Titel
Aufzeichnungen aus dem Versteck
Untertitel
Erlebnisse eines polnischen Juden 1939-1946
Rezension

Nach jahrzehntelanger intensiver Erforschung der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden und nach einer wahren Flut publizierter Tagebücher und Erinnerungen gibt es noch immer erstrangige Entdeckungen zu machen. Die von Barbara Schieb und Martina Voigt ausführlich und kenntnisreich kommentierten Aufzeichnungen von Frederick Weinstein gehören zweifellos dazu.

Frederick Weinstein, der heute in den USA lebt, verfaßte 1943 und 1944 in einem Kellerversteck in Warschau umfangreiche Aufzeichnungen über seine Erlebnisse während der deutschen Besatzung Polens seit September 1939. Entstanden ist so unter außergewöhnlichen Umständen ein detaillierter, facettenreicher und schonungsloser Bericht über jüdisches Leben unter deutscher Okkupation.

Weinstein wird 1922 als Sohn eines assimilierten jüdisches Zahnarztes und seiner Frau geboren, die mit ihren drei Kindern ab 1931 in Lodz wohnt, wo der Vater eine eigene Praxis gründet. Weinstein besucht nach der Schule eine Fachoberschule für Mechanik. Der Überfall der Deutschen auf Polen beendet jäh seine Ausbildung. Die Familie flieht wie hunderttausende andere Familien auch vor den anrückenden Deutschen nach Osten. Eindrucksvoll schildert er das Chaos der ersten Kriegstage und vor allem die grausame Brutalität, mit der die deutschen Flieger Flüchtlingskolonnen unter Beschuß nehmen und zahlreiche Zivilisten töten. Nach der Rückkehr der Familie nach Lodz verschlechtert sich ihre Lage zusehends. Bedroht von plötzlicher Vertreibung durch die Deutschen und zunehmender Feindseligkeit vieler Polen entschließt sich der junge Weinstein, nach Warschau zu gehen, um dort Arbeit zu finden. Sein Vater geht mit der Familie in die Kleinstadt Gniewoszow im Generalgouvernement, in der sie unter verblüffend guten Umständen eine neue Existenz begründen können.

Eindringlich beschreibt Weinstein die Lebensbedingungen eines Juden im besetzten Polen: Die Schwierigkeiten eine Arbeit zu finden, den täglichen Verfolgungsdruck und Überlebenskampf, sadistische Quälereien deutscher Aufseher und eine in weiten Teilen gleichgültige oder oft auch feindliche Haltung der polnischen Bevölkerung. Die zunehmenden Schwierigkeiten in Warschau zwingen Weinstein schließlich, die Stadt zu verlassen und zu seiner Familie zu ziehen, die noch in relativer Ruhe lebte. Nachdem im Frühjahr und Sommer 1942 die Verfolgungsmaßnahmen der Deutschen auch die Kleinstadt in vollem Umfang erreichten, flieht Weinstein zurück nach Warschau in das dortige Ghetto, aus dem die ersten Züge ins Vernichtungslager Treblinka rollen. Zunächst entgeht er den Deportationen, da er Arbeit in einem Rüstungsbetrieb findet. Als auch hier die Gefahr immer größer wird, versteckt er sich in einem Kellerversteck außerhalb des Ghettos, wo er die deutsche Besatzung überlebt.
Weinsteins Aufzeichnungen sind ein historisches Dokument von besonderem Rang, nicht nur weil sie noch während der Besatzung geschrieben wurden. Vor allem sind es die Schonungslosigkeit gegen sich und andere, mit der Weinstein erzählt, und die Nüchternheit, mit der er das tut. In nur wenigen Berichten erhält man ein derart umfassendes und plastisches Bild vom Alltag und den Nöten der verfolgten Juden im besetzten Polen, von der inneren Zerrissenheit vieler jüdischen Gemeinden, von der Gefahr, die von antisemitischen Polen ausging, und von der Brutalität deutscher Besatzungspraxis. Der ausführliche und quellengesättigte Kommentar der Herausgeberinnen ergänzt nicht nur Weinsteins Bericht, wo dieser nicht über die notwendigen Informationen verfügte, sondern gibt tiefe Einblicke in die historischen Umstände. Allerdings ist der Kommentar viel zu ausführlich geraten, was den Lesefluß doch erheblich stören kann. Vieles wäre in einer historischen Einleitung oder einem Nachwort besser aufgehoben und vor allem lesbarer gewesen.

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