Titel
Mesopotamien. Wiege der Zivilisation.
Untertitel
6000 Jahre Hochkulturen an Euphrat und Tigris
Rezension

Der Nahe Osten ist in den letzten Jahren aufgrund der großen politischen Umbrüche stark in das Bewußtsein des Abendlandes gerückt. Es ist durchaus als positiv zu bewerten, daß trotz der Eindrücke von Bomben, Elend und Chaos und dem immer wieder beschworenen Kampf zwischen westlicher und islamischer Welt aber auch das Interesse an den archäologischen Schätzen des Landes zwischen Euphrat und Tigris zugenommen hat. Trotzdem ist erstaunlich, wie wenig abseits des Schlagwortwissens über die altorientalischen Kulturen bekannt ist und wie dünn unser Wissen insgesamt über das Land ist, das die Entwicklung der Zivilisation sowohl in Europa als auch in Asien enorm geprägt hat und dem somit Abend- und Morgenland viel mehr verdanken als bekannt bzw. von einigen auch erwünscht ist.
Der Wissenschaftsjournalist Wolfgang Korn hat versucht, einen Bogen von der Neolithischen Revolution im fruchtbaren Halbmond bis hin zu den Irakkriegen der jüngsten Vergangenheit zu spannen und eine Kulturgeschichte Mesopotamiens zu schreiben. Zur Begriffsklärung führt der Autor an, daß 'Mesopotamien' für das gesamte Einflußgebiet von Euphrat und Tigris steht, und 'Assyrien' aus geographisch-kultureller Sicht für den Norden, 'Babylonien' für den Süden des Zweistromlandes benutzt wird. Dabei herausgekommen ist ein spannend und flüssig zu lesendes Buch, das die vielfältigen Aspekte der Kultur des Alten Mesopotamien gründlich recherchiert und auf dem neuesten Stand darstellt. Gerade aus dem direkten und aktuellen Kontakt mit der archäologischen Forschung gewinnt dieses Werk. Es ist reich bebildert und sinnvoll chronologisch unterteilt ' neun Kapitel wie 'Bibelzitate, Beutejäger und Bagdadbahn' (über die Geschichte der vorderasiatischen Archäologie) oder 'Herrscher über Wasser, Lehm und Götter' (über die Sumerer im 5.-3. Jahrtausend v. Chr.) sprechen für sich und deuten außerdem an, daß neben der wissenschaftlichen Korrektheit auch der Spaß an anschaulicher Wissensvermittlung nicht zu kurz gekommen ist.
Bemerkenswert ist auch, daß der Autor den Versuch macht, aktuelle Geschehnisse und Konflikte aus der Geschichte zu erklären ' er kommt zu dem Schluß, daß das Land in seiner langen Geschichte schon viele Zerstörungen und Fremdherrschaften zu ertragen gehabt hat. Aber ob man daraus eine geradezu schicksalhafte Rolle in der Weltgeschichte und -politik machen kann, ist zumindest diskussionsbedürftig. Korn bleibt nicht in einer bloßen Beschreibung der Vergangenheit stecken, sondern sucht bewußt den Bezug zur Gegenwart, etwa in den Abschnitten zur Lehmziegelarchitektur (S. 62-63) oder zur mesopotamischen Medizin (S. 124) ' gerade das ist es, was moderne Menschen an der Archäologie fesseln kann. Hervorheben möchte die Rezensentin besonders das letzte Kapitel. Unter dem Titel 'Krieg der Kulturen ' oder unser gemeinsames mesopotamisches Erbe?' bietet es reichlich Denkanstöße zum Verhältnis von Christen und Muslimen und der Wurzel vieler aktueller Konflikte in der Vergangenheit Mesopotamiens, sowie zu dessen Einfluß auf das Abendland.
Das Layout ist gelungen ' so sind die Bildunterschriften nicht zu ausführlich, kleine abgesetzte Textfelder fassen das Wichtigste zusammen. Positiv fallen auch die vielen guten Fotografien auf, sowohl von den Kunstschätzen, als auch von der Landschaft und dem Zustand historischer Stätten heute. Die Fotos wurden kurz vor Kriegsbeginn aufgenommen und machen zusammen mit Satellitenaufnahmen archäologischer Stätten, die heute nicht mehr zugänglich bzw. zerstört sind, unmißverständlich klar, welche Schätze auf dem Spiel stehen. Aber vielleicht öffnet gerade die Gefährdung neues Interesse und neue Wege im Umgang mit der Wiege der Zivilisation ' vielleicht als Symbol eines neuen Anfangs.

Zurück