Titel
Unterwegs zum Buddha
Untertitel
Sein Leben, seine Lehre, seine Wirkung
Rezension

Es gibt viele Einführungen in den Buddhismus und viele Gesamtdarstellungen, viele Textausgaben; hier schreibt ein junger Inder, Jahrgang 1969, der auch die westliche Welt kennt, er arbeitet als Literaturkritiker und Lektor und gilt als Entdecker von Arundhati Roy, beiher schreibt er Romane, was man seiner Buddha-Darstellung anmerkt (dazu gleich). Seine Darstellung ist im englischsprachigen Raum anerkannt; die Rezensionen in 'The Times Literary Supplement' und 'The New York Times' sind positiv. Deutsche Verlage lassen gern ausländische Erfolge übersetzen in der Hoffnung, damit auch hierzulande zu landen. Nach Abschluß seines Studiums zieht sich Pankaj Mishra in ein Haus am Fuß des Himalaja zurück. Er besucht den Geburtsort des Buddha, diskutiert mit Mönchen, liest alles, was es über den großen Philosophen zu lesen gibt, und stellt fest, daß wir nur sehr wenig über ihn verläßlich wissen. Aber wo diese Wirkung ist, muß wirkliches Sein gewesen sein. Tatsächlich ist in vielen Legenden über den Buddha die Wirkung eines historisch existierenden Menschen deutlich spürbar: dieser Buddha ist in einer Zeit des sozialen Umbruchs aufgewachsen, hat auf alle Privilegien verzichtet und als Asket Indien durchquert. Er hat die Macht der Brahmanen und die Autorität der Veden gebrochen und ganz neue Einsichten über das Wesen des Menschen gewonnen. Er hat in der Maßlosigkeit des Verlangens die Quelle vieler Leiden erkannt und zwischen sinnlichem Genuß und sinnloser Selbstaufopferung einen mittleren Weg zur Selbstfindung eingeschlagen.
Das Buch ist ein Hybrid-Text, es mischt Gattungen: Biographie, Reiseerzählung, philosophische Darstellung, zeitkritisches Essay so, daß der deutsche Untertitel etwas unehrlich wird. Buddha selbst ist explizite vielleicht auf ein Drittel Seiten gegenwärtig.
Es überrascht, daß eine sehr große Zahl von Übereinstimungen mit westlichen Denkmotiven von Mishra beschrieben wird, echte Strukturhomologien. So betont der Erleuchtete, daß Bewußtsein 'ein beständiger Fluß voneinander abhängiger Gedanken' sei, was stark an den 'stream of consciousness' von William James erinnert. Es geht damit implizite freilich gegen das westliche Substanzdenken; so ist in der Übereinstimmung von Anfang an auch die Differenz. Dinge haben keine feste Substanz, sondern sind Prozesse, immer in Wandlung, in Änderung, in Bewegung wie der Himmelsbogen bei Schiller. Heraklit will Ähnliches sagen mit seiner These, daß alles fließt. Aber auch Platon nennt als wichtigstes Merkmal des sublunar Bestehenden dessen Vergängnis. Irdisches ist mê on, nicht wirklich, nur vergänglich Bestehendes. 'Die Welt befindet sich in dauerndem Fluß und ist unbeständig. Die Welt, deren Natur es ist, ein Anderes zu werden [das ist Heraklit, das ist Platon], hat sich dem Werden verschrieben.'
Es gehört zu den Basis-Erfahrungen des Erleuchteten - und hier liegt er ganz außerhalb westlicher Positionen - zu meinen, daß 'das individuelle Selbst keinerlei Substanz oder reale Wesenhaftigkeit' besitze [ein vorwitziger Schlaumeier könnte am Epitheton real sich reiben und einwenden: wohl, aber eine andere, ideale, translunare Seinsform kommt der Seele, dem Ich, dem Selbst zu]. Mishra wagt sich, leider nur sehr kurz, an diese heilige Kuh des Buddhismus heran: die Frage nach der (über-)dauernden Identität. Es ist bekannt, daß die buddhistische Kerntruppe hier nicht mit sich reden läßt. Das ist ein Zentral-Dogma. Das Ich gilt als non-existent, es ist quasi eine westliche, teuflische Erfindung, ein Konstrukt der Nichterleuchteten. 'Der Buddha war [...] ein Empiriker, der bestritt, dass den Erscheinungen irgendwelche unveränderlichen Substanzen zugrunde liegen; und dies traf ebenso sehr auf die Wahrnehmung des eigenen Selbst oder Ichs zu wie auf die der Außenwelt.' Ein berühmtes Beispiel stammt aus den Gesprächen des griechischen Königs Menandros mit dem buddhistischen Mönch Nagasena. Nagasena will das Eingeständnis, daß ein Wagen aus vielen Teilen besteht, eine Funktionseinheit ist, daß es aber jenseits dieser Teile nicht ein Weiteres, ein Zusätzliches gibt. Zum Bestand abendländischer Reflexion gehört aber als Leitsatz: das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Es ist klar, daß das westliche Denken in der Spitze bei Descartes und Kant das Ich apriori einführt und transzendental als (bewußtseinstheoretisch) notwendig begreift. 'Das Ich denke muß alle meine Vorstellungen begleiten können', sagt der Königsberger. 'Cogito ergo sum': da ich denke, bin ich, hatte der Franzose formuliert; Buddha lächelt still und sieht hier eine Substantialisierung, die nicht plausibel begründet ist: der Satz lautet richtig: cogitans, ergo cogitare est [denkend ist Denken, es denkt, also ist Denken]. Das denkende Ich ist selbst nur Stück des Bewußtseinstroms, ein Gedachtes. Buddha bestreitet die Substanz als zugrundeliegendes Substrat.
Das Schöne an dem kontroversen west-östlichen Disput: man muß das gar nicht entscheiden, man kann das im Schweben lassen. Ich oder nicht Ich; das ist nicht die Frage; man kann die doppelte Antwort stehen lassen und abwarten, was sich tut. Schau'n wir mal. Der buddhistische Kampf gegen das Ich ist nicht nötig und ganz überflüssig. Wir können die Entscheidung vertagen - ad calendas graecas. Niemand gewinnt etwas, wenn er eine So-oder-so-Entscheidung trifft. Das ist kein, nur wenig akzeptierter Agnostizismus, das ist ein Kreisen in der Warteschleife ' wir warten auf bessere Entscheidungsbedingungen.
Ganz stark wird bei Pankaj Mishra die praktische Ausrichtung der buddhistischen Lehre betont, die mit Atemübungen beginnt, um die richtige somatische Einstellung für die Meditation zu erreichen: 'Seine Ziele sind weder metaphysisch noch theologisch, sondern therapeutisch und ethisch.' Buddha will den Menschen dabei helfen, 'die Natur des Geistes zu begreifen und sich von negativen Emotionen wie Zorn, Haß, Böswilligkeit, Eifersucht zu befreien'. Die praktische Relevanz ist ein westliches, immer wissenschaftlich vergessenes Motiv, Mishra zitiert Epikur, der durch seine Philosophie das Leiden beseitigen will. 'Wie er bemühten sich die hellenistischen Philosophen, durch Zügelung der Gier Leiden zu vermeiden und den Zustand des Gleichmuts zu erlangen'. Der 'bhikkhu' [so im Pali für Mönch, im Sanskrit 'bhikshu'] lernt das und 'so hängt er an nichts in der Welt'. Das 'Ende der Gier und der Unwissenheit' bedeutet, 'den Zustand der Freiheit' erreicht zu haben. Sicher, auch hier fallen die Parallelen zu westlichen Haltungen gleich auf. Eine zentrale Kategorie im Denksystem des späten Goethe - Arthur Henkel hat ihr eine Monographie gewidmet - ist die Entsagung. Wilhelm, der endlich seine Adelige bekommen hat, wird, von ihrem schönen Landgut weg zum Medizinstudium geschickt. 'Selbstzucht [wir haben daraus Selbstsucht gemacht] war' - für Buddha - 'der Weg zur Erkenntnis der essentiellen sittlichen Natur des Menschen'. So führen seine bhikkhu ein Leben 'in freiwilliger Keuschheit und Armut, sie dürfen nicht mehr besitzen als ein dreiteiliges Gewand, eine Bettelschale [für Essen], ein Rasiermesser, Nähnadel, Gürtel, Wasserfilter und Arzneien'; sie achten auf Anstand, gehen gemessenen Schrittes, essen nur, was sie geschenkt bekommen und einmal am Tag. Statt in Saus und Braus das nichtsnutzige Leben eines depravierten Adligen zu spielen, schickt Goethe Wilhelm in den Sozialdienst; zugleich organisiert er die Auswanderung hungernder Schweizer nach Amerika. Nur dadurch kann gelindert werden, was zu den Grundbestandheiten menschlichen Lebens gehört: 'Altern und Sterben, Kummer, Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung'. Goethe hat bekanntlich im 'Faust' die Sorge zu dem alten Bösewicht geschickt, er ist, auch als Herrscher über Welten, nicht sans souci.
Und: 'die Überwindung des Leids'; das ist der Kern seiner Lehre, die keine Dogmatik sein soll, sondern Nennung dessen, was ist. Mit dem Titel der englischen Originalausgabe wird inhaltlich genau ein wesentliches Moment des Buddhismus genannt: 'An End to Suffering'. Das ist indes nicht ganz einfach: 'in irdischem Treiben bewegt sich die Menschheit, in irdischem Treiben erfreut sie sich und findet ihre Lust [oh du Spaßgesellschaft, ik hör dir trapsen], daher wird ihr schwer verständlich sein das Ablassen von allem Irdischen, die Vernichtung des Durstes, das Aufhören des Verlangens [nach irdischem Glück]'. Das könnte ein Zitat vom Ende des 'Simplizius Simplizissimus' sein, jenes großen Romans des Barocks, der das Grauen des 30jährigen Krieges so realistisch eingefangen hat. Simplex zieht sich, gezeichnet, nicht nur vom Syph, den er sich in Paris geholt hat, in die - quasi mönchische - Einsiedelei zurück. Posui finem curis, spes et fortuna, valete! [ich habe meinen Sorgen ein Ziel gesetzt, Hoffnung und Glück, fahret dahin!]. Buddha selbst hatte es hinter sich, er hatte mit vielen Formen des Lebens experimentiert, hatte die extremen Wege der strengsten Askese ebenso beschritten wie 'ein Leben, der Lust und dem Genuß ergeben'. Buddha erkennt, das ist der eine Ertrag seiner jahrelangen Meditation, daß Lust und Leiden untrennbar verbunden sind, jedenfalls - und Mishra meint, westliche Romanciers sähen das genauso - 'ziehen die Wechselhaftigkeit des Herzens und die zeitliche Begrenztheit aller Empfindungen [oh, wer gedächte hier nicht der hohen Ehe-Scheidungsraten und der Trennungen der sich ehmals so Liebenden] dem nach Glück und Beständigkeit strebenden Menschen unaufhaltsam den Boden unter den Füßen weg'. Ja, so wollte doch das 'Nibelungenlied' schon zeigen, 'wie liebe mit leide ze jungist lônen kan [wie Liebe am Ende in Leid endet]'.
Buddha kennt den Grund des Leids. 'Und was, ihr bhikkhu [Mönche, übliche Anrede der Jünger] ist die Wurzel des Übels? Es ist dieses Begehren, das Wiedergeburt erzeugende, mit Lust-Gier verbundene, hier und dort sich ergötzende, nämlich das Begehren nach Sinnlichkeit, nach Dasein, nach Nichtsein. Dies, ihr Mönche, wird die Wurzel des Übels genannt.'
Bei aller Gleichheit, Ähnlichkeit, Parallelität, bei allen Homologien lassen sich Differenzen nicht übersehen. Gerade auch in den Dimensionen des Praktischen. Der Buddha sieht verwundert, die der Westen Glück definiert. Wie er mit Goethes Faust hetzt und wetzt, hinter dem Materiellen her. in Deuschland wird seit Willy Brandt unter Lebensqualität materieller Konsum verstanden. Barbecue am Samstag: das ist des Lebens Sinn und Ziel. Mishra beschreibt die New Age-, die Guru-Wellen, den Esoterik-Boom, die Konjunktur östlicher Ideologien in den Staaten als response auf die Vermaterialisierung des Menschen. Der letzte Teil seiner Darstellung widmet sich diesem Aspekt.
Ein Buch, das in den Koffer aller  Asienreisenden gehört. Reisen muß der Bildung des Menschen dienen und nützen; es wird obszön, wo nur an Strand und all inclusive gedacht wird. Wer dies nicht akzeptiert, 'den seh man mit Verachtung an' (Mozart, 'Die Entführung aus dem Serail').

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