Titel
Gotteswort und Menschenrede
Untertitel
Die Bibel im Dialog mit Wissenschaften, Künsten und Medien
Rezension

Bert Brecht, als er gefragt wurde, was für ein Buch ihn am meisten beeindruckt habe, antwortete bekanntlich: 'Sie werden lachen, die Bibel.' So denken auch, wie gar nicht anders zu erwarten, die Veranstalter von der Bibel nur das beste. 'Die Autorität der Bibel beweist sich in vielen Bereichen des politischen und kulturellen Lebens: Auf ihr gründen die Menschenrechte, in ihr ist die Verpflichtung allen Eigentums verankert, aus ihr lassen sich das Asylrecht für Flüchtlinge und das Verbot der Unterdrückung von Fremden herleiten. Die bürgerlichen Freiheitsrechte wären ohne das biblische Fundament nicht denkbar, der kommunistische Gleichheitsgrundsatz nicht und auch nicht das Ideal der Gewaltenteilung. Selbst für das Recht auf Widerstand gegen obrigkeitliche Willkür konnte und kann man sich auf die Bibel berufen.' (S. 9) So sprechen Wissenschaftler, die ein ' im Gadamerschen Sinn legitimes ' Vorverständnis haben. Denn, das wäre eine Trainingsaufgabe für den Workshop Schreiben: genau auch das jeweilige Gegenteil läßt sich aus der Bibel textexegetisch herausarbeiten. Und schon gar nicht ausgemacht ist, ob die Menschheit diese  Errungenschaften trotz und gegen die Bibel erreichte, als Ergebnisse evolutionärer Entwicklungen: Elternehrung ' Viertes Gebot des Dekalogs ' hat nichts mit Bibel und Moral zu tun; jene Kommunitäten (Stämme, Clans, Familien) haben einen Vorteil, die sich um ihre Alten kümmern. Sie sind die lebende Bibliothek, die Erfahrung beherbergt. Oma weiß, was man tun muß, wenn das Baby Fieber hat (Wadenwickel anlegen).
Das verhindert nicht, daß die Beiträge durchgehend interessant und hochkomplex-kompetent sind, eine Bereicherung allemal. Der Band versammelt insgesamt 16 thematisch weit gestreute, aspektreiche Abhandlungen. Auf einzelne kann hier hingewiesen werden. Der Theologe Eberhart schreibt über Abrahams Opfer im Neuen Testament als Beispiel einer innerbiblischen Rezeption; er zeigt, wie die Metapher Opfer ausdifferenziert werden muß und versucht durch eine Unterscheidung in victima und sacrificium (rituelles, kultisches Opfer) weiterzukommen.
Volker Rabens wendet sich zum 'coming out' als 'bible-based Identity Formation' im 2. Korinther. Dort steht (6,14) der schwierige Satz: 'Zieht nicht am fremden Joch mit den Ungläubigen.' Das kann leicht verstanden werden als Aufforderung, Distanz zu wahren, Integration zu vermeiden: 'Denn was hat die Gerechtigkeit zu schaffen mit der Ungerechtigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis?' damit ist zugleich der absolute Wahrheitsanspruch der christlichen Glaubensinhalte gegenüber allen heidnischen festgehalten.
Werner Telesko geht auf 'Bibel und Buchillustration im Mittelalter' ein und beschreibt deren narrative Strukturen. Der Arabist Radscheid behandelt das 'Arabische als lingua franca' und betrachtet den Prozeß der Arabisierung, der ein komplexes Nebeneinander verschiedener Umgangs-, Verwaltungs- und Liturgiesprachen im Zuge der islamischen Eroberungen ersetzt durch die arabiyya, das klassiche Arabisch des Koran als lingua sacra.
Der Klassische Philologe Gruhl betrachtet den großen König Salomo, dessen Charakterbild in der Geschichte schwankt, der zwischen 'Weisheit und Wollust' steht,  so, wie er 'in scharfsinnigen Inschriften des 17. Jh.s' dargestellt wird. Die Frage ist, ob und inwieweit seine Liebe zu vielen Frauen und der Götzendienst als dessen Folge dem Statt schädlich war (wobei er doch auch aus Gründen der Staatsräson heiratete, etwa eine ägyptische Königstochter).
Der Germanist Czapla verrät, daß es eine ganz aus dem Blick der Literaturgeschichte geratene 'Christeis' gibt, ein Epos, das  zu den Vorläufern des 'Messias' gehört. Die Musikwissenschaftlerin Koldau weist auf die wenig bekannten geistlichen Opern 'Moses' und 'Christus' des russischen Komponisten Rubinstein hin, die den Stoffen ihre religiöse Fundierung wegnehmen und eine 'Entgeistlichung' durchführen.
Sehr spannend und interessant ist der Beitrag des Judaisten Morgenstern, der die 'hebräische Bibel als Medium der Kulturrevolution' in Osteuropa um 1900 betrachtet. Der Wunsch, die jahrtausendealte 'Last der jüdischen Exilssituation abzuschütteln', zugleich wurde der Talmud als unerträglich empfunden, habe bei nichtgläubigen Juden doch zu einer Neuwertung der hebräischen Bibel geführt. Sie plädieren diasporakritisch für eine kulturelle Identität, die politisch eine geschichtliche Kontiunität herstellt: von Kanaan über Palästina zu Erez Israel.
Ebenso interessant ist der zweite Beitrag von Czapla, der 'Erlösung im Zeichen des Hakenkreuzes' thematisiert, 'Bibel-Usurpationen in der Lyrik von Joseph Goebbels' und Baldur von Schirachs' nachweist. Schirach versuche so, 'die völkische Bewegung sakral zu erhöhen'.
Weitere Artikel in diesem anregungsreichen Band gehen auch auf didaktische Fragen ein.

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