Titel
Die Kelten in Deutschland
Rezension

Der Titel könnte zunächst Erstaunen und Vorbehalte auslösen: Erstaunen sicher bei dem Teil der Leserschaft, die den Begriff 'Kelten' bisher vor allem mit den westlichen Randbereichen Europas verbunden hatte, und Vorbehalte beim Fachpublikum, ob es denn überhaupt möglich sei, ein solch weitgefächertes Thema in einem einzigen Band zu behandeln. Doch, es ist möglich, und das Ergebnis mutet wie eine Mischung aus sorgfältig recherchierten Fakten und spannender Unterhaltung an. Es ist schwierig gewesen, den Spagat zwischen allgemein verständlicher Information und wissenschaftlichem Anspruch zu halten, und genauso wichtig ist, es zumindest zu versuchen. Denn allgemeine Einführungen und Überblicke zur Archäologie in Deutschland sind leider noch immer Mangelware, im Gegensatz zu lobenswerten Ansätzen in der angelsächsischen Welt; aber langsam zeichnet sich auch hierzulande ein Wandel ab, der zu begrüßen ist. Dies um so mehr, da gerade in den letzten Jahren durch gezielte Forschungsgrabungen und aufsehenerregende Entdeckungen große Fortschritte auf dem Gebiet der Keltenforschung gemacht wurden, die aber leider zumeist durch ihre Publikation in sehr spezialisierter Literatur nur einem begrenzten Kreis zugänglich gewesen sind.
Den ersten Teil des Buches bestreitet Sabine Rieckhoff, indem sie auf fast 300 Seiten eine Ereignis- und Kulturgeschichte der Kelten in Mitteleuropa vom siebten bis zum ersten Jahrhundert v.Chr. entwirft. In drei großen Kapiteln zu den Themenbereichen 'Kelten heute', 'Im Bannkreis des Südens: Die Frühzeit' und 'Das Geld, die Schrift, die Stadt: Die Spätzeit' werden alle möglichen Aspekte keltischen Lebens auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands anschaulich dargestellt, aber die Möglichkeit des Blicks auf angrenzende keltische Siedlungsgebiete in Europa bleibt immer gewahrt. Dies ist insofern wichtig, sind doch 'die Kelten' ein europäisches Phänomen, eine differenzierte kulturelle Entwicklung über mehrere Jahrhunderte im Herzen Mitteleuropas und auch weit darüber hinaus.
Eine solche Gesamtdarstellung ist natürlich ein mutiges Unterfangen, kann jedoch als gelungen bezeichnet werden, denn die Ergebnisse vor allem der archäologischen Keltenforschung werden in eine lebendige, verständliche Sprache übersetzt, so daß man sich an mancher Stelle fast in einen historischen Roman versetzt fühlt, freilich ohne deren oft 'großzügige' Interpretationen.
Eine Zusammenstellung der wichtigsten keltischen Denkmäler in Deutschland war bislang ebenfalls ein Desiderat, das jetzt unter der Leitung von Jörg Biel Wirklichkeit geworden ist. Das so entstandene geographische Lexikon umfaßt etwa 130 Fundstellen der wichtigsten Siedlungen, Gräber und Gräberfelder, Kultplätze und Deponierungen sowie frühindustrieller Zentren aus keltischer Zeit und bildet den zweiten Teil des anzuzeigenden Bandes. Die einzelnen Einträge enthalten knapp und präzise die wichtigsten Informationen zu den Denkmälern (z.B. Lage, Forschungsgeschichte, Funde, Funktion), aber auch auf deren heutigen Zustand und Besuchswert wird eingegangen, so daß ein Wunsch der Autoren wohl erfüllt werden kann, die Leser mögen 'sich selbst auf die Spuren der Kelten begeben'.
Der Anhang enthält ein ausführliches Literaturverzeichnis, das thematisch nach den Kapiteln des Buches aufgeteilt ist, außerdem bibliographische Hinweise auch zu Fundorten, die zwar im ersten Teil erwähnt, aber nicht in der Topographie aufgegriffen wurden, sowie ein umfangreiches Register.

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