Titel
Das Dritte Reich.
Untertitel
Band 2: Diktatur
Rezension

 'Am 30. Januar ist endgültig die Zeit des Individualismus gestorben ... Das Einzelindividuum wird ersetzt durch die Gemeinschaft des Volkes ... Revolutionen beschränken sich niemals auf das rein politische Gebiet. Sie greifen von da über auf alle anderen Bezirke menschlichen Zusammenlebens. Wirtschaft und Kultur, Wissenschaft und Kunst bleiben davon nicht verschont.' (S. 149) So Propagandaminister Goebbels in einer Rede am 25. März 1933. Daß diese Worte nicht nur den Allmachtsphantasien eines Größenwahnsinnigen entsprungen waren, sollte sich in den ersten Monaten und Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft schnell erweisen.
Im zweiten Band seiner auf insgesamt drei Bände angelegten Gesamtdarstellung des Dritten Reiches geht es dem britischen Historiker Richard Evans darum, die Durchdringung und Beherrschung aller Politik- und Lebensbereiche durch den Nationalsozialismus plastisch darzustellen und ihre Mechanismen offenzulegen. Er konzentriert sich im zweiten Teil der Trilogie auf die Jahre der Konsolidierung und umfassenden Kriegsvorbereitung der NS-Diktatur bis 1939.
Im Gegensatz zu vielen Gesamtdarstellungen des Dritten Reiches schenkt Evans klassischen Politikfeldern wie der Außenpolitik verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit. Ihn leitet vielmehr ein kultur- und sozialgeschichtliches Interesse. Ausführlich widmet er sich den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Hochschulpolitik, Schule und Erziehung, Religion und Kirche, der Volksgemeinschaft, der Wirtschaftspolitik sowie der Verfolgung der Juden. Der Leser findet hier keine bloße Darstellung 'von oben', die sich auf Institutionen und Maßnahmen beschränkt. Evans' Blick ist stark auf den Alltag der Menschen und auf die Auswirkungen der Politik auf ihr Leben gerichtet. Mit zahlreichen Beispielen aus der Mikroebene illustriert er nicht nur die Politik der Makroebene, er koppelt beide Bereiche miteinander. So farblos und abstrakt eine bloße Analyse von Regierungshandeln wäre, so zusammenhanglos, ahistorisch und beliebig wären viele Mosaiksteine des Alltags ohne Anbindung an größere Zusammenhänge. Eine Vielzahl an bekannten und unbekannten Tagebuch- und Briefautoren helfen Evans und dem Leser dabei und tragen zu der eindringlichen Anschaulichkeit bei.
Evans zeichnet so ein vielschichtiges Bild der NS-Diktatur. Diese war seiner Auffassung nach keinesfalls nur ein von permanenter Begeisterung und totaler Zustimmung getragener Volksstaat. Eine tragende Säule des Dritten Reiches war von Anfang an auch ein System der Einschüchterung und des Terrors. Folgerichtig widmet Evans das erste Kapitel programmatisch der Formierung des Polizeistaats, seinen Instrumentarien und den Auswirkungen. Zwar richtete sich direkte Gewalt bald nur gegen kleine Minderheiten wie Kommunisten, andere politische Gegner und auch gegen Juden, aber mit einem umfassenden Kontroll- und Einschüchterungssystem, angefangen beim Blockleiter, erreichte das System einen Konformitätsdruck. Die - vielfach unbegründete - Angst, in die Mühlen des Terrorapparats geraten zu können, war ein wichtiges verhaltensbestimmendes Element, auf das das Regime neben manchen positiven Anreizen bauen konnte.
Evans schafft, wie bereits mit dem ersten Band, eine facettenreiche, packende und leserorientierte Darstellung, die ihresgleichen sucht. Gestärkt wird die Leserfreundlichkeit durch einen Prolog, der die wichtigsten Thesen des ersten Bandes zusammenfaßt, sowie durch die Aufteilung des Buches in zwei Teilbände. Letzteres ist aber auch Anlaß zur Kritik, da die Anmerkungen erst am Ende des zweiten Teilbandes stehen. Etliche Zitate werden im Text unvermittelt angeführt, ohne daß sich dem Leser erschließt, wer da nun spricht.

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