Titel
Die Geschichte des Orientalischen Tanzes in Ägypten
Rezension

Der Orientalische Tanz, auch Bauchtanz oder Raqs sharqi ('östlicher/orientalischer Tanz') genannt, erfreut sich auch außerhalb des arabischen Kulturkreises seit Jahrzehnten einer großen Beliebtheit. Dabei werden in den unterschiedlichsten Kursen im allgemeinen eher die technischen Grundlagen des Tanzes vermittelt, ohne daß seine Wurzeln, Geschichte und vielfältige Entwicklung hinterfragt werden. Dies bietet natürlich Raum für vage Spekulationen, besonders was das Alter des Orientalischen Tanzes und seine mutmaßlichen Entstehungsgründe betrifft. Ein Grund dafür ist aber auch die etwas magere wissenschaftliche Literaturbasis zu diesem Thema.
Das zu besprechende Buch stellt sich daher die Aufgabe, mit einigen Mißverständnissen aufzuräumen, mit denen die Kunstform des Orientalischen Tanzes im Westen leider immer noch behaftet ist, und den Weg des Tanzes vom Orient zum Okzident sowie seine Rezeption in der westlichen (Tanz)kultur, z.B. in Ballettchoreographien und Spielfilmen, darzustellen. Gleichzeitig will die Autorin auch den umgekehrten Weg gehen, d.h. die westliche Beeinflussung des Tanzes im arabischen Raum skizzieren. Einen weiteren und großen Teil des Buches nimmt die Beschäftigung mit den Biographien der Frauen ein, deren Leben in Ägypten diesem Tanz verschrieben war. Gerade dieser Abschnitt liest sich sehr spannend und gibt viele Hinweise auf das Innenleben Ägyptens zu der Zeit, als das Land große Veränderungen erfuhr.
Die Zielsetzung der Publikation ist es aber nicht, eine Kulturgeschichte des Orientalischen Tanzes von der Frühzeit bis in heutige Tage vorzulegen. Die Autorin, Berner Ägyptologin und selbst Tänzerin mit langjähriger Erfahrung, geht lediglich stichwortartig auf dieses Thema ein, zumal die Quellenlage dürftig und mißverständlich ist ' so ist es z.B. schwierig bis unmöglich, anhand von Tanzdarstellungen in ägyptischen Gräbern auf das Wesen der Tänze zu schließen.
Vielmehr beschäftigt sich Lüscher mit so interessanten und konkret faßbaren Quellen wie frühen Berichten europäischer Reisender über Tänze und Tänzerinnen, die sie in Ägypten beobachteten. Obwohl stark subjektiv und häufig negativ gefärbt, bieten diese dennoch einen Einblick in das Land vor dem Erscheinen westlicher Einflüsse, reichen sie doch bis ins 15. Jahrhundert zurück. Schon damals wurden die Grundlagen zu den beiden extremen Positionen gelegt, die die Einstellung des Westens zum Orient bis heute prägen: Naive Begeisterung oder überhebliche Ablehnung. Interessant ist auch, daß Lüscher in einem Kapitel ein sicherlich auch vielen heutigen westlichen Tänzerinnen unbekanntes Thema anschneidet. Sie stellt deren frühe 'Kolleginnen' vor, nämlich zwei Berufsgruppen von Tänzerinnen vergangener Tage, die Awâlim (Tänzerinnen und Sängerinnen, die verschleiert in Privathäusern auftraten) und die Ghawâzi (unverschleierte, 'öffentliche' Tänzerinnen).
Eine weitere wichtige Forschungsgrundlage der Autorin bilden ägyptische Quellen, die allerdings viel später, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, einsetzen. Damals wurde der Orientalische Tanz in Ägypten durch das Erwachen der Film- und Fernsehindustrie und der Cabarets und Clubs zu einer Bühnenkunst weiterentwickelt und konnte so ein breiteres Publikum erreichen. Dieses 'Goldene Zeitalter' (ca. 1940 bis 1960) der ägyptischen Tanzfilme und ihrer Stars wird von der Autorin ausführlich behandelt, es bildet den Schwerpunkt der Publikation. Dies ist insofern verständlich, wenn man bedenkt, daß sich in diesem Zeitraum die grundlegende Modernisierung und Industrialisierung Ägyptens vollzog. Die Stars der Kairener Tanz- und Musikszene entwickelten sich schnell zu Berühmtheiten in der gesamten arabischen Welt.
Insgesamt ist dieses Buch eine echte Bereicherung für alle Tänzerinnen, die etwas über Geschichte und Hintergrund des Orientalischen Tanzes erfahren möchten. Darüberhinaus ist es aber auch für ein breiteres Publikum eine interessante Quelle für die Beleuchtung des kulturellen Austausches zwischen Orient und westlicher Welt, wobei die Tatsache faszinierend ist, daß jeweils offenbar meist ein Transfer von Klischees vonstatten ging. Wer würde beispielsweise vermuten, daß das heute bekannte zweiteilige Glitzerkostüm der Tänzerinnen den direkten Einfluß früher Hollywoodfilme auf den Orient widerspiegelt und keine genuine einheimische Entwicklung ist? Gerade vor dem Hintergrund der heutigen politischen Lage ist es sicher interessant, die Entstehung und Entwicklung von Vorurteilen zwischen Orient und Okzident zu erforschen und Lehren daraus zu ziehen. Hat sich seither wirklich soviel geändert?
Wunderschöne Fotos, meist Filmfotos von Tänzerinnen in Ägypten und ihre westlichen Spiegelbilder im orientalisierenden Stil vor allem des amerikanischen Kinos, runden die Publikation ab. Darüberhinaus gibt es Filmographien der drei bekanntesten Tänzerinnen Tahiya Kâriôka, Sâmya Gamâl und Naîma Akef sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis. Die Autorin weist außerdem darauf hin, daß als Ergänzung zu den im Buch behandelten Themen eine Video-Serie unter den Namen The Stars of Egypt erschienen ist, in Zusammenarbeit mit dem bekannten ägyptischen Perkussionisten Hossam Ramzy.

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