Titel
Basis-Diskothek Rock und Pop
Rezension

Über populäre Musik und den Rock sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zahlreiche Kataloge, Handbücher, Lexika und Entstehungsgeschichten verfaßt und veröffentlicht worden, jüngst von Peter Wicke, Tobias Althammer, Colin Larkin oder Martin Elste; länger zurückliegend die Nachschlagewerke z.B. von Julia Edenhofer oder Frank Laufenberg.

Neu ist die auf hundert Alben angelegte Anthologie zur Rock- und Popgeschichte von Uwe Schütte, (letzter) Promovend von W.G. Seebald (1944-2001), einerseits also Germanist, andererseits (erfolgreicher) Musikkritiker der Wiener Zeitung. Dort hatte er bereits einzelne Alben von Aphex Twin, Bonnie 'Prince' Billy, John Cale, Nick Cave, Peter Gabriel, Hood oder Sonic Youth, um nur einige zu nennen, in bester journalistischer Manier besprochen. Für die hier anzuzeigende Basis-Diskothek hat Schütte 'the best of' verschiedener Künstler ' dem künstlerischen Gelingen nach (vgl. S. 8) ' zusammengestellt.

Mehrere Verzeichnisse (Namen der Künstler resp. Bands; Albentitel; Erscheinungsjahr), Literaturempfehlung und Glossar machen das im bekannt handlichen Reclam-Format gehaltene Bändchen benutzerfreundlich. Ein kurzes Vor- und ein kleines Nachwort rahmen dann die Einzelbesprechungen der von Schütte ausgewählten 100 Alben ein.
Der Schwerpunkt liegt mit rund 90% aller Titel auf der Musik der 70er, 80er und 90er Jahre; die 'Entwicklungsphase' der Popmusik der 50er und 60er Jahre wird also weitgehend ausgeblendet. Schütte ist starren Regeln verpflichtet: Die Reihung der Beiträge folgt alphabetisch dem Künstler- oder Gruppennamen. Im Durchschnitt zwei Seiten müssen für Darstellung und Charakteristika jedes vorgestellten Albums wie des Künstlers oder der Gruppe genügen. Pro Interpret wird nur eine Arbeit berücksichtigt. Jedes Album wird inhaltlich kurz skizziert und mit dem gesamten ¼vre des Künstlers erläutert. Durch diese scheinbare Übersichtlichkeit hat Schütte sich aber Bärendienste erwiesen: Die Beiträge haben keine inhaltlichen Rückverweise zueinander, die man z.B. bei einer zeitlichen Auflistung über Stilistik und thematische Bezüge hätte herstellen können (Stichworte sind Taktgebung, Instrumentenauswahl, Gastmusiker, Produzenten etc.). Ebenso eine Alternative wäre gewesen, die Gruppen nach Musikgattungen zusammenzufassen und dann bestimmte Kriterien herausarbeiten, weshalb die im Büchlein besprochenen Alben zu einer 'Basis' gehören bzw. als stilprägend einzustufen sind. Schüttes angewandte Methodik öffnet seiner Subjektivität Tür und Tor statt einen repräsentativen Kanon vorzustellen, etwa bei seiner Vorliebe, die experimentellen Freuden eines Musikers zu bevorzugen und dabei zu verkennen, daß spätere Alben oft den (erfolgreichen) Abschluß einer experimentellen Phase kennzeichnen (z.B. Peter Gabriel [3] vs. So oder Dire Straits Love over Gold vs. Brothers in Arms). Es drängt sich deshalb der Eindruck auf, Schütte verfahre nach der (ebenso wie die Gliederung starren) Formel 'besserer kommerzieller Erfolg = schlechtere musikalische Qualität', vergleicht man z.B. die 'Verkaufsschlager' der im Buch aufgenommenen Künstler mit den von Schütte besprochenen Alben. Dieser scheut sich nicht einmal, den Santana-Millionenseller Supernatural zu ignorieren, der ' hervorragend produziert ' exzellente Musiker und reichhaltiges Musikrepertoire vereinigen konnte.

An diesem Bändchen hätte vieles sehr viel besser gemacht werden müssen, um dem Anspruch einer Basis-Diskothek gerecht zu werden: Auswahlkriterien transparent gestalten, je nach Funktion und Bedeutung im Buch mehr oder weniger Platz für eine Darstellung einräumen, Rückbezüge erarbeiten, musikgeschichtliche Bedeutung herausstellen. Eine bessere Recherche hätte dem Autor sicher geholfen, elementare Fehler bei Gliederung und Aufbau zu vermeiden (seine spärlichen Literaturempfehlungen stützen diesen Verdacht). Hier darf man auch den Verlag nicht ausnehmen, der ein Buch veröffentlicht hat, ohne inhaltliche Kriterien klar umreißen zu lassen, und deswegen Beliebigkeiten Vorschub leistet.

Wer sich für Schütte und seine Musikbetrachtung interessiert, mag mit diesem Heftchen glücklich werden, wer auf der Suche nach Basis-Werken der Rock- und Popmusik ist, dem rät der Rezensent, sich den Verkaufskatalog von Zweitausendeins (http://www.zweitausendeins.de/) zu bestellen ' der ist kostenlos, aber für das Thema 'Basis-Diskothek' nicht umsonst.

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