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Eine Kulturgeschichte von der Erfindung des Feuers bis zur Moderne
Rezension

Wissenschaftliche Literatur hat es, wie so Vieles in dieser Welt, schwer; weithin kann sie nicht ohne massive Druckkostenzuschüsse erscheinen. Das liegt daran, wie bekannt ist, daß die Nachfrage zu gering bleibt; das wiederum liegt auch daran, daß ' bei enorm hohen Buchpreisen ' die Gelder der öffentlichen Bibliotheken begrenzt sind (was sich den klammen staatlichen Etats verdankt). Die wissenschaftliche Arbeit kann sowieso nur mit wenig Fachlesern rechnen; das wußte schon vor langen Jahren Emil Staiger, damals bekannter Schweizer Literaturhistoriker: 'Kollegen sind selten lesebereite Konsumenten'. Auf Laienleser aber darf der (deutsche) Fachautor kaum hoffen; er gilt nämlich als unverständlich (oder auch: er ist es). Er schreibt fachchinesisch und im Elfenbeinturm; seine Texte ' zumal, wenn er Geisteswissenschaftler ist -,  sind gerade dort, wo sie als innovativ gelten, modisch überdreht. Sie hecheln unterm Postulat des wissenschaftlichen Fortschritts hinter Chimären her, die im Wolkenkuckucksheim herumflattern, aber keine Bodenhaftung mehr haben. Sie fallen unter eine Diagnose, die Husserl schon in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts stellte: sie haben ihre 'Lebensbedeutsamkeit' verloren.
Der Autor Peter Watson, geboren 1943, ist Journalist und strotzt vor Gelehrsamkeit, das muß man neidlos festhalten. Seine Zettelkästen müssen sehr umfangreich sein, seine Zeit als Redakteur von New Science dürfte hier nützlich gewesen sein. Manche Partien lesen sich wie aneinandergereite Rezensionen einzelner Bücher (etwa 246f.). Hinzu kommt persönlicher Kontakt mit vielen Wissenschaftlern, etwa auch israelischen Archäologen. Was diese über 1200 Seiten zeigen, ist die bei uns so sehr zu vermissende angelsächsische Stilistik, die Wolf Jobst Siedler zu der Bemerkung veranlaßte: eine Geistesgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, die sich wie ein Unterhaltungsroman liest. Also locker, verständlich, ein Steinbruch des Wissens, je aktuell, ein Lesebuch voller narrativer Episoden. Man darf staunen über ein Land, das Leser für solche Texte findet, einen Verlag bewundern, der wagt, so etwas einschließlich Übersetzung zu produzieren. Allerdings hat dieser Schreibstil auch seine Gesetze, seine Vor- und Nachteile, seine Schattenseiten: viel Erzähltes bleibt in der Narration, erreicht nicht die Argumentation, Vieles ist Genesis, die Geschichte der Findung; dabei gerät das Gefundene ins Hintertreffen. Also auch: breit, aber nicht immer tief, eben Unterhaltung, Roman. Kapitel 7, das dem Judentum gewidmet ist, erzählt ausschließlich die Geschichte des Tanach (also des Alten Testaments). Dabei werden auch schon mal Positionen referiert, die aufhorchen lassen: so, daß der Elohist früher als der Jahwist sei. Das scheint englische Theologie zu sein. Global ist das allenfalls eine Minderheitenmeinung. Der Jahwist ist etwa noch viel zu polytheistisch, auch zu barbarisch, der Elohist ist geschmeidiger. Wer hier Genaueres wissen will, wird Spezialliteratur heranziehen müssen.
Sympathisch bei Peter Watson ist, mit welcher Vorsicht er wissenschaftliche Positionen referiert; immer wieder heißt es 'wohl', 'wahrscheinlich', 'Wenn diese Sicht stimmt ...'. Watson stellt auch kontroverse Forschungslagen dar und überhaupt oft recht unbekannte Felder (Entstehung der Sprache, der Schrift). Als Engländer vertraut er auf die Empirie, auf das, was er als Fakten gefunden hat. Deshalb gerät oft eine rationale Rekonstruktion, die Fakten gar nicht so sehr braucht (diese ändern sich immer), nicht in den Blick: so wird etwa nicht bekannt, daß der fountainhead, der Urquell aller Schrift, die Spur der Tiere ist: im Sand am Strand, im Gras der Steppe. Aus diesen Eindrücken und den so entstehenden Zeichen für etwas ... entfaltete sich die Erfahrung von Ausdruck und Bedeutung: das war ein Löwe, das waren zwei Vögel, das war eine Herde Bisons etc. Jene Menschen, die hier im Entziffern fitter waren, hatten Entwicklungsvorteile. Watson kennt aber natürlich die Rolle differenzierender Arbeitsteilung im Leben als Überleben, im Prozeß der Lebensmittelgewinnung, als Sammler, Bauer, Viehzüchter, Hirte, Nomade, als Waren-Vermittler (Kaufmann). Dabei ist immer schon soziale Schichtung, oben-unten, arm-reich, Herr-Knecht, Glück-Pech. Aus der Selbstverteidigung entwickelt sich die Kriegerkaste, im mittleren Europa die Ritter. Und, weil der Mensch auch krank wird und nicht vom Brot allein lebt, aus den Heilberufen der Magier, der Medizinmann (Schamane), der Priester und der Verkünder überirdischen Heils.
Der Band bietet ein breites Spektrum: er kennt die 'Geburt der christlich-sakralen Kunst' genau so wie 'Bagdad und Toledo', also den Islam; Indien, China sind im Blick, also eine wirklich globale Darstellung (gerade bekanntlich heute unverzichtbar). Dabei beleuchtet Watson auch, was sonst vergessen ist: etwa bei den 'arischen Wanderungen', nach Indien, nach Griechenland: man fand eine Urbevölkerung vor, in Indien die drawidische, in Griechenland das ägäische Substrat.
Andererseits fehlt da und dort auch Verschiedenes, was einfach nicht unterzubringen war. So wird Anaximander behandelt, auf dessen Vorstellung vom Ursprung hingewiesen, auf das Apeiron, das Unbegrenzte, daß er die Welt als von Gegensätzen bestimmt sieht (kalt-heiß, flüssig-fest). Nicht in den Blick gerät allerdings seine Vorstellung von einer allwaltenden ausgleichenden Gerechtigkeit: Woraus die Dinge entstehen, dahinein ist auch ihr Vergehen (das biblische Staub bist du), dann sie zahlen einander Buße nach der Zeit Ordnung. Bei Platon fehlt die zentrale Erkenntnistheorie, bei Aristoteles dessen Hylemorphismus. Über die Tragödie wird viel erzählt, Aischylos habe 72 davon verfaßt usw. Doch was nutzt das, wenn keine wirklich konkret vorgestellt wird, etwa die von den Hiketiden, den ersten literarischen Asylsuchenden dieser Erde? Je eine halbe Seite zu Herodot, zu Thukydides: wo doch dessen Melier-Dialog so unverzichtbar ist. Hier helfen auch das imposante Personen- und Sachregister nicht und die 75 Seiten Anmerkungen (als Endnoten).
Nehmen wir noch einmal Shakespeare: viel Erzählung, die auf der Oberfläche plätschert, Daten, Fakten, aber keine Gedanken. Nur in den letzten Absätzen, zum Höhepunkt gesteigert, werden die wichtigen Passus von Harold Bloom herangeholt. So bleibt die Partie aber eine glänzende Werbung für den Dramatiker. Man will danach nach ihm greifen.
Und, positiv: Watson sieht überall Strukturhomologien, zwischen Buddhismus und Christentum (S. 203), zwischen Platon und Buddha, Franz von Assissi und Buddha, zwischen Gilgamesch und Homer. Das ist gerade heute, postkolonial und global, die notwendige Blickrichtung. Watson entdeckt hier universalistische Strukturen, die zu einem Weltethos (Küng) gehören.
Bei aller Kritik hat Peter Watson ein Buch geschrieben, das man gern liest. Man darf jedem gratulieren, der es sich leistet, und die Zeit hat, durch diesen Seitenwald hindurchzuwandern. Für den Kamin an dunklen Tagen.

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