Titel
The Selection vfg 2003. Auswahl der schweizerischen Berufsfotografie
Rezension

Aus 478 Einsendungen zum größten Fotopreis der Schweiz hat eine sechsköpfige Jury 17 Arbeiten bestimmt, die im Bildband The Selection vfg (Vereinigung fotografischer GestalterInnen) 2003 zusammengefaßt worden sind. Redaktionelle Fotografie, Werbefotografie, Fine Arts und Free bilden vier Auswahlkategorien, zu denen verschiedene Projekte, in der Regel vier bis acht Bildserien, eingereicht werden konnten. Es spielte dabei keine Rolle, ob die Fotografien konventionell oder digital, authentisch oder bearbeitet, schwarz-weiß oder farbig sind. Festgehalten und dokumentiert sind so aktuelle 'Entwicklungen und Trends in der Schweizer Berufsfotografie' (Umschlag innen) und 'sowohl im redaktionellen, journalistischen Bereich als auch im Bereich der Werbefotografie und der ‚Fine Arts‘ gefördert' (Nachspann).
Angesichts eines verstärkt marktorientierten Bilderverkaufs, dem immer mehr Bildredaktionen zum Opfer gefallen sind (wie Thomas Seelig zu Recht in seiner Einführung 'Fotografie kennt keine Grenzen' anmerkt), sind Veröffentlichungen aus der journalistisch ausgerichteten Berufsfotografie zunehmend bedeutender, dem The Selection im großen und ganzen auch Rechnung trägt.
Dem 'Trend in der Fotografie hin zu Geschichten' (Barbara Zürcher zu Projekt 208) bedient sich Fabian Biasio bei seiner Reportage 'Tagebuch einer Exekution': James Colburn hat 1994 in den USA gemordet, neun Jahre danach wird mit der Giftspritze Vergeltung geübt. Fotografisch begeleitet der Schweizer die Schwester des Hingerichteten vor, während und nach der Exekution, eingeschlossen die Bilder des leblosen Mörders. Die Grenzen zwischen Täter und Opfer sind geschickt verwischt, da Colburn beide Rollen besetzt; das gesetzte Recht der Todesstrafe ist damit in wenigen, knappen Sentenzen in Frage gestellt am Schicksal der Hinterbliebenen des Hingerichteten sowie im Tod des Täters: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Hier hat die Bergpredigt noch keinen Einzug halten dürfen; hier nimmt der Staat genauso wie der Mörder Leben, ohne es zurückgeben zu können; hier leben sich archaische Vorstellungen vom Blutrecht noch vollends aus. Politische Korrektheit ist angefragt, der die bebilderte Kurzgeschichte ungeschönt die bisher in den USA praktizierte, unreflektierte 'Wie-Du-mir-so-ich-Dir'-Praxis entgegenwirft und unantastbare Menschenwürde als Antwort einer verantwortungsvollen politischen Klasse einklagt.
Diesem sehr gehaltvollen und kontroversen statement sind in The Selection weitere gesellschaftliche (Dan Cermak zu 'Triumph'-Unterwäsche, das Porträt Hugo Loetschers von Marc Wetli, Christian Schwarz und 'Kreis 1' oder Tschumi/Küng sind besonders hervorzuheben) und politische Themen zu finden (etwa 'Friendly Fire' von Peter Tillessen, die Auslandsreportagen 'Das rote Pult in Südafrika' von Marcel Grubenmann und Katharina Wernli mit 'Die verbotene Liebe zum Balkan' sowie 'Army' von Reto Albertalli), ergänzt durch bildkompositorische Fotoversuche: Bea Lauper versetzt eine Person aus einer Originalaufnahme in immer neue Szenen und erschafft dadurch konstruierte Kontexte. Verblüffend (und beängstigend) ist, wie stark die immer gleiche Gestalt in ihrer Wirkung auf den Betrachter variiert. Die Macht der Bilder erfährt eine neue Dimension, denn Original und Fälschung sind nicht nur verwechselbar, sondern öfters ist das konstruierte Bild auch eingängiger, glaubhafter und verständlicher als die unveränderte Vorlage.
Eine Verfremdung ganz anderer Art bevorzugt Valentin Jeck, der in 'Menschen vor Ort, 2003' Passanten bittet, sich vor Gebäude zu plazieren. Dimension und Formen der Protagonisten prallen aufeinander, die der Architektur eine zusätzliche Härte und den Personen eine Künstlichkeit aufdrängt.
Wie sehr fallen demgegenüber z.B. der 'Linde Annual Report' und 'A 340-313' ab, die technische Gerätschaft abbilden, man mag sagen Maschinenfaszination porträtieren. Im Grunde aber bleiben sie inhaltslos, bereiten bestenfalls den schon oft rezitierten Technikglauben ästhetisch auf. Einfach nur schön findet Rez. im Vergleich zu den anderen im Band aufgenommenen Reportagen für The Selection viel zu wenig.
Das mag zum abschließenden Fazit überleiten, deutet sich doch bereits an: The Selection ist ein anspruchsvoller Band, thematisch wie technisch mit vielen herausstechenden Beiträgen. Es ist ein hohes Niveau erreicht, das in den nachfolgenden Jahren zu halten oder zu übertreffen nicht einfach sein wird, dadurch aber eine echte Herausforderung bleibt, die mit Spannung und Interesse zu verfolgen ist.

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