So einfach kann man sich nicht aus der Schlinge ziehen. Indes: der Glaube versetzt Berge.

Die Bibel, besonders auch das Frühe, das Erste Testament (man scheut sich, diese richtigere, gerechtere Formulierung zu wählen, wird sie aber dann gebrauchen müssen, wenn man Juden beteiligt bei der revidierten Fassung, indes sieht man durch das Zweite besser), ist nicht allein Heilsgeschichte (so wie die Ilias, die Odyssee nicht allein Poesie sind), da gibt es einen ' oder zwei ' harte reale Kerne. Zur Heilsgeschichte wurde sie erst durch eine gläubig-religiöse Transformation gemacht, durch eine Poetisierung, eine Sakralisierung (die später durch Säkularisierung zurückgenommen werden konnte). Das Material der Bibel ist, was wirklich da unten geschah: mit einem kleinen Hirtenvolk ' ihr seid nicht das größte unter den Völkern, sagt ihm sein Gott ', umgeben von gierigen Großmächten, in einer teils ariden Landschaft lebend, die immer wieder dazu zwang, Weidewechsel durchzuführen, Transhumanz, ein Volk, das immer wieder Land nomadisch verließ, aufgab, das dann später aufwendig zurückerobert werden mußte. Letztbegründende Konsistenz erhält das bunte Treiben der ÜbersetzerInnen durch die theologische, religiöse Imprägnierung; sie wertet um. Was wirkliche Ereignisse waren (die uns allerdings in ihrer faktischen Konkretheit dunkel bleiben), gerinnt ihr zu göttlichem Handeln. Man darf dies weiter beobachten: Mitbewerber um Land, Konkurrenten, werden auch in der 'gerechten Bibel' zu Feinden Gottes stilisiert, die man umbringen muß, weil sie gottverhaßte Sünder sind. Man darf sich im Mittelmeer-Raum umschauen, wenn man den Einzug ins Gelobte Land verstehen will. Man darf an Thukydides denken, an dessen Geschichte des Peloponesischen Krieges und den unsterblichen Melierdialog (den Dialog der Athener mit den Bewohnern der Insel Melos), wenn man die Inszenierung der Landnahme in der Bibel verstehen will. Die Athener kommen und sagen: ihr lieben Melier, wir wollen mit euch Handel treiben. Die Melier wollen nicht. Die Athener sind lieb und bieten den Warentausch noch mehrfach an. Die Melier aber stellen sich taub, da reißt den guten Athenern der Geduldsfaden, sie machen häräm: für die Männer heißt das Kopf ab, Frauen und Kinder, Geschäft ist wichtig, werden fürchterlich nutzbringend funktionalisiert, als Sklaven verkauft. Die Athener, die doch auch die abendländische Kultur miterfunden haben, kehren, ohne Skrupel, ihre Macht hervor und setzen sie ohne mit den Wimpern zu zucken brutal ein [vgl. dazu auch R. Koselleck, Begriffgsgeschichten, Frankfurt am Main 2006, S. 40; besprochen im aktuellen WLA]. Es ist ganz unerfindlich, warum es in der Bibel, die nicht nur Heiliger Text ist, sondern auch Geschichte abbildet, anders zugehen sollte. Die Bibel hat einen Doppelcharakter, sie ist wirkliches Ereignis und Heilsgeschichte, inszeniertes Gefühl von Gläubigen, Tatsache des Bewußtseins von Gläubigen.

Ein weiteres 'Ungerechtes': Immer, wenn man weg war, tanzten die Mäuse auf dem Tisch; z.B. nahm sich das zurückgebliebene Volk, als die Elite an den Ufern des Euphrats im Exil schmachtete (und bald auch gut lebte und nicht mehr ins Gelobte Land zurück wollte), da nahm sich das Volk, dieser große Lümmel (H. Heine) fremde Frauen. Und diese Frauen hatten doch schon den weisen König Salomo zum Abfall bewegen wollen. Horribile dictu et auditu für jene, die Identität, ' so sagt man ' Reinheit des Glaubens wollen (war es nur die Glaubensreinheit?). Hören wir in die Einleitung zur Übersetzung des Buches Esra: 'Auch waren Jüdinnen und Juden mit nichtjüdischen Ehepartnerinnen und Ehepartnern verheiratet, was den Idealen religiöser Praxis, wie es [recte: sie] die jüdische Oberschicht in Babylon entworfen hatte, nicht entsprach. Das im Buch erzählte Ringen um jüdische Identität [...]'. So aber weiter: 'Die christliche Lektüre muss sich vor antijudaisierenden [!] Lesarten hüten, die in Esra hauptsächlich Strategien jüdischer Abgrenzung lesen.' Die Vernunft bleibt ruhig, wehrt sich aber, das läßt sie mit sich nicht geschehen. Denn: 'Damit endet die Geschichte, wenn sie von den fortgeschickten Frauen berichtet, die Kinder hatten' (S. 1385). Bekamen die eine Ausstattung mit? Eine Entschädigung, wer zahlte die Alimente? So geht das doch nicht. Hier sind ante literas Jesuiten mit ihrer Ethik am Werk: der Zweck heiligt die Mittel. O tempora, o mores! Das ist eine falsche Rücksichtnahme. Hier bleibt Redebedarf, denn es bleibt dabei, daß 'fremde' Frauen in die Wüste geschickt werden, mit ihren Bälgern. Das ist ein Akt barbarischer Inhumanität, der nicht mit der Sorge um den reinen Ritus gerechtfertigt werden kann. So wie das schon Hagar widerfuhr: die Folgen spürt man heute noch. Sie wurde verstoßen zur Ur-Mutter aller Araber und so zum Erbfeind aller Auserwählten. Das kann man auch als karmische Krümmung sehen (ein Terminus des Modephilosophen P. Sloterdijk). Vielleicht findet man ja den richtigen Weg doch noch: denn die Prophetin Noadja sei eine Gegnerin Nehemias (der auch die Frauen in die Wüste schickt), 'Möglicherweise setzt sie sich für die Erhaltung der Mischehen ein, wie die Prophetin Mirjam in Num 12.' Inzwischen merke man und frau ein Merke!: Identität darf jeder bauen, aber nicht auf der Basis von Inhumanität.
Strukturhomologe Sorglosigkeit der Übersetzer zeigt diese Anmerkung: 'Dass zur Erziehung die körperliche Züchtigung der Kinder gehört, ist allgemein akzeptierte Auffassung in der Antike.' (S.2310) Es geht also um die sattsam bekannte ersttestamentliche Pädagogik, die empfiehlt, den Knaben zu prügeln, wenn er nicht pariert. Weißgott, ja; Samthandschuhe waren nicht im Warenkorb. Mit der selbstgewissen Feststellung: es war damals weit verbreitet, ist doch das Problem nicht gelöst. Wo ist das Aschenputtel, das die guten von den schlechten Erbsen trennt? Wer sagt mir armem Gläubigen, der doch wie bei Kafka auf die kaiserliche Botschaft wartet, was ich tun soll, was wahr ist? Bestimmtes im Heiligen Text ist doch 'wohl' (ein oft gebrauchtes Adverb) unwahr?

Die gute deutsche Sprache muß sehr leiden, aber das sagte schon Luther: 'wer frum seyn will, der mus leiden'. Das beginnt mit dem fehlenden Artikel im Titel [Bibel in gerechter Spreche], das ist bestenfalls ein Slawismus. Es kommt aber schlimmer. 'Da schickte Adonaj, also Gott, sie fort aus dem Garten Eden [...]. So vertrieb sie [!] die Menschen [...] (S. 35). Das maskuline Substantiv 'Gott' wird pronominal ersetzt durch 'sie': Das hat die deutsche Sprache noch nicht erlebt, ein Wahnsinn; das ist Carneval, aber nicht deutsch. Grammatisch ist das grober Unfug, eine Verhunzung der Sprache unserer Mütter und Väter. Das ist, ohne daß man zum extremen Sprachreiniger wird, obszön. Unsere schöne Sprache verdient solch ruppigen Umgang nicht. Vollends affig wirkt die Übersetzung dort, wo 'die Ewige' gehäuft auftaucht, etwa S. 2117; da hätte doch 'die Gottheit' eine Lösung gebracht.

Goethe übrigens soll nach der Meinung bestimmter Interpreten das Göttliche weiblich gedacht haben. Der mysteriöse Schluß des zweiten Faust wird so gedeutet: das ewig Weibliche zieht uns hinan. Der Frankfurter Meister wußte aber sehr wohl zu unterscheiden zwischen dem symbolischen Ausdruck und der Sache selbst und an sich. Gott als Mann oder als Frau zu denken, bedeutet, seine Erscheinung zu anthropomorphisieren. Wohl, das mag in der Exegese, in der Homiletik gehen. Man darf an Abu Bakr Ibn Tufail denken, der wußte, daß große Teile des Volkes 'gemäß dem menschlichen Erfassungsvermögen einen höheren Sinn nur bildlich-anschaulich' fassen können. So hatte das auch im 18. Jahrhundert der Fabeldichter Gellert gesehen; seine fabulosen Erzählungen dienten dazu, 'dem, der nicht viel Verstand besitzt, die Wahrheit durch ein Bild zu sagen'. Gott ist das ganz Andere, das Ding an sich selber, das nicht mit den Erscheinungen vertauscht werden darf. Das Ding an sich aber bleibt uns ein ignotum.
Wortspielend kann man so sagen: wenn man eine gerechte Bibel will, die der eigenen Meinung mehr entgegenkommt, die einem in dreitausend Jahren evolutionär entfalteten Geist mehr entspricht, dann muß man das exegetisch machen, interpretatorisch, aber nicht translatorisch.

Auch Hebraismen werden nicht vermieden: so heißt es gleich zu Beginn: Tag eins. So steht es tatsächlich im Hebräischen; aber, wer dessen Grammatik kennt (und nicht wie die alten Rabbinen auf eine solche verzichtet) weiß, daß diese Sprache sparsam mit Verben umgeht. Richtig übersetzt muß es natürlich heißen: Das war der erste Tag. So auch beim zweiten Schöpfungstag; der heißt jetzt biblisch gerecht: ein zweiter Tag; das ist Unfug, denn es ist ' determinierter Nominativ ' der zweite Tag, überhaupt der zweite Tag aller noch kommenden Tage.
Aber auch das, was man nicht verschweigen sollte, findet sich in der 'gerechten Bibel': der umfangreiche Anmerkungsteil (als Endnoten gesetzt, S. 2280-2327, zur Arbeitserleichterung hätte man gern die Seitenzahlen bei den Anmerkungsziffern, insgesamt 797, gesehen) liefert teils sehr gute sprachliche Erläuterungen, im Glossar (S. 2331-2382), das problematische Begriffe erläutert, sogar mit hebräischen und griechischen Buchstaben. Um doch noch etwas Gutes zu sagen, es gibt gelungene Translationen: 'Seid fruchtbar, vermehrt euch, füllt die Erde und bemächtigt euch ihrer. Zwingt nieder die Fische des Meeres, die Vögel des Himmels und alle Tiere, die auf Erden kriechen.' Das ist fast die Sprachmelodie des großen Reformators und die Anmerkung zu dieser Stelle präzisiert noch einmal deutlich, was Sache ist. 'Jede Abschwächung würde gegen den Text das darin liegende Maß von Gewalt verdrängen.' Glückwunsch! Hier ist es Gewalt gegen die Natur, aber sie ist strukturhomolog zum Gebrauch der Gewalt in der Erziehung.

So gilt auch hier, für diese Übertragung, die keine Übersetzung ist, was der preußische Junker notiert: 'In Eurem Kopf liegt Wissenschaft und Irrtum geknetet, innig, wie ein Teig, zusammen' (der Gerichtsrat Walter zum Dorfrichter Adam in Kleists Lustspiel vom zerbrochnen Krug).

Und die Frauen! Mann darf unterstellen, d.h. das ist gar nicht zu übersehen, daß hier feministische hardlinerinnen der ersten Stunde (heute schon anachronistisch) am Werkeln waren. Etwa: die Gott schafft Adam und dann Eva. 'Die soll Ischscha [hebräisch korrekt], Frau, genannt werden, denn vom Isch [hebräisch korrekt], vom Mann, wurde sie genommen!' Wenn man schon dem 'Ursprungstext gerecht' werden will, dann hätte hier Luthers geniale Neubildung 'Männin' beibehalten werden müssen; sie bildet genau das Hebräische im Deutschen nach [ischa: Mann, ischscha: Männin]. 'Frau' ist nur über einen gelehrten Umweg, der der intendierten, doch tendenziell weniger gelehrten Leserin weniger bekannt sein dürfte, zu retten ('vrô' heißt im Althochdeutschen Herr und die vrouwe, später Frau, ist die Herrin, allerdings kommt dann eine politische Konnotation: die das Haus beherrschen, ins Spiel, die im Text zunächst nicht mitgemeint ist).

Nicht verschwiegen wird 'die Vermutung, dass es auch Frauen unter den Priestern gibt' (was heute noch im orthodoxen Judentum nicht möglich ist). Solche Vermutungen und adverbiale 'wohl' oder 'hohe Wahrscheinlichkeit' (S. 2306) gehören nicht in einen wissenschaftlich fundierten Text. Alle kulturwissenschaftliche Reflexion spricht gegen diese sog. Vermutung: Frauen sind während der Menstruation unrein, aber auch noch sieben Tage danach (was die Autorinnen wissen, S. 2289); also eher als Priesterinnen wie im Montageeinsatz auf einer Ölbohrinsel: 14 Tage Arbeit, vierzehn Tage Ruhe. Ob man da nicht eher doch an 'Kultprostituierte' (S. 2290) denken muss?
Der Versuch, die gewollte feminine Gerechtigkeit herzustellen ' was immer das auch ist ' führt ohne Ende zu Absurditäten: 'Da ließ Adonaj, also Gott, einen Tiefschlaf auf das Menschenwesen fallen, dass es einschlief, nahm eine von seinen Seiten und verschloß die Stelle mit Fleisch' (S. 34). Was ist das für eine Seite? Warum bleibt man nicht bei Luthers 'rippen'? Man kann endlose Listen aufzählen, wo auf Biegen und Brechen und Deuwel komm raus feminisiert wird, man bricht solche Sumpfblütenlesen gern ab.

Die Bibel in gerechter Sprache vollzieht eine ' gelehrt formuliert ' metabasis eis allo genos, eine Wendung, einen Sprung in ein anderes Genus; sie velwechsert (E. Jandl) Übersetzung mit interpretierender Exegese. Quod licet Jovi ... Was die Auslegung allenfalls darf, ist der Übersetzung nicht erlaubt. Aber, der verständliche Grund ist klar: man hofft so, Leser, Gläubige gewinnen zu können. So sagt es jedenfalls der Kirchenpräsident im Geleitwort: man hoffe, 'dass diese Übersetzung Frauen und Männer zum Lesen der Bibel lockt, die es bisher nicht getan haben'.
Die feministischen Männinen dürfen die Bibel nach ihrem Gusto auslegen, die Bibel kann sich nicht wehren; sie können aber keine allgemeine Zustimmung erwarten für ihr Treiben; das ist modisches Spiel. Sie dürfen nicht eine perspektivisch focussierte Deutung als Übersetzung verkaufen. Das ist Schwindel, Etikettenschwindel. Daß die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau diese Arabeskenmalerei mit viel Geld gefördert hat, ist so unerforschlich wie oftmals der Ratschluß Gottes. Immerhin hat die Evangelische Kirche Deutschlands eine Kanonisierung verhindert, eine Akkreditierung dieses Machwerks durch eine vom Macherteam gewünschte hochoffizielle, feierliche Präsentation in einem Festakt am Reformationstag, dem 31. Oktober, etwa im Berliner Dom mit dem Herrn Bundespräsidenten. So mußte man auf den Markt der Medien, die Frankfurter Buchmesse.

Hinter diesen sehr ernsten Scherzen steht amerikanische political correctness; man will in diesem Land, das Bushkriege führt, die Sprache inklusiv (deutsch: gerecht) gebrauchen (inclusive language): man will alles sagen, auch wenn es nicht ausdrücklich dasteht. Also etwa: nicht 'Familie Müller war im Kino', sondern: 'Herr Müller, Frau Müller und die Kinder Joseph und Maria waren im Kino.' Damit wird eine Ausdifferenzierung verlangt, die in the long run die Sprache zerbrechen läßt. Was hier nicht bewiesen werden kann; es sei als Denkzettel ein Hinweis gegeben: das Gotische kannte noch den Dual, er wurde hinausgemendelt, weil er die Sprache unnötig kompliziert macht (ähnlich wie das Hebräische eine männliche und weibliche Form in der zweiten Person in der Konjugation kennt). Das Deutsche ist eine mitmeinende Sprache; im Römischen Recht gilt der Satz: 'Verbum hoc 'si quis' tam masculos quam feminas complectitur (Corpus Iuris Civilis Dig. L, 16, 1) [Das Wort 'wenn jemand', 'wenn irgend wer' umfaßt sowohl Männliches wie Weibliches.]

Indes, bei aller Kritik, die fundiert nötig ist, weiter gilt: amicus Plato, magis amica veritas. Wir brauchen die Bibel ' aber nicht in dieser Form: sie wird in die Annalen eingehen als unglaubliches Monument einer kompletten Verwirrung und Verirrung. Die Bibel aber wird das überleben; sie ist unverzichtbar, nur zu unserem schlimmsten Schaden könnten wir vergessen, was sich in diesem gewaltigen Text an jahrtausendelangen menschheitlichen Erfahrungen sedimentiert hat, z.B. nur die vielen, wohlverstanden großartigen, ethischen Maximen, etwa die Sorge um die Armen, die Witwen und Waisen. Die Bibel ist auch schon eine road map für Hartz 4 (vgl. etwa Dtn 14, 28f, ansonsten aber: Erwin Leibfried, Die Bibel, dargestellt für die Gebildeten unter ihren Verächtern, bislang 4 Bde., Fernwald 2003ff.).

Was die guten Bibelübersetzermenschen und -menschinnen meinen, ist dies: die Bibel ist bestimmt von der Herrschaft des männlichen Blicks. Ja, da ist nichts zu beschönigen, das ist so. Frau ist dort ein Mensch, aber zweiter Klasse. Genauso ist es mit der Gewalt; die Bibel propagiert sie, Sünder werden hingerichtet (denke an die 3000 Goldkalbtänzer, denke an die gottgesegnete Tat des Pinschers Pinchas, der Lynchjustiz macht!). Das kann durch eine Übersetzung nicht retuschiert werden, wer das will, muß es anders machen. So lange aber bleibt die Bibel asymmetrisch. Sie ist Gotteswort, aber in die korrumpierende, deformierende Gebrechlichkeit geworfen.

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