Titel
Kein Recht, nirgends
Untertitel
Tagebuch vom Untergang des Breslauer Judentums 1933-1941
Rezension

Nach den 1995 unter dem Titel 'Verwehte Spuren' veröffentlichten Erinnerungen Willy Cohns sind nun seine Tagebücher der Jahre 1933 bis 1941 in zwei Bänden erschienen, die wie durch ein Wunder fast vollständig erhalten geblieben sind. Sie legen ein beredtes Zeugnis 'vom Untergang des Breslauer Judentums' ab, wie der Untertitel treffend lautet. Willy Cohn war bis zu seiner Zwangspensionierung 1933 Studienrat an einem Breslauer Gymnasium. Zudem hatte er über die Grenzen Deutschlands hinaus durch zahlreiche Publikationen Anerkennung als Historiker des Mittelalters gefunden. Cohn, Vater von fünf Kindern, war ein praktizierender Jude, der in der jüdischen Gemeinde Breslaus sehr aktiv war, aktiver Zionist und konservativer Patriot.
Unerschütterlich hielt er trotz der zunehmenden Ausgrenzung und Verfolgung an seinem Patriotismus fest. Wenige Tage nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen notierte der Breslauer Jude Willy Cohn am 11. September 1939 in sein Tagebuch: 'und doch würde ich mich zur Verfügung stellen, wenn Deutschland mich brauchte. Ich halte seine Sache trotz allem für gerecht.' (S. 690) Am 7. Oktober 1939 schreibt Cohn gar über Hitler: 'Die Größe des Mannes, der der Welt ein neues Gesicht gegeben hat, muß man anerkennen.' (S. 703) Immer noch vermochte er es, sich seinen Patriotismus zu bewahren und vermeintlich positive Seiten des Regimes zu sehen. Zugleich registrierte er seit Kriegsbeginn einen wachsenden Antisemitismus in der Bevölkerung, der auch in seinen Alltag mehr und mehr eindrang. Er mußte sich auf Spaziergängen beschimpfen lassen, ohne sich dagegen wehren zu können. Die Einkaufsmöglichkeiten wurden zunehmend beschränkt und sein Babier, ein überzeugter Nationalsozialist, durfte ihn nicht mehr rasieren, tat dies aber im Verborgenen weiter.
Am meisten jedoch trafen Cohn Einschränkungen auf einem anderen Gebiet: Seine wissenschaftliche Arbeit wurde zusehends schwieriger. Nicht nur die Publikationsmöglichkeiten für Juden wurden immer rarer, auch die Nutzung von Bibliotheken und Archiven blieb ihm schließlich verwehrt. Dennoch widmete er sich, so gut es ging, seinen Forschungen zum Mittelalter und zur jüdischen Geschichte. Zuflucht bot ihm das Diözesanarchiv und die Dombibliothek, wo er ungehindert arbeiten konnte, Gesprächspartner fand und auch Zeichen der Solidarität und Hilfe erfuhr. Cohn schrieb im Auftrag Leo Baecks zahlreiche Artikel über jüdische Gemeinden und ihre Geschichte für die geplante 'Germania Judaica' und publizierte in der jüdischen Presse. Dadurch und durch eine ausgedehnte Vortragstätigkeit in den jüdischen Gemeinden Deutschlands konnte er unter Schwierigkeiten die materielle Situation der Familie etwas aufbessern. Cohns Tagebücher vermitteln durch seine umfassende Kulturarbeit einen Einblick in das jüdische Kulturleben und den Zionismus im nationalsozialistischen Deutschland und die zunehmenden Einschränkungen seitens des Regimes.
Aus den Tagebüchern erfährt der Leser viel über eine jüdische Gemeinde im Nationalsozialismus. Am Beispiel Breslaus zeigt sich, daß Verfolgung und Diskriminierung keineswegs automatisch zu einem stärkeren inneren Zusammenhalt der Opfer führen müssen. Die Breslauer Juden waren kein monolithischer Block, innere Konflikte spielten sich auch und gerade im Zeichen der Verfolgung ab. Ein Problem der Gemeinden war die stete Verkleinerung wegen der Auswanderung vieler Gemeindeglieder, was zu wachsender Vereinsamung und Vereinzelung der Zurückbleibenden führte. Auch Cohn machte diese Erfahrungen, zumal drei seiner Kinder gleichfalls emigrierten. Einer Auswanderung Cohns nach Palästina, anderes kam für ihn nicht in Frage, stand seine feste Bindung an Deutschland jedoch im Weg.
Norbert Conrads, emeritierter Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit in Stuttgart, ist mit der Veröffentlichung der Tagebücher Willy Cohns eine verdienstvolle Edition gelungen. Allerdings läßt die Kommentierung durch den Herausgeber zu wünschen übrig: Leider beschränkt sich Conrads vor allem auf die Nennung vollständiger bibliographischer Angaben von im Text genannten Büchern sowie auf entsprechende Angaben zu Cohns Artikeln. Letzteres hätte gut Platz in einem Verzeichnis der Schriften Willy Cohns gefunden, das leider fehlt. Statt vieler bibliographischer Kommentare wären an einigen Stellen historische Erläuterungen wünschenswert gewesen. Cohns oben zitierter Tagebucheintrag vom 7. Oktober 1939 über Hitler zum Beispiel bezieht sich auf eine Rede des Diktators, ohne daß der Leser erfährt, worum es in dieser Rede überhaupt ging. Das aber hätte eine Einschätzung der irritierenden Äußerung Cohns eventuell erleichtert.
Die Tagebücher Willy Cohns sind denen Victor Klemperers an die Seite zu stellen, wenn sie sich auch stark voneinander unterscheiden. Während Klemperer sich mehr als Chronist verstand, der die NS-Politik beobachtete und bewußt Zeugnis ablegen wollte, beschränkte Cohn sich weitgehend auf seine eigene Person und das jüdische Leben in seiner Gemeinde. Gerade darin jedoch liegt auch der hohe Wert der Tagebücher Willy Cohns.

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