Titel
Die Rolle der Arbeitsämter bei der Rekrutierung von SS-Aufseherinnen
Rezension

Arbeitsämter und SS-Aufseherinnen ' das klingt in dieser Kombination zunächst ungewöhnlich. SS-Aufseherin als ein normaler Beruf, in den die Arbeitsämter vermitteln wie etwa in den der Krankenschwester oder Sekretärin? Wie bekamen junge Frauen über das Arbeitsamt eine Stelle als SS-Aufseherin? Bewarben sie sich darum wie für jeden anderen Beruf auch? Informierte das Arbeitsamt junge Arbeitssuchende etwa auch über das 'Berufsbild' der SS-Aufseherin, um bei der Berufswahl behilflich zu sein? Das sind einige der Fragen, die sich bei alleiniger Betrachtung des Buchtitels stellen und denen Stefanie Oppel neben anderen in der gedruckten Fassung ihrer 2005 an der Humboldt Universität entstandenen Magisterarbeit nachgehen möchte.
Ab Ende 1937 gab es SS-Aufseherinnen, bis Januar 1945 insgesamt mehr als 3500. Sie taten ihren Dienst nicht nur im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, sondern in zahlreichen Lagern, wo immer Frauen auch inhaftiert waren. Die Bezeichnung SS-Aufseherin führt allerdings in die Irre, da die Frauen nicht notwendigerweise der SS angehören mussten. Voraussetzung, um die Stelle antreten zu können, waren ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis sowie eine entsprechende politische Beurteilung durch die Gestapo. Besondere berufliche Qualifikationen wurden nicht erwartet, die Aspirantinnen wurden in wenigen Tagen oder mehreren Wochen in der Regel im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück ausgebildet, bevor sie ihren Dienst im jeweiligen Lager antraten.
Auf, wie sie einräumt, lückenhafter Quellenbasis kommt Oppel zu dem Ergebnis, daß sich rund 10 Prozent der Aufseherinnen beworben haben, 20 Prozent angeworben wurden, und die große Masse von 70 Prozent durch Dienstverpflichtung zur ihrer Stelle gekommen sind. Allerdings wurde für die Stellen der Aufseherin meist verdeckt geworben, ohne Hinweise auf die SS oder die Konzentrationslager, so daß manche Frauen zunächst nicht wußten, was da auf sie zukommt. Anwerbungen durch die Arbeitsämter waren eher selten und derartige Versuche der Behörden waren selten von Erfolg gekrönt.
Mit der exorbitanten Ausdehnung des Lagerkosmos im Laufe des Krieges schwand die Zurückhaltung bei der Rekrutierung von SS-Aufseherinnen, da der enorme Bedarf an Personal schnell gedeckt werden mußte. Nun war es an den Betrieben, die KZ-Häftlinge beschäftigten, für weibliches Bewachungspersonal Sorge zu tragen, indem sie weibliche Mitarbeiterinnen dafür namhaft machten. Die Arbeitsämter luden diese vor und verpflichteten zu dieser Tätigkeit. Konnten die Betriebe nicht genügend Mitarbeiterinnen aufbieten, sorgte das Arbeitsamt im Wege der Dienstverpflichtung anderer Frauen für das notwendige Personal. Auch wenn die Behörden Druck auf die Frauen ausübten, war es ihnen möglich, sich dem Dienst im KZ zu entziehen, ohne Nachteile befürchten zu müssen. Zu diesem Schluß kommt Oppel auf Grund ihrer Studien.
Oppel versteckt in ihrem Buch ihr eigentlich interessantes Thema hinter einem quälend langen Vorlauf. In zwei Kapiteln behandelt sie sehr ausführlich die Arbeitsverwaltung im Nationalsozialismus und die Entwicklung des KZ-Systems, die zudem vollkommen lose nebeneinander stehen. Zudem vermißt man über weite Strecken jeden Bezug zu ihrem Thema. Erst im dritten Kapitel, nach weit mehr als der Hälfte des Buches, kommt sie zum eigentlichen Gegenstand der Untersuchung, den SS-Aufseherinnen. Aber auch hier bleibt die Darstellung leider häufig farblos. Es hätte dem Buch gut getan, hätte die Autorin in erster Linie die Ermittlungsverfahren und Nachkriegsprozesse gegen SS-Aufseherinnen ausgewertet und wäre sie verstärkt von exemplarischen Einzelbiographien ausgegangen. Am interessantesten ist das Buch nämlich genau dann, wenn es sich mal einzelnen Biographien zuwendet. Zudem hätte dieser Zugang auch Aufschlüsse über das Verhalten der Aufseherinnen im Lager geboten, ein Aspekt der gänzlich unberücksichtigt geblieben ist. Zum Teil sind diese Mängel aber dem Umstand geschuldet, daß bei einer Magisterarbeit Zeit und Ressourcen nur sehr begrenzt zur Verfügung stehen.

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