Titel
Das Testament des Abbé Meslier
Untertitel
Die Grundschrift der modernen Religionskritik
Rezension

Hartmut Krauss, geb. 1951, Sozial- und Erziehungswissenschaftler, ist Redakteur der in Osnabrück erscheinenden Zeitschrift 'Hintergrund' und Initiator des Arbeitskreises Kritischer Marxistinnen und Marxisten; er schreibt ein erfrischend alt-marxistisches Vorwort gegen jede kirchlich institutionalisierte Religion, die dogmatisch-fundamentalistisch für Inhumanität und Barbarei steht ('Emanzipatorischer Atheismus als Alternative'); für die Vergangenheit werden die bekannten Verdächtigen vorgeführt, Inquisition und Heilige Kriege, für die Gegenwart der weltweite, religiös mitmotivierte Terror.
Krauss beschreibt die bisherigen Ergebnisse der Religionskritik: Entgöttlichung, Entzauberung, De-Mythologisierung, Säkularisierung; was irrational war, wird rational. Wo einmal Gespenster schwebten, die Angst machten, brennt heute elektrisches, aufklärendes Licht. Mythos wurde zu Logos, Magie, Alchemie zu Wissenschaft. Wir haben, spätestens seit Kant, Wissen und Glauben getrennt. Und dennoch sind wir weiterhin, wie Schiller notierte, Barbaren geblieben. Aber auch: der mehrfach im Wochenblatt - 'möcht' ihn auch tot im Wochenblättchen lesen' - angekündigte Tod Gottes hat nicht den Tod der Erwartung gebracht. Wille, Wunsch und Hoffnung auf Erlösung - was immer damit konkret geahnt wird - ist auch außerhalb der monotheistischen Religionen weiter vital, etwa im Buddhismus und vielen esoterischen Strömungen; auch die Zahl der Kircheneintritte soll wieder zunehmen.
Jean Meslier (1664-1729, die Lebensdaten sind wohl nicht ganz gesichert), Pfarrer in den Ardennen - nicht zu verwechseln mit seinem (Fast-)Namensvetter Sébastien Mercier, der durch seinen teilweise von Schiller übersetzten zeitkritischen 'Tableau de Paris' (1781-1789 in 12 Bänden) berühmt wurde, eine Schilderung nicht nur der Sitten, sondern der Laster z. Zt. des ancien régime - , lebt schizophren; sonntags predigt er seinen Schäflein die Frohe Botschaft des Katholizismus, werktags schreibt er an seiner schließlich 1000seitigen religionskritischen Arbeit; er hat sie selbst dreimal handschriftlich vervielfältigt. Sie zirkuliert bald nach seinem Tod (seit 1734) unter den Intellektuellen Europas. Friedrich II. besaß eine Kopie. Während er lebte, war an eine Publikation nicht zu denken: 'Meine lieben Freunde, das hätte zu gefährliche und schlimme Folgen für mich gehabt, notiert er im Vorwort. Die abscheuliche Politik ist die Ursache aller Übel, die Euch bedrücken, sowie dieses ganzen Schwindels, durch den Ihr unglückseligerweise im Irrtum, in der Eitelkeit des Aberglaubens ebenso wie unter den tyrannischen der Großen dieser Erde gehalten werdet'.
Gönnen wir uns eine längere Probe: 'Alle Religionen sind nichts als Irrtümer, Einbildung und Betrug. Wißt also, meine lieben Freunde, wißt, daß all dies, was in der Welt als Gottesdienst und Andacht feilgeboten und praktiziert wird, nichts als Irrtum, Täuschung, Einbildung und Betrug ist; alle Gesetze, alle Vorschriften, die im Namen und mit der Autorität Gottes oder der Götter erlassen werden, sind in Wahrheit nichts als menschliche Erfindungen, nicht weniger als alle diese schönen Schauspiele der Festlichkeiten und Meßopfer oder Gottesdienste und alle diese anderen abergläubischen Verrichtungen, die von Religion und Frömmigkeit den Göttern zu Ehren vorgeschrieben sind; alle diese Dinge da, sage ich Euch, sind nur menschliche Erfindungen, von schlauen und durchtriebenen Politikern erfunden, dann von lügnerischen Verführern und Betrügern gepflegt und vermehrt, schließlich von den Unwissenden blind übernommen und dann endlich aufrechterhalten und gutgeheißen durch die Gesetze der Fürsten und der Großen dieser Erde, die sich solch menschlicher Erfindungen bedient haben, um das Volk dadurch leichter im Zaum zu halten und mit ihm zu machen, was sie wollten. [...] Dies ist es, was ich Euch, meine lieben Freunde, zu sagen habe, damit Ihr Euch nicht länger täuschen laßt durch die schönen Versprechungen, die man Euch über angebliche ewige Belohnungen in einem Paradies, das nur eingebildet ist, macht, und damit Ihr auch Euren Geist und Eure Herzen beruhigt über all die nichtigen Ängste, die man Euch wegen der angeblichen ewigen Strafen in einer Hölle, die es überhaupt nicht gibt, einjagt; denn alles was man Euch an Schönem und Erhabenem über das eine und an Furchtbarem und Schrecklichem über die andere erzählt, ist nichts als ein Märchen; nach dem Tode ist weder Gutes zu erhoffen, noch irgend etwas Böses zu fürchten; nutzt darum weise die Zeit, indem Ihr gut lebt, genießt [das ist schierer Hedonismus], wenn Ihr könnt, maßvoll, friedlich und fröhlich die Gaben des Lebens und Früchte Eurer Arbeit, denn dies allein ist Euer Teil und der beste, den Ihr ergreifen könnt, denn da der Tod das Leben beendet, setzt er auch jeder Erkenntnis und allem Gefühl für Gut und Böse ein Ende [damit behauptet Meslier mehr, als er wissen kann].'
Erste Anregungen konnte der Kritiker in der Bibel selbst finden: dort entlarvt Daniel die Betrügereien der Baalspriester, die sich Lebensmittel als Opfergaben erschleichen. Wie später die von Napoleon so genannten 'idéologues' (Philosophen wie Condillac]) spricht er vom 'Priestertrug'; die Priester haben sich mit den weltlichen Machthabern verbündet, um das Volk unterdrücken, in Schach halten zu können. Meslier versammelt alles, was immer wieder gesagt wurde und weiter gesagt wird: 'In Lehre und Glauben unserer Christgottgläubigen aber gibt es noch viel Lächerlicheres und Unsinnigeres; denn darüber hinaus, daß es einen dreifaltigen Gott geben soll oder drei Götter, die zusammen nur einer sind, was für sich genommen schon ein genügend großer Unsinn ist, behaupten sie, daß dieser dreifache und einige Gott weder einen Körper noch eine bestimmte Form noch Gestalt habe.' Bekanntlich werfen die Muslime dem Christentum aus genau diesem Grund Polytheismus vor.
Meslier glaubt, Beweise - u.d.h. mit mathematischer Evidenz - liefern zu können. 'Hier ist der erste meiner Gründe und meiner Beweise. Es ist klar und einleuchtend' - das klingt ganz nach seines Landsmann Descartes clara et distincta - 'daß es Mißbrauch, Irrtum, Täuschung, Lug und Betrug ist rein menschliche Gesetze und Einrichtungen als übernatürliche und göttliche Institutionen hinzustellen [...].' Es folgen aber keine Beweise, sondern nur Feststellungen, Behauptungen, Aussagen. Meslier tut genau das, was seine Gegner tun: Sätze bilden. Das System des Glaubens ist nicht vom System der Vernunft her zu überrennen: nicht dort, wo es mysterium fidei ist - Geheimnis des Glaubens. Der Gläubige weiß, daß seine dogmatischen Glaubensinhalte - conceptio immaculata, Auferstehung und Himmelfahrt, Transsubstantiation, Trinität usw. - vernünftig nicht begreifbar sind. Paulus wird auf dem Areopag von Athen verlacht von dem, was an alten Philosophen noch übrig war. Seine Berichte von Jesus erscheinen denen, besonders etwa auch den sophistischen Skeptikern, schon als schlecht erzählte Märchen.
Meslier verlangt von den Theologen 'klare, stichhaltige und überzeugende Belege und Beweise'; er spricht hier ganz die Sprache Descartes'. Dabei wiederholt er sich immer wieder. Religion ist ihm 'in der Tat nichts als Irrtum, Einbildung, Täuschung und Betrug'. Nirgends sieht er 'einen hinreichenden Beweis der Wahrheit'. Es bleibt für ihn 'immer Irrtum, Einbildung, Täuschung', Selbsttäuschung und Getäuschtwerden. Der 'göttliche Ursprung' bleibt ihm unbewiesen, er sieht 'menschliche Erfindungen voller Irrtümer, falsche Vorstellungen und Täuschungen', nirgends 'klare, stichhaltige und überzeugende Beweise'. Es gibt also endlose Wiederholungen, sie sind wohl der Anlaß einer Bemerkung des spöttischen Voltaire, der aus dem Nachlaß und damit aus dem Manuskript Mesliers Auszüge veröffentlichte unter dem Titel 'Testament de Jean Meslier' (1762) und 'Extraits des sentiments de Jean Meslier' (in 'L'Évangile et la raison', 1768); Meslier schreibe im 'style d'un cheval de carosse'. Jedenfalls gerät, wie Goethe zu sagen pflegte, der Autor in den Text hinein, er spricht quasi mit Schaum vor dem Mund.
Meslier steht in einer langen atheistisch-materialistischen Tradition, seine Perspektive ist seit den Materialisten der Antike, etwa dem Atomismus Demokrits, geläufig. Gern übersehen wird nämlich bei den Religionskritikern der Vater aller Kritik der Religion, ein Vorsokratiker; hier vermutet man solche deutlichen Wort noch nicht: locus classicus, die klassische Stelle für die Erkenntnis der Religion als Volksdisziplinierungsmittel ist nämlich ein Fragment des Kritias von Athen, das heute freilich dem Euripides zugeschrieben wird. Kritias gehört zu den vorsokratischen Philosophen, er ist durch seine sophistischen Thesen bekannt; das berühmte Fragment 25 spricht der verschlagene Sisyphos, ein konservativer Aristokrat und begabter Staatsmann mit rationalistischer Weltanschauung; er betrachtet die sophistische Bildung als ein Mittel der politischen Macht: 'Es gab eine Zeit, da war der Menschen Leben ungeordnet und tierhaft und der Stärke untertan, da gab es keinen Preis für die Edlen noch auch ward Züchtigung den Schlechten zuteil. Und dann scheinen mir die Menschen Gesetze aufgestellt zu haben als Züchtiger, auf daß das Recht Herrscherin sei  und die Frevelei zur Sklavin habe. Und bestraft wurde jeder, der sich nur verging. Dann als zwar die Gesetze sie hinderten, offen Gewalttaten zu begehen, sie aber im Verborgnen solche begingen, da, scheint mir, hat (zuerst) ein schlauer und gedankenkluger Mann die Götterfurcht den Sterblichen erfunden, auf daß ein Schreckmittel da sei für die Schlechten, auch wenn sie im Verborgnen etwas täten oder sprächen oder dächten. Von dieser Überlegung also aus führte er das Überirdische ein [...].'
Der berühmte griechische Geschichtsschreiber Polybios, der von 205 bis 123 v. Chr. lebte, hatte z.B. auch erkannt: 'die Alten scheinen die Vorstellungen von Göttern und den Glauben an den Hades wohlüberlegt der Masse eingeflößt zu haben. Die Masse ist leichtfertig und voller rechtswidriger Begierden [Buddha nennt das: Durst, die Bibel sagt: der Mensch ist böse von Grund auf], und so bleibt nichts übrig, als sie durch unklare Angstvorstellungen und ein solches Schauspiel [die Tragödie] im Zaum zu halten. [...] Es wäre höchst unvernünftig, wenn die heutigen [Herrschenden] sie [die Angst] der Masse austreiben würden'. Die These wird, wenn auch mehr im Geheimen und für die anders Wissenden zum Kernbestand abendländischen kritischen Denkens. So schreibt etwa Alexander Ross in seinem in zweiter Auflage 1653 erschienenen Werk 'Pansebeia': 'All false Religions are grounded upon Policy' und zwar 'humane Policy to keep people in obedience and awe of their superiours.' Religion ist so, was ihre praktische Funktion angeht, als Mittel der Disziplinierung erkannt. Um das sogleich dazwischen zu sagen: darin, in dieser Funktion, muß nicht ihr ganzes - altmodisch formuliert - Wesen bestehen. Religion kann auch das sein, was sie im Selbstverständnis derer ist, die sie ausüben, nämlich Verehrung etc. Gottes. Zugleich aber ist sie, für den (ideologie)kritischen Blick, anderes und mehr. Auch hier gilt: das eine schließt das andere nicht aus. Auf einer Wiese blühen viele Blumen, auch wenn sie sich wechselseitig für Sumpfblumen halten.
Hartmut Krauss fragt überrascht, warum gibt es noch immer Religion, obwohl doch schon so lange eine so starke Kritik war? Sein Ansatz, der von der prinzipiellen gesellschaftlichen Vermitteltheit aller Bewußtseinsinhalte ausgeht, greift hier etwas zu kurz. Er übersieht, daß da etwas ist, was vermittelt wird. Und das ist das, was Goethe den alten Adam nannte. Modernistisch, biologistisch muß - kann - man sagen: das ist die genetische Ausstattung. Es sind die gerade in der Aufklärung wieder entdeckten Anthropina, schon immer vorhandene Ausstattungsmerkmale eines Seienden, dem es seinem Sein allein um sein Sein selber geht (wie es in der raunenden Sprache von Meßkirch formuliert wird). Nietzsche hatte ein anderes Sprachspiel präferiert; er spricht vom Willen zur Macht. Die Religion bleibt ein Stehaufmännchen, sie entsteigt jeweils neu einem Jungbrunnen, der so lange sprudelt, wie das irdische Paradies nicht wirklich ist. Der real existierende homo sapiens hat - wie der altmodische Werner Bergengruen erkannte - ein 'metaphysisches Bedürfnis'; er will Glück, Oktoberfest tagtäglich, nicht nur den nächsten Fünfjahresplan. Tatsächlich ist, und Marx sah da klar, Religion Opium für das Volk. Es sind substantiell drei humane Bestandheiten, die dies Begehren immer wieder dynamisieren:  krank zu sein, alt zu werden und zu sterben. Der Wille zum perennierenden Glück wird durch diese unheilige Trias enttäuscht. Die humane Kontingenz ist absehbar nicht aufhebbar; das verhindert die ' vom preußischen Junker Heinrich von Kleist so herrlich verbalisierte - allgemeine menschliche Ge-, Ver-, und Zerbrechlichkeit. H. Heine, den wir in diesem Jahr verehrungsvoll erinnern, kann uns da mit seinen zornigen Worten nicht raushelfen: 'wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten, wir haben das Eiapopeia vom Himmel satt'; diese Worte gehören in die Gattung der Frommen Wünsche. Es gilt, was ein berühmter Neukantianer Natorp forderte: es ist deshalb nötig, zu Kant zurückzukehren. Der Königsberger Zermalmer aller Metaphysik hatte in aller Ruhe Gott, die Unsterblichkeit und die Glückseligkeit - auf die Hölle verzichtet er - als regulative Ideen postuliert. Wir sollten mit diesen Kantischen Vorstellungen leben; sie machen das Leben wärmer.
Meslier hält sich im übrigen nicht streng an sein Thema: Kritik der Religion in Form des Alten Testaments, des Neuen Testaments, der Kirche. Er weiß, daß da Kumpanei ist, Komplizenschaft, Kollaboration; er schreibt auch über den 'Mißstand der Willkürherrschaft der Könige und Fürsten auf der ganzen Welt': 'Ein weiterer Mißstand schließlich vollbringt es, die Mehrheit der Menschen während ihres Lebens unglücklich und elend zu machen; es ist dies die sich fast über die ganze Welt erstreckende Gewaltherrschaft der großen Herren, die Willkürherrschaft der Könige und Fürsten, die fast unbeschränkt über die Erde gebieten und mit absoluter Gewalt über den Rest der Menschen.' Dabei gerät Meslier jeweils in den Text, beruhigt sich nicht so leicht und schimpft endlos, dabei auch die Bibel, wenn er sie braucht, positiv zitierend. Meslier nutzt die Gelegenheit zu einem kritischen Rundumschlag: jeweils eigene Kapitel erhalten die Kritik an Mönchen, die ihm als Schmarotzer erscheinen, die Kritik am Reichtum der Kirchen und Klöster, die Kritik am privaten Reichtum ohne soziale Verpflichtung - das frühe Christentum habe noch 'alles gemeinsam' gehabt -, die Kritik am Ehescheidungsverbot.
Dem Hintergrund Verlag ist zu danken. Eines der wichtigen Bücher des letzten Jahres, ein Fitneß-Studio für das Denken! Gratulation dem, der es hat, der die Zeit sich nimmt, es zu studieren.

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